Literatur: Ein unzuverlässiger Erzähler
Ein Fluch, bedingungslose Geschwisterliebe und trügerische Erinnerungen – «Die Schwestern» des schwedischen Schriftstellers Jonas Hassen Khemiri ist ein grosser Wurf.
Die Geschichte der Mikkola-Schwestern begann am 31. Dezember 1999, als die drei rund zwanzigjährigen Frauen im Fahrstuhl unterwegs zu einer Silvesterparty waren, so heisst es zu Beginn von Jonas Hassen Khemiris Roman «Die Schwestern». Doch bald wird klar, dass das so nicht stimmt: Die Geschichte der Mikkola-Schwestern beginnt viel früher. Vielleicht in dem Moment, als der fünfjährige Ich-Erzähler Jonas zum ersten Mal von ihnen hört? «Du willst doch nicht so enden wie die Mikkola-Schwestern», sagt der Vater zum kleinen Jungen, der sein langes Haar nicht schneiden lassen will – worauf sein Interesse an den Schwestern geweckt ist.
Nicht geteilte Verbundenheit
Vielleicht beginnt ihre Geschichte aber auch erst ein paar Jahre später, 1990, als Ina, Evelyne und Anastasia mit ihrer Mutter in die Drakenbergsiedlung ziehen, einen Sozialwohnungsbau in Stockholm, in dem auch Jonas lebt. Der nun Zwölfjährige ist sofort fasziniert von den Mädchen, «die aussahen wie Brüder und sofort kampfbereit waren, wenn jemand ihre herausgewachsenen Topffrisuren, ihre schmutzigen Lejon-Sneaker oder ihre Jogginghosen mit den ausgebeulten Taschen kommentierte». Da sie eine tunesische Mutter und einen (verstorbenen) schwedischen Vater haben und Jonas eine schwedische Mutter und einen tunesischen Vater, fühlt er sich sofort mit ihnen verbunden – eine Verbundenheit, die sie nicht teilen.
Oder vielleicht beginnt die Geschichte noch früher, nämlich in dem Moment, in dem die Schwestern mit einem Fluch belegt wurden, der besagt, dass das Schöne, das sie haben, ihnen wieder genommen wird, und der den Plot des Buches vorwärtstreibt?
Gegen Ende dieses über 700-seitigen fulminanten Romans, den man kaum aus den Händen legen kann, wird immer klarer, dass der Erzähler unzuverlässig ist. Und man fragt sich, wie oft man ihm auf den Leim gegangen ist beim Lesen dieser verschachtelten und elliptisch erzählten Familien-, nein Gesellschaftsgeschichte. Und dann erinnert man sich, dass der allererste Satz des Buches lautete: «And so it was told» (auf Englisch, die Sprache, in der die Mikkola-Schwestern untereinander reden). So wurde es also erzählt – aber vielleicht war es ja auch anders?
Khemiri verschachtelt zwei Erzählebenen ineinander: In dritter Person erzählte Kapitel, in denen die Geschichte der Schwestern im Zentrum steht, werden von Ich-Erzählungen eines Jonas Hassen Khemiri abgelöst. Darin geht es um seine Kindheit und Jugend, die in seinen Erinnerungen eng mit jener der drei Schwestern verwoben ist. Doch können wir seinen Erinnerungen trauen? Lange schon hat er die Schwestern aus den Augen verloren und sucht sie: Er will – mittlerweile erfolgreicher Autor – ein Buch über sie machen. Dass der Ich-Erzähler nicht nur gleich heisst wie der Autor, sondern sie auch viele biografische Gemeinsamkeiten aufweisen, ist eine weitere Ebene, mit der der Autor sein Verwirrspiel betreibt.
Sieben Bücher in einem
Etwas gar stereotyp führt Khemiri die Schwestern am Millenniums-Silvesterabend ein: Ina, die Älteste, ist introvertiert und belesen. Die ehrgeizlose Evelyne zieht mit ihrer Lebensfreude, ihrer Schönheit und dem Talent, Geschichten zu erzählen, alle in ihren Bann. Und die Jüngste, Anastasia, liebt Partys und Drogen und will Künstlerin werden. Doch diese Stereotype lösen sich nicht nur auf, sie werden auch reflektiert und kritisiert in der Erzählung, die sich über dreissig Jahre erstreckt, von Stockholm über Tunis, Paris und eine Kleinstadt in Süddeutschland bis nach New York führt und unerwartete Wendungen nimmt. Die Schwestern, deren Leben vom Fluch und einer obsessiven Hassliebe zueinander und zur Mutter geprägt ist, fällen Entscheidungen und gehen Wege, die überraschen.
Khemiri bündelt seine Geschichte in sieben «Bücher», die immer kürzere Zeitspannen abdecken: Umfasst das erste Buch noch ein Jahr, ist es beim letzten noch eine Minute – so macht er auch die Zeit zum Thema seiner Erzählung, die, je älter wir werden, umso schneller vergeht. Weitere Themen sind abwesende Väter, erschöpfte Mütter, das Heranwachsen als Kind migrantischer Eltern im Schweden der Neunziger; das Sich-fremd-Fühlen, weil man zum Fremden gemacht wird, die Suche nach seinem Platz in dieser Welt – und schliesslich die Liebe: aber nicht die Liebe im erotischen oder sexuellen Sinn, sondern die Geschwisterliebe – die bedingungslos und nicht verhandelbar ist und aus der es kein Entrinnen gibt.
Khemiri, der heute mit seiner Familie in New York lebt und dort szenisches Schreiben unterrichtet, ist einer der bekanntesten Autor:innen Schwedens. Er hat zahlreiche Romane und Theaterstücke publiziert und wurde mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Der Roman «Die Schwestern», den er auf Englisch verfasst und selbst auf Schwedisch übersetzt hat, wurde vom «New Yorker» zu einem der besten Bücher des Jahres 2025 gewählt. Das Schreiben des Buches habe ihm viel Freude gemacht, sagte er letztes Jahr in einem Podcast: «Ich habe es genossen, Zeit mit den Schwestern zu verbringen.» Auch als Leserin wünscht man sich nach der berauschenden Lektüre, dass die Zeit mit den drei Schwestern noch viel länger gedauert hätte.