Serie: Wider alle Vernunft

Nr. 18 –

Filmstill aus «Baby Reindeer»
«Baby Reindeer». Idee und Buch: Richard Gadd. Grossbritannien 2024. Netflix.

Alles fader Einheitsbrei auf Netflix? Nicht nur. Die neue britische Miniserie «Baby Reindeer» sprengt fast jede Erwartung, die man an eine Nummer 1 aus dem dubiosen Reich der «Top-10-Serien in der Schweiz heute» haben mag. Das häufigste Wort, das in Kommentarspalten zu «Baby Reindeer» fällt: «krank». Der Hinweis, es handle sich um eine Stalkergeschichte, ist bloss eine notdürftige Vorbereitung auf das, was kommt. Ein weiterer Fingerzeig ist die seltene Altersfreigabe «18+ (Rauschmittel, sexuelle Gewalt)».

Der Schriftsteller Richard Gadd hat eine aberwitzige, todtraurige, heillos verkorkste Episode aus seinem Leben aufgeschrieben und spielt sich darin gleich selber: als glückloser Stand-up-Comedian und Barkeeper Donny, der mietfrei bei der Mutter seiner Ex wohnt. Bis sich eines Tages Martha (Jessica Gunning: gefährlich gut) vor ihm an den Tresen pflanzt. Dass er ihr eine Cola spendiert, setzt wahre Sturzbäche an Gefühlen frei, harmlose Sätze werden für sie zu eindeutigen Codes. Sie bombardiert ihn mit Abertausenden von Liebesbekundungen. Er wiederum sendet ambivalente Signale in ihren Wahnsinn zurück – ob aus Menschenfreundlichkeit, Unentschlossenheit oder Naivität, ist zunächst unklar. Sogar nachdem sich Martha als gewaltbereite, verurteilte Stalkerin herausgestellt und er die Polizei eingeschaltet hat, bleibt er ihr auf verwickelte Weise hörig. Hinter ihrer schrillen Besessenheit mit ihm entblättern sich seine eigene bodenlose Einsamkeit und ein Trauma, das in der quälend langen vierten Folge konkret Gestalt annimmt.

Diese Menschen verhaken sich in selbstzerstörerischen Abhängigkeiten, handeln bar jeder Vernunft. Flackert hinter jedem Augenpaar ein Irrlicht? «Baby Reindeer» ist ein Fest für Psychoanalytiker:innen und eine Serie mit Suchtpotenzial für alle. Am Ende sitzt Donny völlig fertig selber an einem Tresen – und kriegt vom Barkeeper ein Getränk geschenkt. Da sind wir schon so weit, dass uns wegen dieser harmlosen, freundlichen Geste der kalte Schweiss ausbricht.