Nr. 25/2017 vom 22.06.2017

Rein in die Komfortzone!

Stefan Gärtner über den Zivildienst

Von Stefan Gärtner

In meiner deutlichsten Erinnerung an meinen Zivildienst, der bald 25 Jahre her ist, sitze ich bei meiner Zivi-Oma auf dem Sofa und kämpfe gegen den Schlaf: Zu spät ins Bett, die völlig überheizten Räume und das Frühstück, das sie mir bei der Metzgersfrau hinterlegen lässt, das ist zu viel.

Allmorgendlich war ich bei ihr, die nun auch schon eine Weile tot ist und, nachdem ihr liebloser Mann gestorben war, in der Kittelschürze durch ihr heruntergewohntes Häuschen schlurfte, zahnlos, halb blind, doch erleichtert, und Geld ausgab, das sie, der Überweisungen an einen alkoholkranken einzigen Sohn im Südwestdeutschen wegen, gar nicht hatte. Eines Tages fand ich einen Kontoauszug, der ungelesen in einer Schublade verschwunden war, und ich will nicht sagen, ich hätte Marie vor der Zwangsvollstreckung bewahrt; aber dass ihr Häuschen nicht unter den Hammer geriet, sondern einen regulären, sogar netten Käufer fand, dürfte ich immerhin angestossen haben. Ein Gebiss besorgten wir ihr auch und einen Termin beim Augenarzt, und die paar Jahre, die sie noch hatte, hat sie es im Altenheim, soweit ich sah, nicht schlecht gehabt.

War das nun ein «Schoggi-Job», wie der FDP-Nationalrat Müller (SG) die lockeren Zivi-Beschäftigungen nennt, die dem Vergleich mit der harten Schule des Militärs nicht standhalten? Ich habe nicht gepflegt, eher aufgepasst und hatte es sicher leichter als mein heutiger Schwager, der im Altenheim war. Aber einer alten Frau bin ich, wie es bei Walter Benjamin heisst, so nah durchs Leben gezogen wie das Wetter, und ob das nun «einen echten Nutzen für die Gesellschaft» gebracht hat, wie Müller ihn vom Zivildienst fordert, ist das wichtig?

Meine zweite Erinnerung handelt von dem Aufsatz, den ich schreiben musste, um meine prinzipielle Unfähigkeit zur Gewalt darzulegen. Er war so schlecht, pathetisch und peinlich, wie es nötig war, damit es keine Schwierigkeiten gab, und beide Seiten wussten das; er war im Wesentlichen eine Formsache, weil der Staat die Zivis brauchte. Mein Dienst dauerte fünfzehn Monate, drei mehr als die Zeit bei der Bundeswehr, zu der ich nicht gegangen war, weil ich keine Lust hatte. Was soll einer, der schlecht in Sport ist, früh aufstehen hasst und zwei linke Hände hat, bei der Armee? In der Schweiz will der Nationalrat die Ersatzdienstzeit verlängern, weil er um die Landesverteidigung fürchtet und die «Militärfraktion» («Tagi») laut srf.ch glaubt, dass «der Wechsel in den Zivildienst oft aus Gründen des persönlichen Komforts, nicht wegen eines Gewissenskonflikts» erfolge. Wer aus oder nach der Rekrutenschule wechselt, soll nur mehr jeden zweiten Tag angerechnet bekommen, und ein Uniformzwang für Zivis soll ebenfalls her.

Ich habe aus Gründen des persönlichen Komforts verweigert, was sich mit einem vagen Pazifismus traf und ja auch darauf hinausläuft. Sinnvoller fand ich den Zivildienst allemal. Mein Sohn wird mal keinen mehr machen müssen, und das ist gut und schlecht zugleich. Wäre er Schweizer, würde ich allerdings glauben, er könne die Entscheidung, zu verweigern, ruhig rechtzeitig treffen; denn auch wenn es objektiv antimilitaristische Subversion ist, sich erst ausbilden zu lassen und dann hinzuschmeissen, finde ich es schon wieder traurig, dass es jungen Erwachsenen nicht möglich sein soll, eine Meinung zu Waffen und ihrer Anwendung zu haben, bevor es unbequem wird.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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