Von oben herab: Dienst ist Dienst
Stefan Gärtner wünscht sich Duschen ohne Müll
Meine Schwiegereltern waren zu Besuch, und das ist, ganz ehrlich, kein Problem und freut mich sogar, schon weil es die Kinder freut und wir, drei gebildete Menschen des Wortes, bestens miteinander auskommen. Nur die Ansichten darüber, was eine gut geheizte Wohnung sei, gehen ziemlich auseinander, schon weil der Opa die achtzig überschritten hat und auch in einem milden Spätherbst eher friert; weshalb ich dann manchmal nach Hause komme und gegen diese spezifische Wand aus Wärme laufe, wie ich sie vom Zivildienst kenne, zumal aus der Wohnung der alten Frau P., wo der Ölofen immer volle Pulle lief. Dann gab es morgens Kaffee, und es war trotzdem fast unmöglich, in der dicken Wärme nicht einzuschlafen.
In der Schweiz ist jetzt die Service-Citoyen-Initiative abgelehnt worden, und zwar mit einer Mehrheit von 84 Prozent. In Deutschland ist schon so oft von einem allgemeinen Dienstjahr die Rede gewesen, dass Zweifel daran erlaubt sind, dass es jemals kommen wird. Das ist verständlich, denn um «Dienst» reisst sich niemand, schon gar nicht in einem Alter, wo man lieber in der Welt herumgondelt. Als in Deutschland die Wehrpflicht ausgesetzt worden war und es auch keinen Wehrersatzdienst mehr gab, wussten junge Leute plötzlich nicht, was tun mit der Zeit zwischen Schule oder Ausbildung und dem sogenannten Ernst des Lebens, und ziemlich schnell schälten sich, jedenfalls unter denen, die Abitur gemacht hatten, zwei Modelle heraus: Die einen gingen erst mal nach Australien, die anderen gleich an die Universität, was zu Zeiten, als das Abitur nach zwölf (statt dreizehn) Jahren zur Regel wurde, die Kuriosität ergab, dass die Eltern zur Immatrikulation antreten mussten, weil Sohn oder Tochter oft noch gar nicht volljährig waren.
Als berufsmässiger Feigling wäre ich sicher nicht nach Australien, sondern an die Universität gegangen und würde mich jetzt nicht an Frau P. erinnern, die nur noch zwei Zähne hatte und in deren Buffetschublade ich eines Tages Bankunterlagen fand, die einen fantastisch negativen Saldo auswiesen. Die Frau war hochverschuldet, weil sie ihre Rente an den alkoholkranken Sohn überwies, und mit Frau P. zum Zahnarzt zu gehen, war das eine, ihr Häuschen gemeinsam an eine junge Familie zu verkaufen und Frau P. im Parterre einen Niessbrauch einzurichten, das andere, auf irgendeine vergessene Weise ins Werk Gesetzte. Frau P. ist freilich lange tot; ich hab sie noch im Altenheim besucht.
Wer jetzt erwartet, dass daraus ein Plädoyer für eine Dienstpflicht, ein Bürgerjahr oder was auch immer folgt, irrt. Ich sage lediglich, dass mir der Zivildienst gut bekommen ist, und zwar nicht einmal nur als Teil der gern beschworenen «Persönlichkeitsbildung». Es gab nämlich auch Sold, ich wohnte zu Haus, und plötzlich hatte ich sehr viel Geld und vertrank es in einem Alter, wo die weite Welt am Beizentisch sowohl begann als auch endete. Am nächsten Tag warteten dann nicht Akademie und Schreibtisch, sondern Katheter und Windeln und falsche Zähne, und es war oft langweilig, manchmal anstrengend, und selbstredend war man froh, als es herum war, aber auf eine zufriedene, stolze Weise. Natürlich haben die Leute recht, die sagen, der Staat solle für ein ausreichend finanziertes Gesundheits- und Pflegesystem sorgen, statt junge Leute einzuspannen. Es haben vielleicht sogar die Leute recht, die sagen, dass sie für diese Art Staat sowieso keine Hand rühren würden. Gleichzeitig habe ich mich immer darüber aufgeregt, dass in der Dusche vom Rückenstudio die jungen Kerle ihre leeren Shampooflaschen auf den Boden werfen in der so dummen wie gerechten Annahme, das räume dann schon jemand weg. Denen hätte ein Sozialjahr gewiss gutgetan; oder hat da bloss einer leicht reden, der immer wusste, dass aus ihm weder ein Müllwerker noch ein Altenpfleger wird?
Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.