Wohnpolitik in Winterthur: Der Fall «Mumpitz»
Ein Wagenkollektiv besetzt ein Grundstück – und möchte bleiben. Es solle verschwinden, fordert dagegen der SP-Stadtrat, der sich für bezahlbaren Wohnraum einsetzt.
Wenn Nils Sesari* morgens vor seine Tür tritt, hört er die Autobahn noch lauter rauschen als in der Nacht. Gelegentlich fährt ein Zug wenige Meter hinter seinem Wagen vorbei; und bei Regenwetter muss er darauf achten, nicht neben die selbstgebauten Holzwege zu treten, um nicht auszurutschen. Doch für seine Mitbewohner:innen und ihn ist dieser Ort ein wunderbares Zuhause.
Fünf Wagen stehen auf dem Platz im Winterthurer Quartier Nägelsee. Die Bewohner:innen leben hier so, wie sie es sich wünschen: selbstbestimmt und jenseits der Logik des überhitzten Immobilienmarkts. Das Kollektiv «Mumpitz» tritt als geschlossene Gruppe auf. Wenn sie von sich erzählen, dann mit Vorsicht – die Informationen könnten gegen sie verwendet werden, fürchten sie. Nur so viel: Sie sind jung, alle haben sie Arbeit, sind aktivistisch tätig; sie engagieren sich etwa in Gewerkschaften. Sie kennen einander aus linken Kreisen. Aus dem gemeinsamen Wunsch heraus, eine alternative Wohnform zu schaffen, entstand «Mumpitz». Zuvor lebten sie auf anderen Wagenplätzen, in besetzten Häusern oder in Wohngemeinschaften.
Sieben Monate vor der Besetzung hätten sie die Stadtverwaltung kontaktiert und eine Bewerbung für einen Wagenplatz geschickt. Sie wurden an das Finanzdepartement verwiesen. Es sei ein Hin und Her gewesen, sagen sie. Sie schrieben Politiker:innen an – und bekamen Absagen oder Verweise auf andere Institutionen. Dass die Gruppe als Kollektiv auftritt und keine Namen nennen will, sei ein zusätzliches Hindernis gewesen. Nach längerer Suche fanden sie den Platz in der Industriezone, den sie seit Dezember besetzen – eine ungenutzte städtische Fläche, für die derzeit nichts geplant ist. Die Nachbar:innen hätten sie freundlich aufgenommen. «Am Anfang hielten uns viele für Foodtrucks oder einen Zirkus», erinnert sich Melanie Ruggle*. Sie verteilten Infoflyer und luden zu einem Nachbarschaftsapéro ein; alles sei friedlich verlaufen. Doch kurz darauf begannen die Probleme mit SP-Stadtrat Kaspar Bopp. Er ist Vorsitzender des Finanzdepartements, das die städtischen Liegenschaften samt dem Grundstück verwaltet.
Links gegen links
In Städten wie Bern, Biel, Zürich oder Luzern genehmigten die Behörden mehrere Wagenplätze. In Winterthur hingegen gibt es nur die privat organisierte «Grienen Wohngemeinschaft», wo es gelegentlich Kapazitäten für einzelne Wagen gibt. Wie fast in der gesamten Schweiz ist bezahlbarer Wohnraum auch hier ein Politikum. Seit Jahren engagieren sich Bewohner:innen in der «Häuservernetzung Winterthur»; unter anderem jene der räumungsbedrohten «Gisi», der ältesten Hausbesetzung der Stadt (siehe WOZ Nr. 34/25).
Im vergangenen Jahr scheiterte die lokale SP-Initiative für eine Verdopplung von Genossenschaftswohnungen bis 2040. Nun versucht es die SP Winterthur mit einem neuen Vorstoss. Dieser zielt auf die Gründung einer städtischen Stiftung, die bezahlbaren Wohn- und Gewerberaum schaffen soll. Dabei hat die SP wohl auch die Stadtratswahlen vom 8. März 2026 im Blick. Die Partei will ihre drei Sitze im Gremium sichern und mit Finanzvorsteher Kaspar Bopp das Stadtpräsidium gewinnen.** Auf seiner Website wirbt Bopp damit, dass er sich für bezahlbaren Wohnraum einsetze, «damit Winterthur durchmischt, lebendig und für alle zugänglich bleibt».
Das «Mumpitz»-Kollektiv will der SP-Politiker aber loswerden. Auf Anfrage sagt er: «Das besetzte städtische Grundstück im Quartier Nägelsee liegt in der Industriezone, wo Wohnen nicht erlaubt ist. Zudem hat die Personengruppe, die als Wagenplatzkollektiv ‹Mumpitz› auftritt, ihre Wagen ohne Bewilligung auf dem städtischen Grundstück abgestellt. Das Vorgehen, mit einer illegalen Besetzung einfach Fakten zu schaffen, kann die Stadt nicht tolerieren.» Das Kollektiv bleibt dabei: «Wir können uns nicht in Luft auflösen. Wir wohnen seit einem Jahr hier – wo sollen wir hin?» Es wünscht sich: Legalität. «Eine Fläche, die wir nutzen dürfen, oder eine Zwischennutzung, für die wir auch Miete zahlen. Mit einem Vertrag würde die Stadt sogar verdienen», argumentieren sie. Darauf will das Finanzdepartement nicht eingehen. «Auch eine temporäre Zwischennutzung würde gegen die geltenden Bau- und Zonennutzungsvorschriften verstossen», entgegnet Bopp.
Recht oder Repressionshammer?
Weil das Kollektiv nicht wegziehen will, sind die Fronten verhärtet. Es läuft ein Strafverfahren gegen die Besetzer:innen wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung, parallel dazu ein Zivilprozess – wegen Verstoss gegen die Bau- und Zonenordnung. Nachdem das Bezirksgericht zunächst nicht auf die Klage der Stadt im Mai eingegangen war, zog diese weiter ans Obergericht. Dieses verwies den Fall jedoch im September zurück ans Bezirksgericht. Die Anwaltskosten deckt das Kollektiv aus eigener Tasche und mit Geld aus Solibars. Auf die Frage, wie teuer die Prozesse für die Stadt gewesen seien, will Bopp nicht antworten. Für die Erarbeitung der Rechtsschriften sei für die Stadt bisher nur interner Aufwand entstanden, heisst es.
«Es ist bezeichnend, dass Politiker:innen, die sich für günstigen Wohnraum einsetzen, den Repressionshammer schwingen, wenn wir genau das realisieren», kritisiert das Kollektiv. Auf die Frage, was sie Bopp sagen würden, wenn sie direkt mit ihm sprechen könnten, antworten sie: «Chill mal deine Base.» Sie lachen. «Wir sind ganz friedlich auf einer Wiese und stören niemanden. Lass uns doch gemeinsam eine Lösung finden, statt über Anwälte zu kommunizieren.»
* Name von der Redaktion geändert.
** Korrigenda vom 17. November 2025: In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels stand, die SP wolle erstmals das Stadtpräsidium gewinnen. Richtig ist, dass die Partei mit Ernst Wohlwend bereits von 2002 bis 2012 das Stadtpräsidium innehatte.