Von oben herab: Das ist toll!
Stefan Gärtner über Supermarkt und Märkte
Bekanntlich ist ja überall Krise: Klimakrise, Demokratiekrise, Krise der Sozialsysteme, und blendend geht es eigentlich nur der Rüstungsindustrie und der WOZ, was weniger eine Kuriosität als Dialektik ist. Sofern man nicht in einem Kriegsgebiet lebt, lassen sich die täglichen Welt- als Dauerkrisen aber verdrängen, was einerseits nottut, damit wir nicht durchdrehen, andererseits viele Krisen erst ermöglicht oder wenigstens verlängert. Was sich dagegen nicht verdrängen lässt, ist ein leeres Supermarktregal: Man will einen Kuchen backen, und das Mehl ist alle, und das heisst, es gibt keinen Kuchen.
Vor ein paar Jahren war im Frankreichurlaub der Senf alle, also nicht im Ferienhaus, sondern ganz generell, im Supermarkt. In Kanada, wo, das hatte man auch noch nicht gewusst, der meiste Senf herkommt, hatte es grossflächig gebrannt, und also waren die Senfkörner ausgegangen, jedenfalls in Frankreich, wo man sich wohl auf den Senfkornimport verlassen hatte. In Deutschland dagegen, das von unserem neoliberalen Reformjournalismus eben wieder zum kränksten Mann Europas herabgejammert wird («Ein langsames Land, das nicht mehr recht mithalten kann mit dem Tempo der Welt und der Märkte», «Süddeutsche Zeitung»), waren die Regale voll gewesen; vermutlich hatte sich die senfkornverarbeitende Wirtschaft nicht auf das Tempo der Märkte verlassen, sondern auf den geruhsamen Senfanbau in der feuerfesten Nachbarschaft.
Überhaupt sollte man, als der Arbeitslosigkeit entgegentaumelndes Opfer der Printkrise, Senfbauer werden; wo ich ja meinen «Senf» nun schon Tag für Tag dazugebe! Sympathisch am Senfanbau ist, dass er unter dem Radar der Öffentlichkeit stattfindet: Wie Senf wächst, weiss kein Mensch, und während wir bei Mais oder Baumwolle sofort an industrialisierte Landwirtschaft denken, denken wir bei Senf erst gar nicht an Landwirtschaft. Was mich betrifft, wächst Senf im Glas, und wenn mir zu Senf überhaupt etwas einfällt, dann eine Folge der Kochshow «Alfredissimo!», in der Frank Elstner als Gast die Information bestätigte, er sei ein «Senffreak», was Biolek mit dem enthusiastischen Satz begrüsste: «Das ist toll!»
Aber gerade weil Senf etwas ist, was im Supermarkt wächst, ist die Erleichterung so gross, die diese Nachricht aus dem «Blick» transportiert: «Die Migros-Mayonnaise ist wegen Lieferproblemen und dem Thomy-Boykott grösstenteils vergriffen. Eine Lösung soll bald gefunden werden, verspricht die Migros. Entwarnung gibts hingegen beim Senf.» Puh! Mayonnaise können wir uns zur Not selber machen, gerade wenn der Verdacht besteht, die Migros-Mayonnaise komme genauso von Nestlé wie die von Thomy. Ohne Senf hingegen müsste sogar meine Schwiegermutter ein Dressing aus der Tüte verwenden, was sie vermutlich noch nie getan hat und ich auch nur tue, weil ich verdränge, dass auf der Tüte «Unilever» steht. Statt diesen Multi, der mit Palmöl gross geworden ist, zu unterstützen, sollte man sein Salatdressing wirklich selbst machen, aber nicht mit Senf von Konzernen, die kein bisschen besser sind.
Solange die Schweizer Senfkrise also gar keine Senfkornkrise ist, sondern bloss eine, die mit irgendwelchen Preiszankereien zwischen der Migros und Nestlé zu tun hat, ist das Wort «Entwarnung» eigentlich zu gross, was aber in Zeiten, in denen es in Deutschland «amtliche Frostwarnungen» gibt – im Januar, wie albern ist das denn! –, nicht weiter auffällt. Heute war keine Schule, weil es eine amtliche Eisglättewarnung gab, ohne dass es dann auch nur eine Spur glatt gewesen wäre, und vielleicht ist das ja das «Land, das Bürgern und Unternehmern gründlich auf den Keks geht, mit seinen endlosen Vorschriften und erstarrten Strukturen» («SZ»). Wobei ja heute gerade nichts erstarrt war, sondern der Wetterdienst («Winterchaos») bloss zeigen wollte, dass er mit dem Tempo der Welt mithalten kann.
Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.