Die Welt dreht sich: Zigarren und Whisky

Nr. 39 –

Rebecca Gisler über Frankreichs neuen Premier

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Frankreich hat seit dem 9. September einen neuen Premier: «Monsieur Chasse», Herr Jagd, auch Sébastien Lecornu genannt. Seinen Namen hatte ich schon des Öfteren gehört, aber noch nie genauer recherchiert. Wer ist dieser neue Regierungschef? Wie so oft gibt das Internet Antworten auf alle Fragen. Auch über Sébastien Lecornu finden sich so einige interessante Informationen. Meine Nachforschungen musste ich schon bald auf die Kindheit, Vorlieben und ideologischen Einstellungen von Lecornu begrenzen. Die Karriere und die vielen politischen Mandate überspringe ich bewusst.

Sébastien Lecornu ist 39. Klickt man sich durch die Bilder im Internet, erkennt man auf den meisten Fotos eine martialische Zornesfalte auf seiner Stirn. Nicht zuletzt wegen der Falte könnte er auch locker ein paar Jahre mehr auf dem Buckel haben. Als Einzelkind wuchs er in der Normandie auf. In der Normandie habe ich auch schon gelebt. Aber nur ein paar Wochen. In einer Schreibresidenz. Da durfte ich viele Orte der Region erkunden. Egal wohin man blickte, überall versteckte sich ein Randengeruch, ein englischer Friedhof oder eine andere Erinnerung an den Ersten Weltkrieg.

An den Schulen, so erfuhr ich damals, ist der Erste Weltkrieg meist ein unbesprochenes Thema, was mich überraschte, weil ich vielmehr dachte, dass das Ziel sei, die Kinder über die Vergangenheit eines Ortes aufzuklären. Lecornu indes begeisterte sich anscheinend schon früh für das Militär und die Politik und wollte zunächst Soldat werden. Er versuchte sich aber auch im Klosterleben in einer Abtei. Die Gründe, weshalb er diesen Versuch wieder aufgegeben hat, sind leider nicht zu lesen.

Das Klosterleben wäre wahrscheinlich ein besserer Lebensweg für Lecornu gewesen als das Regieren. Weitere Recherchen ergeben, dass er von «Mediapart» als «Provinzbaron» beschrieben wird, der eine «altmodische, konservative Rechte» verkörpert. Im Jahr 2012 lehnt er die gleichgeschlechtliche Ehe ab. 2015 spricht er sich gegen Leihmutterschaft und medizinisch assistierte Fortpflanzung aus. Einige Jahre später habe er diese Stellungnahme neu formuliert.

«Monsieur Chasse», so wurde er zu Beginn der ersten fünfjährigen Amtszeit von Emmanuel Macron vorgestellt, setzt sich für die traditionelle Jagd ein und hat die Kosten für den nationalen Jagdschein gesenkt. Er selbst ist aktiver und mit seinen 39 Jahren ein eher junger Jäger. Die Jäger, denen ich in der Bretagne auch oft im eigenen Garten begegne, wie sie mit bellenden Hundescharen das letzte Wildschwein des Herbstes zu verfolgen versuchen, sind eher ältere, sehbeeinträchtigte Männer.

Weitere Vorlieben Lecornus sind Zigarren und Whisky. Und die Musik von Johnny Hallyday. Abgesehen von diesem letzten Punkt, der noch einer Überprüfung bedarf, scheint Sébastien Lecornu – wie viele andere Politiker:innen, die das Land regieren – sehr weit von der Lebensrealität der Bevölkerung entfernt. La chasse, le whisky et les cigares – Bollorés, Macrons et Lecornus. Wessen Leben ist das? Im Lied «Paris» des Musikers Marius Atherton lauten die ersten beiden Sätze: «Paris ist eine etwas besondere Stadt, oder ist sie einfach nur seltsam normal? Man weiss nicht mehr so recht, wann man lachen oder wann man weinen soll.» Diese schlichten Zeilen treffen auf erstaunlich feine Weise den Nerv der Gegenwart – und das nicht nur in Frankreich. Leben wir in einer etwas besonderen Welt – oder einfach nur in einer seltsam normalen?

Rebecca Gisler ist Autorin und lebt in Zürich.

Marius Atherton: www.mariusatherton.bandcamp.com.