Der Anstadt droht das Aus: Kann das weg?

Nr. 47 –

Diesen Artikel hören (2:30)
-15
+15
-15
/
+15

Die Anstadt soll weichen. Seit 2018 betreiben und bewohnen Besetzer:innen unter diesem Namen einen Wagenplatz auf einem Teil des Berner Gaswerkareals in der Nähe des Marzilibads. Längst ist die Besetzung geduldet und regularisiert. Nun aber will das Berner Parlament das Areal mit überwiegend gemeinnützigen Wohnungen bebauen. Am 30. November befindet die Stimmbevölkerung über den Vorschlag, der neuen Wohnraum für rund tausend Leute vorsieht. Sogar die FDP spricht sich für eine Annahme aus. Wer soll da auch dagegen sein?

Wenn es doch nur so einfach wäre. Wenn doch nur steigende Mieten, Gentrifizierung und Verdrängung, wenn diese ganze Misere, die unsere Städte veröden und unsere Bankkonti versiegen lässt, bloss eine Frage des Wohnungsmangels wäre und man diesem beikommen könnte, indem man möglichst viele bezahlbare Wohnungen auf möglichst viele unbebaute Areale klotzt, bis irgendwann die Mieten nicht mehr steigen.

Aber Mieten steigen nicht – sie werden erhöht. Und eine Stadt ist mehr als eine Ansammlung von Wohnungen; gute linke Stadtplanung bemisst sich nicht allein daran, wie viel günstigen Wohnraum sie vorsieht. Es ist eben nicht einfach.

Dass Besetzungen bezahlbarem Wohnraum weichen müssen, kam schon mehrmals vor. Auf dem ehemals besetzten Zürcher Koch-Areal etwa sind die neuen Genossenschaftswohnungen bald bezugsbereit. Für die neuen Bewohner:innen dürfte der Einzug eine grosse Erleichterung sein; doch der Stadt fehlt seither eines ihrer politischen und kulturellen Zentren, die Mieten steigen weiter, und das Quartier rund um das Koch-Areal erfährt weiterhin eine ungehemmte Aufwertung.

Die Anstadt wehrt sich gegen die Überbauung, kämpft für ihren Erhalt und gegen die Vorlage und stösst damit auf viel Verständnis bei den Sozialdemokrat:innen. Der Wagenplatz ist schliesslich nicht nur Zuhause für ein paar Dutzend Leute, sondern ein Kultur- und Veranstaltungsort: einer dieser Freiräume, in denen utopische Ideen, die über die pragmatisch-parlamentarische Alltagsverwaltung hinausweisen, entstehen können – als Gegenentwürfe zur Gesellschaft. Vorgesehen sind diese quasi von Natur aus nie. Gerade das macht sie so wichtig.