Nr. 15/2020 vom 09.04.2020

Wunder aus der Asche der Kindheit

Pubertätsrituale, Rassismus und Verrat: Nir Baram erzählt in «Erwachen» vom Israel der achtziger Jahre. In seinem persönlichsten Buch wirft der politische Autor einmal mehr einen scharfen Blick auf die innerisraelischen Verhältnisse.

Von Ulrike Baureithel

Das Trockental, ein Wadi, verläuft östlich von Jerusalem durch die Wüste bis nach Jericho. Davon getrennt wird das gelbe Haus, in dem der zwölfjährige Jonathan lebt, nur durch eine Strasse. Ende der achtziger Jahre ist es noch ein düsterer, geheimnisvoller Ort, begrenzt vom Wald, der Militärfabrik und den «Hohen Türmen», wo die Kinder wohnen, mit denen die Halbwüchsigen von Beit Hakerem verfeindet sind. In diesem Quartier haben sich Beamte, Dozenten, Politiker und andere, damals noch sozialistisch gestimmte Intellektuelle niedergelassen, deren Macht «nichts mit Geld zu tun» hat und die sorgsam darauf achten, dass keines der Kinder «aussergewöhnlich» ist.

Doch Jonathan und sein Freund Joël, die sich durch ihre älteren Brüder von der ersten Klasse an kennen, sind aussergewöhnlich, auch wenn sie nicht wirklich wissen, was sie zusammenhält. Aber was immer Jonathan «allein tut, es existiert nicht, bis Joël mitmacht». Eingesponnen in eine Welt der Abenteuerbücher, eines erfundenen «Königreichs», dessen Schicksal sie auf Zetteln choreografieren, und der Kämpfe mit den Altersgenossen von den «Hohen Türmen», haben sie sich im Wadi einen exterritorialen Ort geschaffen – ein geheimes Rückzugsgebiet.

Massvolle Freundlichkeit

Mit «Erwachen» legt der 1976 in Jerusalem geborene Schriftsteller Nir Baram sein persönlichstes Buch vor, auch wenn er betont, dass man seinen neuen Roman nicht allzu autobiografisch lesen solle. Doch immerhin verweist nicht nur dessen Schauplatz auf Biografisches, auch der Krebstod der Mutter, das schwierige Brüderverhältnis oder der Suizid des besten Freundes sind darin verarbeitet. Im Vergleich zum Roman «Gute Leute» (2012), in dem es um den Opportunismus zweier Intellektueller geht, die für die Nazis beziehungsweise für Stalins Geheimpolizei arbeiten, oder zu «Weltschatten» (2016), einer weltumspannend angelegten Geschichte über die Folgen der Globalisierung, kommt «Erwachen» viel intimer und psychologisch tiefschürfender daher.

Jonathans Stellung in der Familie ist kompliziert: Zu Schaul, dem älteren Bruder, fühlt er sich zwar hingezogen, doch der Ältere verfügt über unteilbare Erinnerungen an eine glücklichere Zeit, als er mit den Eltern noch alleine in New York gelebt hat. So ist Schaul auch ein Stachel im Fleisch von Jonathan, der sich von seiner Mutter abgelehnt fühlt und sich als Jugendlicher dem Vater entfremdet, nachdem die Mutter Mitte der neunziger Jahre unheilbar erkrankt. Unter ihrer «massvollen Freundlichkeit» verbirgt sie «unterdrückten Groll» gegenüber dem jüngeren Sohn, der sich an keine Regeln hält: «Papa ist enttäuscht, weil kein guter Wille bei dir anschlägt», wirft sie ihm vor. Neid und jugendliche Eifersucht, unterdrückte oder verkannte Gefühle, Kränkungen und vor allem Scham und Schuld: Das Karussell der Gefühle, die den Heranwachsenden umtreiben, ist so undurchdringlich wie die Dornen und der gelbe Nebel im Wadi, durch den Joël von den Kindern aus den «Hohen Türmen» geschleift wird, alleingelassen von seinem Freund.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des erwachsenen, verheirateten Schriftstellers Jonathan, der sich weit weg von Jerusalem auf einer Literaturtagung in Mexiko befindet und seine Kindheit und Jugend im Rückblick und auf mehreren, ziemlich verschachtelten Zeitebenen entrollt. Zu Hause sitzen seine Frau Schani, eine Gespielin aus seiner Kindheit, und sein kleiner Sohn, doch er «konnte denen, die er liebte, nicht helfen». Erst nach und nach entfaltet sich das Drama einer symbiotischen Freundschaft und des Verrats: «Wie konntest du mich nur damals in dem gelben Nebel ins Gras beissen lassen?», fragt Joël, fast erwachsen, seinen Freund.

So wie sie sich selbst verändern, die Pubertätsrituale hinter sich lassen und sich allmählich entgleiten, verändert sich auch das Gesicht Beit Hakerems, selbst das furchterregende Wadi verliert Reiz und Schrecken. Durch die einstige Wildnis fahren inzwischen Autos über Betonpisten, unter denen auch die sozialistische Grundhaltung der BewohnerInnen verschwindet.

Die Luft abgedreht

Nir Baram, Sohn eines Ministers im Kabinett von Jitzhak Rabin und einer Mutter, die für Schimon Peres gearbeitet hat, ist ein viel zu politischer Autor, als dass er seinen Roman auf persönliche Konflikte beschränken würde. Wenn vielleicht auch nicht so thesenhaft wie in «Weltschatten» oder unmittelbar Stellung nehmend wie in «Land der Verzweiflung» (2016), wo er über seine Reisen in die besetzten Gebiete berichtet, ist auch in diesem neuen Roman sein scharfer Blick auf die innerisraelischen Verhältnisse gerichtet, meist eher beiläufig, aber kaum zu überlesen.

Das betrifft keineswegs nur die feinen Unterschiede, mittels derer sich die BewohnerInnen in Beit Hakerem voneinander abgrenzen, die älteren mit ihren Autos, Jonathan, indem er sich vom Bruder die Schuhe der angesagten Marke aus New York mitbringen lässt. Hofften die Jugendlichen anfangs noch auf eine Lockerung, die die politische Entspannungspolitik in der Rabin-Ära hätte mit sich bringen können, wird ihnen im Verlauf der Jahre bewusst, dass nicht nur die «Zeit ihrer Welt, hier am Ende der Strasse abgelaufen» ist, sie nehmen auch wahr, wie man «ihnen die Luft abgedreht hat», wie Joël sagt, «wie klein und abgeriegelt alles war und dass wir überhaupt nichts machen konnten».

Die «moralische Überlegenheit der sozialistischen Werte ihrer Eltern» wirkt so verblichen wie deren Kleidung von der israelischen Modekette Bagir: «weite geblümte Blusen in Winterfarben und bunte Kleider (…) keiner wollte die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und Gegenstand des Klatsches werden». In der noch halb spielerischen Hatz der Jugendlichen auf «die Araber» kündigt sich der Rassismus an, den Baram heute so beklagt. Er werde befördert durch die Art und Weise, «wie die israelische Regierung über die jüdische Erfahrung spricht und wie das Erziehungssystem sie vermittelt – grundsätzlich isoliert von allen universellen Erfahrungen», erklärte er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk 2016. Solange Israel ein jüdischer Staat sei und keiner, in dem alle, die Israelis sein wollten, friedlich leben könnten, gebe es keine Lösung.

Lügengeschichten

Dieses Thema blitzt im Roman nur hie und da auf, pointierter sind die Stellen, die das Verhältnis von Erinnerung und erinnerndem Schreiben betreffen. «Du bringst aus der Asche unserer Kindheit Wunder hervor», bewundert Joël den Freund, um gleichzeitig zu ätzen, dass sich Kindheitserinnerungen gut verkauften. «Wenn du eine Geschichte erfunden hast», hat Jonathan bei seinen Lügengeschichten aber schon früh gelernt, «musst du sie auch verteidigen und zu Ende führen.»

Oft ruft Nir Baram dabei suggestive Bilder zur Beschreibung des kindlichen Gefühlsapparats auf, und auch wenn er die Maskenmetapher, die als Zeichen der Fremdheitserfahrung immer wieder herhalten muss, etwas zu Tode reitet: Am Ende findet er ein versöhnliches Bild, das Frieden schliesst mit den Erinnerungen, deren Gefangener Jonathan bleibt.

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