Vom Feld ins Parlament: Optimistisch und naiv genug
Der Wahlgenfer Rudi Berli zieht für die Grünen als neustes Mitglied in den Nationalrat ein. Was sucht ein Altaktivist im Parlament?
Die Russische Revolution – schon nach ein paar Minuten ist Rudi Berli bei den ganz grossen politischen Bögen angelangt. Er spricht über das Selbstverständnis von Landwirt:innen, deren Verhältnis zur Linken und zu den historischen Konflikten mit der Arbeiter:innenbewegung. Eben auch damals in Russland. «Die Bauern waren für die Revolution entscheidend», sagt Berli. Dann zieht er seine Arbeitskleidung an, Gummistiefel, Regenhose, und stellt sich in ein Feld, um fürs Foto zu posieren.
In letzter Zeit musste er sich öfter ablichten lassen. Vor allem Westschweizer Medien haben ihn auf dem genossenschaftlich organisierten Landwirtschaftsbetrieb im Kanton Genf besucht, rund dreissig Minuten von der Innenstadt entfernt. Denn ab Anfang Dezember politisiert Rudi Berli für die Grünen im Nationalrat. Sein Vorgänger Nicolas Walder ist im Oktober in die Genfer Kantonsregierung gewählt worden, Berli rückt nun nach.
Für die Planwirtschaft
In den bisherigen Medienberichten über den 62-Jährigen geht es überwiegend darum, dass Rudi Berli «Auslandschweizer» sei, was seltsam ist, weil er nur einige Hundert Meter von der Grenze entfernt lebt, wie so viele Leute, die in Genf arbeiten. Mit seinen drei Kindern und seinem Einkommen knapp über dem Mindestlohn habe er sich die Miete in der Stadt nicht mehr leisten können.
Der Fokus auf Berlis Wohnort dürfte damit erklärt sein, dass es derzeit keine anderen Auslandschweizer:innen im Parlament gibt. Landwirt:innen gibt es zur Genüge. Von ihnen vertreten fühlt sich der Bauer Berli aber kaum. Er spricht von einer historischen Allianz des Grossbürgertums mit der Landwirtschaft. Profitiert habe davon nur das Kapital, den Bäuer:innen gehe es immer noch schlecht. Viele von ihnen seien Working Poor, tief verschuldet, für einen schlechten Lohn jeden Tag von früh bis spät an der Arbeit.
Verantwortung dafür trage auch die Linke, sagt Berli. «Fast alle Politiker:innen haben heute Angst davor, das Wort ‹Planwirtschaft› überhaupt in den Mund zu nehmen», sagt er. «Ich teile diese Angst nicht.» Viele seiner Berufskolleg:innen seien offen für Ideen, die Lebensmittelproduktion anders zu organisieren, da ist er überzeugt. Es fehle bloss an der Organisierung, für die sich Berli als Sekretär der Gewerkschaft Uniterre jahrzehntelang starkgemacht hat. Dieses Amt hat er nun niedergelegt.
Schliesslich seien die Bäuer:innen ohnehin nur dem Schein nach selbstständig, sagt Berli. Das Duopol von Migros und Coop könne mehr oder weniger frei über die Preise von Lebensmitteln entscheiden. «Die planen ja auch.» Einfach für ihre eigenen Interessen – gerade in der Landwirtschaft zeige sich so gut wie in fast keinem anderen Wirtschaftsbereich, dass der Markt nicht dazu tauge, Produktion und Distribution gerecht zu organisieren, sagt er.
Demgegenüber könnte das historisch-gewerkschaftliche Selbstverständnis organisierter Bäuer:innen auch anderen Sektoren als Modell dienen: «Weil sie nicht nur stets für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft haben, sondern auch Einfluss darauf genommen haben, was sie überhaupt produzieren.» Ein Hauch von Anarchosyndikalismus kurz vor dem Eintritt ins Parlament.
Die Machtfrage
Rudi Berli ist überhaupt erst vor zwei Jahren den Grünen beigetreten, hat bei den letzten Wahlen aber ein gutes Resultat erzielt. Man kennt ihn in Genf, wo er seit Jahrzehnten linken Aktivismus betreibt. «Ich solidarisiere mich schon lange mit sozialen Kämpfen, gegen die repressive Asylpolitik, bin solidarisch mit dem Feminismus», sagt Berli. «Am meisten aber stehe ich für eine Landwirtschaftspolitik ein, die sich als Teil dieser emanzipatorischen Bewegungen versteht.»
Politisiert hat ihn die Achtzigerbewegung in Zürich, wo er damals wohnte. «Es ist da ein kollektives Bewusstsein entstanden», sagt er, «dafür, dass wir viele sind – und dafür, dass es Hoffnung geben kann.» Später zog er nach Genf, um eine Ausbildung zum Gärtner zu absolvieren; schloss sich der Landwirtschaftskooperative Les Jardins de Cocagne an, damals noch eine von wenigen – «heute gibt es Hunderte Kooperativen in ganz Europa».
Die Landwirtschaftspolitik, sie wird im Gespräch mit Berli zu einer Art utopischer Spielwiese: Er erkennt darin ein Werkzeug für grundsätzliche Marktkritik; auch Bürgerliche sind sich einig, dass es ohne staatliche Eingriffe keine Bauernhöfe mehr gäbe. Und in den Bäuer:innen sieht er, eher überraschend, ein progressives Potenzial. «Letztlich haben die Bäuer:innen die Macht», sagt Berli zum Schluss. «Ich meine nicht die Macht im Parlament, sondern die reale Macht auf den Höfen: darüber, was in der Schweiz produziert wird.»
Wieso geht er dann trotzdem den parlamentarischen Weg? Inzwischen sitzen wir in einer gut gefüllten Landkneipe. Er glaube daran, dass es sowohl von innerhalb als auch von ausserhalb des Parlaments Druck brauche. Und: «Im Bereich der Landwirtschaftspolitik hoffe ich, dass es möglich ist, Allianzen zu schmieden.» Wie überzeugt er selbst davon ist, ist freilich etwas unklar. Jedenfalls sagt er:«Dafür bin ich optimistisch und naiv genug.»