Nr. 18/2016 vom 05.05.2016

Kultflegel

Stefan Gärtner über das richtige Benehmen

Von Stefan Gärtner

Die Stadt, in der ich neuerdings wohne, ist nicht schlechter als die Stadt, in der ich vorher gewohnt habe. Sie ist allerdings viel schmutziger. «Gestern», sage ich in der Kneipe zum ortsansässigen Kollegen El Kurdi, «dachte ich den ganzen Tag, irgendwas ist anders heute. Dann fiel mir auf, dass die Bürgersteige sauber waren; und plötzlich wusste ich: Gestern ist die Stadtreinigung zu ihrem jährlichen Reinemachen aufgebrochen!» Und da lacht der Kollege, denn er weiss Bescheid. Und dass die Weihnachtsbäume bis Anfang März auf den Strassen liegen.

Nun kommt der Schmutz aber nicht von ungefähr; er wird hinterlassen, im Zweifel von denselben Leuten, die es in meinem Fitnessstudio nicht zuwege bringen, ihre leeren Shampooflaschen in den Abfallkorb zu werfen. Dass die in der Dusche liegen bleiben, war in der (sauberen) Stadt, in der ich vorher gewohnt habe, schon ganz genauso, hat also überhaupt nichts mit lokaler Sitte zu tun; schon eher damit, dass es in der Service- und Dienstleistungsgesellschaft für normal gilt, dass andere den Dreck wegmachen. Und dass ziviles Benehmen, zu dem zwingend gehört, eben nicht so zu denken, ohnehin im Verschwinden begriffen ist.

Das hat mit den Therwiler Jungmuslimen, die zum nationalen Erregungsfall geworden sind, weil sie sich weigerten, ihrer Lehrerin die Hand zu geben, insoweit zu tun, als Saïda Keller-Messahli, Gründerin eines Schweizer «Forums für einen fortschrittlichen Islam», ein solches Verhalten in meiner deutschen Morgenzeitung als «Flegelei» bezeichnet hat. In einem Interview mit der «SonntagsZeitung» bestanden die beiden Buben darauf, es gehe im Gegenteil um Respekt: «Wir orientieren uns an Prophet Mohammed. Er ist unser Vorbild. Und er hat nie Frauen berührt – ausser seine eigene.» An der grossen Strassenkreuzung, in deren Nähe ich wohne, hing bis vor kurzem an einem eingerüsteten Haus eine entsprechend haushohe Reklamebotschaft einer Fluggesellschaft, die ihren dreitagebärtigen Stecherkapitän von sechs scharfen Stewardessen hatte einrahmen lassen; was, wenn man mich fragt, eine sexistische Flegelei ist und keine kleinere, als einer Frau nicht die Hand zu geben.

Für eine Religion hielt Walter Benjamin auch den Kapitalismus, diene er doch «essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben». Er sei «eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. Es hat in ihm alles nur unmittelbar mit Beziehung auf den Kultus Bedeutung, er kennt keine spezielle Dogmatik, keine Theologie.» Das mag uns Agnostikern frommen, aber wenn die Anhänger dieses Kults ein Gebot befolgen, dann jenes so hemmungs- wie rücksichtsloser Selbstverwirklichung; und man mag es für emblematisch halten, dass in einer Muckibude, in der ich mein Kreuz stärke, in der aber gerade die Jüngeren sich für einen Lebens- als Selbstvermarktungs- und letztlich Faustkampf aufblasen, eine fundamentale Rücksichtsregel keine Rolle mehr spielt: dass man nämlich anderen seinen Dreck nicht hinterlässt. Es wäre sozusagen systemwidrig.

Eine Flegelei wird nicht bereits dadurch kleiner, dass sie mit anderen konkurriert; aber bevor jetzt wieder der Islam an allem Schuld hat, sei der Blick auf die Verheerungen gerichtet, die die andere Weltreligion (und nicht die vom Papst) in unseren Köpfen hinterlässt. Und in unseren Gemeinschaftsduschen.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). Mit Jürgen Roth schrieb er 2013 das linksradikale Benimmbuch «Benehmt euch!».

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