Vor Gericht: Das Geschäft mit der Folter

Nr. 49 –

In der niederländischen Kleinstadt Zwolle geht ein historischer Prozess zu Ende: Zum ersten Mal wurde ein mutmasslicher Menschenhändler, der in Libyen Geflüchtete aufs Schwerste misshandelt haben soll, vor ein europäisches Gericht gestellt.

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Illustration: Walid Amanuel Gebreyesus Negash misshandelt Geflüchtete bei eingeschaltetem Telefon
Damit ihre Angehörigen die Schreie hörten, misshandelte Walid Amanuel Gebreyesus Negash Geflüchtete bei eingeschaltetem Telefon.

Der Angeklagte sieht müde aus, als er von Sicherheitskräften in den Gerichtssaal geführt wird. Krauser Bart, leerer Blick. Schweigend nimmt der 41-jährige Eritreer neben seinem Übersetzer Platz. Während die Staatsanwältin die Vorwürfe gegen ihn vorträgt, starrt er aufs Tischpult. «Sie haben das letzte Wort. Wollen Sie noch etwas sagen?», fragt der Richter zum Schluss der Verhandlung. Der Angeklagte nickt, dann sagt er leise ein paar Worte auf Tigrinya: «Ich weiss nicht, warum ich hier bin. Ich weiss nicht, warum ich in den Niederlanden verfolgt werde.»

Im Strafgerichtshof der niederländischen Kleinstadt Zwolle geht an diesem Vormittag im November ein historischer Prozess zu Ende. Walid Amanuel Gebreyesus Negash, von den meisten nur «Walid» genannt, soll Mitglied eines kriminellen Netzwerks gewesen sein, das von der Sahara bis nach Europa reichte. Er und seine Helfer hätten Flüchtende in Libyen entführt, sie in Lagerhallen gesperrt und bei eingeschaltetem Telefon misshandelt, damit ihre Angehörigen im Ausland Lösegeld zahlen, so die Staatsanwaltschaft. Sie fordert die Höchststrafe in den Niederlanden: zwanzig Jahre Haft. Im Januar soll das Urteil kommen.

Knapp vier Wochen liefen die öffentlichen Verhandlungen in Zwolle, bis zu tausend Menschen verfolgten das Geschehen im Gerichtssaal per Livestream. Es ist das erste Mal, dass sich ein mutmasslich hochrangiger Menschenhändler, der in Libyen Tausende Migrant:innen gefoltert haben soll, vor einem europäischen Gericht verantworten muss. «Es macht mich stolz, dass wir so weit gekommen sind», sagt Staatsanwältin Petra Hoekstra.

Die Opfer

Die Zeug:innen, auf deren Aussagen sich der Prozess massgeblich stützt, sind Eritreer:innen. Die meisten kamen über die zentrale Mittelmeerroute bis in die Niederlande. Sie wollen ihre Namen nicht in der Öffentlichkeit nennen, zu gross ist die Furcht vor Vergeltung. Aber ihre Geschichten wollen sie erzählen.

Eine Zeugin ist Selam Tesfa, ihr Name wurde für diesen Text geändert. Eine zierliche Frau Ende zwanzig, die heute im niederländischen Groningen lebt. Ende 2015 floh Tesfa zu Fuss aus Eritrea, so berichtet sie es in einem Gespräch im vergangenen Jahr. Zunächst landete sie in einem Flüchtlingscamp in Äthiopien. Dort wurde sie von Schmugglern angesprochen, die ihr eine sichere Reise nach Europa versprachen. Sie brachten sie auf Lastwagen zuerst in den Sudan und von dort weiter nach Libyen.

Schliesslich wurde Tesfa auf einem abgesperrten Gelände in der Wüste abgesetzt. Dort traf sie auf jenen Mann, von dem sie später sagen wird, er sei der Angeklagte in Zwolle: Walid, umgeben von libyschen Wächtern. Er habe die Geflüchteten in Gruppen aufgeteilt und sie dann foltern lassen. «Er hat mir die Hände und Füsse zusammenbinden lassen und mir dann immer wieder Gewalt angetan», sagt Tesfa. Bevor er sie malträtierte, zwang er sie, ihre Schwester in Israel anzurufen. Die Schwester musste mitanhören, wie Walid zu Tesfa sagte: «Wenn du nicht zahlst, töte ich dich.» Anschliessend sei Tesfa mit Hunderten anderen Menschen in eine Lagerhalle gesperrt worden. Nachts sanken die Temperaturen unter den Gefrierpunkt, tagsüber wurde sie wieder und wieder misshandelt. Sie sagt: «Diese Tage in Libyen verfolgen mich heute noch in meinen Träumen.» Sie schätzt, dass sie etwa zwei Monate in der Gewalt von Walid blieb.

Tesfas Erzählungen decken sich mit den Schilderungen der fast 200 Zeug:innen, die für den Prozess befragt wurden. Stundenlang lesen die Richter:innen und Anwält:innen der Opfer im Gerichtssaal ihre Aussagen vor. Einige wenige Überlebende sprechen selbst über das, was sie erlitten haben. Auch das macht diesen Prozess so besonders: Es ist das erste Mal, dass die systematischen Verbrechen auf der Fluchtroute nach Europa vor einem Gericht verhandelt werden.

Die Lager, in die Walid seine Opfer einsperren liess, beschreibt ein Eritreer so: grosse Hallen einer ehemaligen Fabrik, der Hof umzäunt von Stacheldraht. Drinnen hätten Hunderte Männer und Frauen dicht an dicht schlafen müssen. Essen und Trinken seien immer knapp gewesen. Zeug:innen berichten, dass regelmässig Mitgefangene durch Hunger, Durst oder Hitze zu Tode gekommen seien.

Das Schlimmste aber seien die täglichen, systematischen Folterungen gewesen: Schläge, Elektroschocks, Verbrennungen. Damit ihre Angehörigen die Schreie hörten, seien sie bei eingeschaltetem Telefon misshandelt worden. «Ich hatte überall offene Wunden, Blut, ich konnte nicht mehr sitzen», so liest der Richter den Bericht eines Eritreers vor. «Alles, woran ich denken konnte, war: Wann sterbe ich?»

Der Mann auf der Anklagebank verzieht keine Miene, während die grausamen Berichte im Gerichtssaal verlesen werden. «Ich bin nicht der, für den Sie mich halten», sagt er gleich am ersten Verhandlungstag. Ein Dolmetscher übersetzt die Worte von Tigrinya auf Niederländisch. Danach schweigt Walid.

Seine Verteidigungsstrategie: Er behauptet seit Beginn des Prozesses, seine Identität sei vertauscht worden. Doch die Angaben, die er stattdessen zu seiner angeblichen Identität macht, sind laut den Richter:innen nicht nachprüfbar, teilweise sogar widersprüchlich. Dutzende Zeug:innen hingegen bestätigen, dass der Mann auf der Anklagebank ihr Folterer ist. Zudem wurde seine Identität durch die Auswertung von Social-Media-Profilen und durch ein forensisches Institut bestätigt.

Das System

Die Strafakte im Fall Walid umfasst rund 30 000 Seiten. Neben den Zeug:innenaussagen wurden etwa auch Satellitenbilder in Libyen sowie Chatnachrichten von Walid ausgewertet. Laut der Staatsanwaltschaft soll er den Folterhandel zwischen 2014 und 2018 betrieben haben, in enger Zusammenarbeit mit einem weiteren Eritreer: Kidane Zekarias Habtemariam, der sich derzeit in Dubai in Haft befindet. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass es sich bei Walid und Kidane um zwei der mächtigsten Menschenhändler auf der zentralen Mittelmeerroute handelt.

Innerhalb der eritreischen Community kursieren Fotos und Geschichten weiterer Männer, die in Libyen Lösegeld erpresst haben sollen. Ihre Geschichten verlaufen oft ähnlich: Sie verlassen ihre Heimat, arbeiten zunächst als Schmuggler und beginnen dann, die Migrant:innen zu misshandeln, um noch mehr Geld aus ihnen herauszupressen. Allein in der libyschen Stadt Bani Walid sollen im Jahr 2018 mehr als fünf Foltercamps von unterschiedlichen Menschenhändlern betrieben worden sein. Die Wüstenstadt etwa 170 Kilometer südlich von Tripolis war lange einer von mehreren Knotenpunkten, durch die Migrant:innen auf ihrer Route in Richtung Europa geschleust wurden. Es ist der Ort, an dem auch die Überlebende Selam Tesfa festgehalten wurde. Doch seinen Ursprung hat das Geschäft mit der Folter und den Schreien am Telefon nicht in Libyen.

Die eritreische Menschenrechtsaktivistin Meron Estefanos beobachtet die Aktivitäten der Folterhändler schon seit mehr als zwanzig Jahren. Bereits im Jahr 2011 bekam sie Anrufe eritreischer Flüchtlinge, die zur Lösegelderpressung entführt und misshandelt wurden. Damals begannen Schmuggler aus Ostafrika, Geflüchtete an kriminelle Banden auf der ägyptischen Halbinsel Sinai zu verkaufen – Beduinen, die dort Foltercamps betrieben und damit viel Geld verdienten. Bis zu 20 000 Dollar zahlten Betroffene damals für die Freilassung. Zwischen 2011 und 2014 sollen schätzungsweise 30 000 Menschen auf dem Sinai verschleppt worden sein.

Doch als Ägypten durch verstärkte Militäreinsätze den Folterhandel auf der Halbinsel beendete, hörten die Anrufe nicht auf – sie kamen nun aus Libyen. «Was interessant war: Dieselben Namen der Schmuggler, die in Verbindung zum Sinai genannt worden waren, tauchten jetzt auch in Libyen auf», sagt Estefanos. Mehr und mehr Schlepper begriffen die Flüchtenden als Ware.

Auch Walid soll zunächst als Mittelsmann für Schmuggler auf dem Sinai gearbeitet haben, bis er schliesslich in Libyen sein eigenes Geschäft aufzog. In Bani Walid soll er sich demnach mit einem einflussreichen libyschen Clan zusammengetan haben, der Diab-Familie. Sie versprach ihm Schutz und wurde dafür offenbar am Geschäft beteiligt. Geflüchtete berichten, dass Walid in der Wüste ständig von libyschen Wachen umgeben war.

Eritreische Menschenhändler wie er profitieren dabei von den Machtkämpfen im Land.Der Westen Libyens, über den die meisten Schmuggelrouten verliefen, wird bis heute von konkurrierenden Milizen kontrolliert. Viele von ihnen beteiligten sich wohl am Geschäft mit den Geflüchteten, erklärt Jêrome Tubiana von der Organisation Médecins Sans Frontières, der mehrfach vor Ort war. «Überall dort, wo es wirtschaftliche Probleme gab, wurde der Menschenhandel ein Geschäft für junge Männer in Libyen.»

Dadurch, dass Europa zunehmend auf Abschottung setzte, lohnte sich der reine Transport von Migrant:innen für Schmuggler wie Walid immer weniger. Im Jahr 2017 unterzeichnete die italienische Regierung ein Abkommen, das die libysche Küstenwache mit Schiffen und Equipment ausstattete, um Menschen von der Überfahrt abzuhalten. Danach etablierte sich das Geschäft mit der Folter systematisch, wurde zur neuen Normalität auf der Libyenroute.

Die Ermittlungen

Jahrelang konnten die Täter in Libyen ohne Angst vor strafrechtlicher Verfolgung foltern und morden. Sie reisten sogar ins Ausland, nach Äthiopien oder in die Arabischen Emirate, um dort ihr Lösegeld in Casinos zu verprassen. Bis die niederländische Staatsanwältin Petra Hoekstra auf die Lösegelderpressungen aufmerksam wurde.

Im Jahr 2018 bekam sie erstmals Wind davon, dass Eritreer:innen in den Niederlanden erpresst wurden, weil Verwandte in Libyen gefoltert wurden. Und dass niemand dagegen vorging. «Ich wollte den Tätern zeigen, dass sie nicht unantastbar sind», sagt Hoekstra. Sie übernahm die Leitung der Ermittlungen. Ihr Ziel sei es nicht gewesen, den Menschenschmuggel in Libyen zu beenden, sondern Männer wie Walid für ihre Gräueltaten zu bestrafen.

Zunächst konzentrierte sich ihr Team auf die Mittelsmänner, die in den Niederlanden das Geld der Familien einsammelten. Über sogenannte Hawala-Transfers, ein informelles Zahlungsverfahren, das auf Vertrauen basiert, wanderte es so zu den Menschenhändlern in Afrika. Hoekstras Team gelang es, mehrere Mittelsleute aufzuspüren, fünf von ihnen sind inzwischen angeklagt. Doch die Männer waren nur kleine Rädchen im System, sie wussten offenbar teils selbst nicht, bei wem das Geld am Ende landete.

Um an die eigentlichen Drahtzieher zu kommen, tat sich Hoekstra schliesslich mit Behörden aus anderen europäischen Ländern zusammen: Italien, Spanien, Grossbritannien. Unterstützt wurden die internationalen Ermittlungen von der Polizeibehörde Europol. Seit 2022 beteiligt sich zudem der Internationale Strafgerichtshof (IStGH). Auch Deutschland hat sich inzwischen angeschlossen.

Doch es waren nicht die europäischen Ermittler:innen, die die Menschenhändler im Jahr 2020 festsetzten, sondern äthiopische Beamte. Ein ehemaliges Opfer erkannte Kidane in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba auf der Strasse, daraufhin wurde er verhaftet. Kurz darauf nahm die Polizei auch Walid fest.

Die Niederlande beantragten die Auslieferung der Männer, doch die äthiopischen Behörden zeigten sich wenig kooperativ. Den Menschenhändlern wurde in Addis Abeba der Prozess gemacht. Dabei gelang Kidane die Flucht aus dem Gerichtssaal. Walid wurde zu einer langen Haftstrafe verurteilt, doch viele seiner Opfer fürchteten, dass auch er eines Tages aus dem äthiopischen Gefängnis entkommen könnte. Im Oktober 2022 stimmten die Behörden schliesslich seiner Auslieferung zu und liessen ihn in die Niederlande überstellen.

Im Januar 2023 wurde Walid erstmals bei einer Voranhörung in Zwolle einem niederländischen Richter vorgeführt. Richter, Staatsanwältinnen und Verteidigung befragten anschliessend über Monate hinweg Zeug:innen – unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Damit der Angeklagte in Zwolle verurteilt werden kann, muss eine Verbindung seiner Taten zu den Niederlanden bestehen. Deshalb stützt sich das Gericht auf Überlebende, die als Flüchtlinge in den Niederlanden angekommen sind. «Es war nicht einfach, das Vertrauen der Opfer aus der eritreischen Community zu gewinnen», sagt Staatsanwältin Hoekstra.

In den letzten zwanzig Jahren sind Hunderttausende Eritreer:innen aus ihrer Heimat geflohen, viele von ihnen nach Europa. So leben auch Walids Opfer in ganz Europa: in Deutschland, Schweden oder der Schweiz. Nahezu jede:r aus der eritreischen Diaspora kenne jemanden, der verschleppt worden sei, sagt Ruth Bahta vom Verein United for Eritrea in Frankfurt. Fast jede Familie habe schon einmal selbst Lösegeld gezahlt, um jemanden freizukaufen: «Wir sind eine traumatisierte Gesellschaft.»

«Beeil dich …»

Im libyschen Bani Walid hätten viele eritreische Schmuggler und ihre lokalen Beschützer in den vergangenen Jahren das Geschäft verlassen, sagt Mark Micallef von der Global Initiative against Transnational Organized Crime (GITOC) in Genf. Als einen Grund für den Rückgang sieht er Sanktionen, die die Uno gegen mehrere Menschenhändler in Libyen verhängt hat. Aber auch die internationalen Ermittlungen und der Prozess gegen Walid hätten einen Effekt gehabt, glaubt Micallef. «Dadurch hatten einige Milizen in Libyen den Eindruck, es könnte sich politisch lohnen, gegen den Folterhandel vorzugehen.»

Tatsächlich stürmten im März 2021 bewaffnete Männer ein Gelände in Bani Walid. Es gibt Videoaufnahmen von dem Einsatz, gefilmt aus der Luft. Die Soldaten gehören offenbar zur Brigade 444, einer einflussreichen Miliz in Westlibyen. Sie führen etwa hundert Menschen aus einer Lagerhalle ins Freie. Im Video erklären die Männer, sie hätten Migrant:innen aus dem Lager eines Menschenhändlers befreit. Beobachter:innen in Libyen bestätigen, dass der Folterhandel in Bani Walid in dieser Zeit zum Erliegen kam. Inzwischen gibt es laut Micallef allerdings neue Berichte über Schmuggler, die den brutalen Menschenhandel erneut aufleben lassen, auch in Bani Walid.

Hinzu kommt: Durch die Zusammenarbeit der EU mit der libyschen Küstenwache und die Pushbacks brauchen Geflüchtete oft etliche Anläufe, manchmal fünf oder sechs, bis sie es übers Mittelmeer schaffen. Immer wieder werden sie zurück an Land gebracht und dort erneut misshandelt. Die Aktivistin Ruth Bahta aus Frankfurt sagt, die Lösegeldforderungen an die Familien hätten sich teilweise vervierfacht, für viele sei das kaum mehr bezahlbar. «Aber dann bekommt man einen Anruf und jemand sagt: ‹Beeil dich, sonst werden wir zu Tode gefoltert.›»

Es sind längst nicht mehr nur einzelne Schmuggler, die in Libyen foltern – die brutale Methode ist mittlerweile im ganzen Land verbreitet. Längst gibt es Berichte über Lösegelderpressungen in «offiziellen» Flüchtlingslagern, etwa solchen, die von Milizen kontrolliert werden, die der libyschen Regierung der Nationalen Übereinkunft (GNA) nahestehen und mit der libyschen Küstenwache zusammenarbeiten. Die Miliz verdient dadurch gleich doppelt: durch die EU-Gelder zur Abwehr von Migrant:innen und durch die Ausbeutung der Flüchtenden in ihren Camps.

Die libyschen Behörden zeigen indes wenig Interesse an einer Aufarbeitung der Verbrechen. Ausländische Ermittler:innen werden nicht ins Land gelassen, Kooperationen etwa mit dem Team von Petra Hoekstra gibt es nicht. Der Prozess in den Niederlanden stützt sich deshalb hauptsächlich auf die Aussagen der Betroffenen. Ihr Mut, darüber zu sprechen, hat die Verhandlungen erst möglich gemacht.

Erst der Anfang

Am letzten Verhandlungstag sitzen unter anderem mehrere Eritreer auf der Zuschauerbank. Einige von ihnen kennen Walid aus der Wüste. «Es war sehr schwierig für mich, ihn hier im Gerichtssaal wiederzusehen», sagt ein Mann, der als Zeuge ausgesagt hat und anonym bleiben will. Auch er ist vor einigen Jahren über die zentrale Mittelmeerroute in die Niederlande gekommen. «Ihn zu sehen, hat die ganzen schrecklichen Erlebnisse wieder aus meiner Erinnerung hervorgeholt», sagt er. Doch er glaubt, mitzuerleben, wie Walid der Prozess gemacht werde, könne ihm helfen, seine Traumata zu verarbeiten.

Hört man sich in der eritreischen Diaspora um, gibt es zwei Perspektiven auf den Prozess: auf der einen Seite das Gefühl, den Behörden in Europa nicht gleichgültig zu sein. Auf der anderen Seite, sagt Ruth Bahta aus Frankfurt, gebe es aber auch einen grossen Frust: «Warum sitzt auf der Anklagebank nur ein einzelner Mann? Was ist mit den Verantwortlichen in Europa, die mit den Verbrechern in Libyen zusammenarbeiten?»

Staatsanwältin Petra Hoekstra sagt, ihr sei bewusst, dass der Prozess den internationalen Folterhandel nicht beenden könne. «Ich kann nur einzelne Täter zur Rechenschaft ziehen.» Doch sie hofft, dass der Prozess in Zwolle ein Modell für andere europäische Länder wird, in denen Menschen aus der eritreischen Diaspora erpresst werden.

Auch Vertreter:innen des Internationalen Strafgerichtshofs glauben, dass der Prozess in den Niederlanden eine Vorbildfunktion haben könnte. Eine Delegation des IStGH reiste sogar eigens zu einem der Verhandlungstage nach Zwolle an. Bei einer Sitzung des Uno-Sicherheitsrats zur Lage in Libyen im November 2025 sagte IStGH-Staatsanwältin Nazhat Shameem Khan anschliessend: «Ich hoffe, dass sich andere Staaten unseren gemeinsamen Bemühungen anschliessen.»

Für Petra Hoekstra ist der Prozess gegen Walid erst der Anfang. Im Januar 2023 wurde sein Komplize Kidane von der sudanesischen Polizei in Khartum verhaftet und später in Dubai wegen illegaler Finanzgeschäfte verurteilt. Nun soll er sehr bald an die Niederlande ausgeliefert werden. Dann will Hoekstra auch ihn vor Gericht stellen. «Das war nicht der letzte Prozess. Wir wollen ein Signal an alle Menschenhändler senden, deren Netzwerk bis in die Niederlande reicht: Ihr seid nicht sicher.»