Mali: Der Durchbruch
Islamistische Terroristen bedrohen Mali und versuchen, die Hauptstadt Bamako durch eine Benzinblockade lahmzulegen. Viele prophezeiten schon den Zusammenbruch des Landes. Doch sie unterschätzten den Mut der Tankwagenfahrer.
Die Terroristen haben den perfekten Ort für den Angriff auf die Tankwagen gefunden. Im Süden Malis, zwischen dem Ort Bougouni und der Hauptstadt Bamako, windet sich die Nationalstrasse 7 an dicht stehenden Mangobäumen vorbei. Ein Versteck, in dem die Angreifer unbemerkt bleiben. Bis sie das Feuer auf den Konvoi aus weissen Trucks eröffnen. Das Tackern von Sturmgewehren ist zu hören, das Pfeifen von Kugeln, Schreie. Zwei der Tankwagen fangen Feuer – ein rotes Lodern im grünen Dickicht. Darüber steigen Rauchsäulen in den Himmel, bilden schwarze Wolken, die kaum noch Sonnenlicht durchlassen.
Die Terroristen veröffentlichen die Szenen im Internet. Augenzeugen bestätigen die Ereignisse. Manche behaupten, dass am Ende vierzig Lastwagen in Flammen aufgegangen und ein halbes Dutzend Fahrer ums Leben gekommen seien. Einige hätten es nicht mal mehr ins Freie geschafft, seien in ihren Führerkabinen verbrannt.
Fousseny Coulibaly verbrannte nicht. Am 7. Dezember, dem Tag nach dem Angriff, schwingt sich der 35 Jahre alte Lkw-Fahrer aus seinem Truck und tritt auf einen sandigen Parkplatz am Rande Bamakos. Coulibaly hat kurz rasierte Haare, trägt ein olivgrünes T-Shirt. Darunter lugen seine sehnigen Unterarme hervor. «Gestern gab es wieder Tote», bestätigt auch er.
Als die ersten Schüsse fielen, hatte Coulibaly die Stelle bereits passiert. Er ist mit dem Leben davongekommen. Wieder. «Ich kann nicht mehr zählen, wie oft es bei meinen Touren Überfälle gab», sagt er. Einmal sei er so nah dran gewesen, dass er die Explosionen gespürt habe.
Schariastaat als Ziel
Seit September greift die «Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime» (JNIM) Benzinkonvois auf dem Weg nach Bamako an. Die Menschen in Mali nennen diese Taktik «die Blockade». Das Land ist auf Treibstofflieferungen aus dem Senegal und aus Côte d’Ivoire angewiesen. Die einzige Verbindung: holprige Strassen, die Hunderte Kilometer durch unübersichtliches Terrain führen. Mehrere Monate gelang es der JNIM durch Anschläge auf diesen Routen, die Hauptstadt lahmzulegen – zum ersten Mal in der Geschichte. Das Bündnis mit Verbindungen zu al-Kaida versucht damit, seinem grossen Ziel näher zu kommen: Die JNIM will einen Schariastaat aufbauen, die Gesellschaft Malis zwingen, sich ultrakonservativen Auslegungen des Islam zu unterwerfen.
Moped- und Taxifahrer bildeten bald kilometerlange Schlangen vor den Tankstellen. Und übernachteten dort für ein paar Tropfen Sprit. Das Stromnetz fiel stundenlang aus, weil es der staatliche Energieversorger vor allem aus Dieselgeneratoren speist. Mitunter arbeiteten angeblich nicht einmal mehr die Notstromaggregate in den Krankenhäusern. Und mit jedem Tag wuchs in der Dreimillionenstadt die Sorge, dass bald auch die Lebensmittel knapp würden.
Als die Blockade im November immer noch anhielt, hatten internationale Beobachter:innen das Land abgeschrieben, glaubten, dass die JNIM die Achillesferse des Systems gefunden habe. Unmöglich sei es, die Benzinkonvois auf den unübersichtlichen Strassen zu schützen. Viele erwarteten, dass die Not der Menschen bald so gross würde, dass die Regierung darüber stürzen müsste. Und in diesem Chaos, so die Theorie, würde die Stunde der Terroristen schlagen. Die grosse Chance zum Aufbau eines Schariastaats in der Sahelzone. Ein Schreckensszenario. Die USA und europäische Länder forderten ihre Staatsbürger:innen zur sofortigen Ausreise auf. Evakuierungspläne wurden durchgespielt.
Doch dann geschah, womit kaum jemand gerechnet hatte. Männer wie Fousseny Coulibaly machten trotz der düsteren Aussichten einfach weiter, stiegen wieder in ihre Lastwagen. Seit Anfang Dezember durchbrechen immer mehr von ihnen die Blockade.
«Am Anfang hatte ich Angst», sagt Coulibaly. Er streckt seine Hand aus, zeigt auf den Tank seines Trucks. «Entzündliche Flüssigkeit», steht darauf. In fetten roten Buchstaben. «Da sind 45 000 Liter drin. Eine Kugel reicht, und das Ding fliegt in die Luft.» Hinter Coulibaly steht Vierzigtönner neben Vierzigtönner. Neben einem liegt eine Matte, auf der ein Kollege döst. Um einen anderen kreisen Jugendliche, Hilfskräfte, die bei Bedarf Schrauben nachziehen, Reifen wechseln. Natürlich habe er darüber nachgedacht, nicht mehr zu fahren, sagt Coulibaly. Er habe drei Kinder und eine Frau, die wahrscheinlich wieder schwanger sei. «Aber das Militär tut sein Bestes, um uns zu schützen.»
Die Streitkräfte setzen mittlerweile die Luftwaffe ein, um die Strassen zu bewachen. Mit Bodentruppen eskortieren sie jeden der Konvois. Ausserdem haben sie den Fahrern versprochen, sich um ihre Familien zu kümmern – falls doch etwas passiert.
«Ich bin auch Muslim», sagt Coulibaly. «Ich bete, ich gehe in die Moschee. Aber Mali ist kein Land, in dem jemand den Menschen den Glauben vorschreiben kann.» Die meisten Malierinnen und Malier sind liberale Muslim:innen. Hinzu kommen Menschen, die sich zum Christentum oder zu animistischen Religionen bekennen. Nach der Unabhängigkeit 1960 entwickelte sich Mali zu einem säkularen Staat, die Verfassung ist seit Anfang der neunziger Jahre laizistisch.
Rückhalt für die Militärs
Die führenden Köpfe der JNIM greifen diese Ordnung schon seit 2012 an. Damals kaperten sie einen Aufstand von Tuaregrebellen im Norden des Landes. Sie eroberten eine Stadt nach der anderen, zwangen Frauen den Schleier auf, verboten Tanz und Musik. Menschen, die sich ihnen widersetzten, schlugen sie Hände und Füsse ab.
Als die Dschihadisten 2013 weiter nach Süden vorrückten, griff Frankreich in den Konflikt ein. Auf Bitten der damaligen Regierung. Der früheren Kolonialmacht gelang es, den Vorstoss zu stoppen. Allerdings nur vorübergehend. Die Kämpfer wechselten angesichts französischer Kampfjets und Panzerwagen die Taktik. Statt auf Eroberungsfeldzüge setzten sie auf Überfälle, Anschläge und Sprengfallen. Dem hatte auch eine Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen mit mehr als 10 000 Blauhelmen nichts entgegenzusetzen.
Aus den Islamisten, die den Tuaregaufstand gekapert hatten, entwickelten sich mehrere Terrorgruppen, neben dem al-Kaida-nahen Bündnis JNIM auch der Islamische Staat Sahelprovinz (ISSP). Die Gruppen dehnten ihr Operationsgebiet aus, vom Norden Malis ins Zentrum des Landes, ins benachbarte Burkina Faso und in den Niger. In vielen Landstrichen bauten sie Parallelstrukturen auf, trieben Steuern von verängstigten Menschen ein, brachten Minen unter ihre Kontrolle. Sie verdienten Millionen von US-Dollars und Euros durch Viehdiebstahl, Entführungen und den Verkauf von Waffen, die sie bei Angriffen auf Militärcamps ergattert hatten.
Am Ende des vergangenen Jahrzehnts löste die Region den Nahen Osten als Hotspot islamistischer Gewalt ab. Mittlerweile fallen mehr als die Hälfte der weltweit verzeichneten Terrortoten den bewaffneten Gruppen im Sahel zum Opfer. Und seit einigen Jahren verüben sie auch Anschläge in den Küstenstaaten am Golf von Guinea.
Die Krise entwickelte sich zu einer der bittersten Niederlagen des international geführten Kampfes gegen den Terror. Und zu einem tragischen Versagen der Regierungen im Sahel. Die amtierenden Präsidenten wurden, einer nach dem anderen, aus dem Amt gejagt. 2020 durch Militärs in Mali, 2022 in Burkina Faso, 2023 im Niger.
Die neuen Machthaber traten mit dem Versprechen an, nun endlich den Terror zu bezwingen. Mit neuen Strategien und neuen Partnern. Sie setzten auf Kräfte, die anders als die europäischen Staaten keine Skrupel hatten, Waffen zu liefern. Das sind vor allem Russland und die Türkei. Es war ein historischer Bruch. Doch die Militärs geniessen gewaltigen Rückhalt in der Bevölkerung.
Allerdings weiteten die Terrorgruppen auch nach diesem Bruch ihr Operationsgebiet aus. Der lange als halbwegs sicher geltende Süden Malis wurde zum Schauplatz von Anschlägen. Und als die JNIM im September die Blockade Bamakos begann, sahen sich westliche Beobachter:innen in ihrer Erwartung bestätigt, dass sich die Bevölkerung Malis verrannt habe. Sie vermuteten, dass den Menschen nun klar werden müsste, dass sie mit ihren Militärs, mit Russland und der Türkei auf die falschen Kräfte gesetzt hätten.
Seit Anfang Dezember allerdings herrscht in Bamako fast wieder so etwas wie Normalität. Nicht weit von Coulibalys Parkplatz entfernt ragt die Tour d’Afrique in den Himmel. Der Turm ist 46 Meter hoch. An der Spitze halten Hände eine durchlöcherte Schale gen Himmel. Weil die Finger die lecken Stellen verschliessen, läuft das Gefäss nicht aus. Ein patriotisches, panafrikanisches Denkmal. Auf dem Kreisel am Fuss des Monuments rennen Polizisten schreiend hin und her, versuchen, das Verkehrschaos zu managen. Die Strassen Bamakos sind wieder voll mit Mopeds und Taxis. Noch immer kommt es zu Schlangen an Tankstellen. Aber die Fahrer zählen die Wartezeit in Stunden, nicht mehr in Tagen. Rar bleibt Diesel. Die Lebensmittelmärkte dagegen sind voll. Nach Angaben des Welternährungsprogramms gab es nicht einmal eine bedeutsame Steigerung der Preise.
Trügerischer Alltag
Auf der Terrasse des Hotel Badala, eines Treffpunkts von Expats in Bamako, sitzt eine Frau, die die Stimmung in der Bevölkerung gut einschätzen kann: Svenja Bode von der deutschen, der SPD nahestehenden Friedrich-Ebert-Stiftung. Sie lässt ihren Blick über den Niger streifen, einen breiten braunen Strom, der hinter Stacheldraht am Hotel vorbeifliesst. Die Ebert-Stiftung führt regelmässig Meinungsumfragen im Land durch. In der jüngsten von Anfang 2025 stärkten sieben von zehn Befragten der Junta den Rücken. Zu Beginn der Blockade habe auch sie gedacht, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis sich die Bevölkerung gegen die Militärs auflehne, sagt Bode. Doch da sei sie sich nicht mehr so sicher. «Vielleicht gibt es so etwas wie einen Rally-around-the-Flag-Effekt» – einen stärkeren Rückhalt der Junta im Angesicht der Krise.
Die zarte Rückkehr zu einer fragilen Normalität kam in Bamako so plötzlich, dass Anfang Dezember viele Gerüchte die Runde machen. Hat sich die Militärregierung nur auf einen Deal mit den Terroristen eingelassen, um die Bevölkerung für ein paar Tage zu beruhigen? Um ganz sicher einen Gegenputsch abzuwenden? Von freigelassenen Kämpfern ist die Rede. Von einem ersten geheimen Schritt der Regierung in Richtung Kapitulation. Doch Mitte Dezember kursiert eine neue Botschaft im Internet, die der JNIM zugerechnet wird. Von einem Mann, den die Menschen in Mali schon oft gesehen haben. Immer wieder trat er mit schwarzem Turban, Kampfanzug und Kalaschnikow vor die Kamera. Bina Diarra ist ein prominenter Sprecher der Gruppe. Er verbreitete oft Morddrohungen gegen Trucker wie Coulibaly. So erklärte er etwa, dass die JNIM sie wie Soldaten behandeln werde, wenn sie ihre Arbeit nicht einstellen würden. Nun wendet sich Diarra in einer Audiobotschaft an «Ölfirmen» und ihr Personal. Niemand werde verschont, sagt er. Wenn es einen Deal gegeben hat, so hat die JNIM ihn spätestens mit dieser Botschaft aufgelöst. Doch es kommen weiterhin Tankwagen in Bamako an.
Sind der Gruppe mit ihren geschätzt 6000 Kämpfern die Kräfte ausgegangen, um den Druck aufrechtzuerhalten? War am Ende das Durchhaltevermögen der Lkw-Fahrer grösser als die Ausdauer der Terroristen?
In all den Jahren der Gewalt war kaum absehbar, dass ausgerechnet Tankwagenfahrer eine so bedeutsame Rolle im Kampf gegen den Terror spielen würden. Der Beruf ist für die meisten vor allem eines: eine Notlösung. Auch für Coulibaly.
Dessen Vater, zeit seines Lebens selbst Lkw-Fahrer, verbot seinem Sohn gar den Job. Er hoffte auf ein besseres Leben für die nächste Generation seiner Familie. Doch als Coulibaly mit der Grundschule fertig war, war das Geld so knapp, dass mehr Bildung nicht möglich war. Coulibaly bewarb sich bei der Nationalgarde. Vergeblich. Weil es ohne Abschluss auch sonst keine Alternativen gab, wanderte er ins benachbarte Côte d’Ivoire aus, arbeitete als Putzkraft, verkaufte gebrauchte Kleider. Doch er vermisste seine Familie zu sehr. Nach sieben Jahren in der Ferne kehrte er zurück. Nun widersprach sein Vater nicht mehr, als Coulibaly sagte, dass auch er Lkw-Fahrer werden würde.
«Um Lastwagenfahrer zu werden, brauchst du kein Startkapital», sagt Coulibaly. Die meisten sind Tagelöhner. Sie werden von den Besitzern der Trucks angeheuert. Zu erbärmlichen Bedingungen. «Wir leben von der Hand in den Mund», sagt Coulibaly. Viel mehr als 80 000 CFA-Francs im Monat verdiene er nicht: rund 120 Franken. Auch sonst ist das Leben der Trucker hart. «Ich habe seit zwei Monaten nicht in meinem Bett geschlafen», sagt Coulibaly, der eigentlich in Sikasso, nicht in Bamako lebt. Aber Coulibaly darf den Lastwagen nicht allein lassen. Wird der Lkw gestohlen oder beschädigt, muss er dafür aufkommen. Das gilt auch für Benzin, das ausläuft oder verdunstet. Deshalb leben viele Fahrer auch zwischen ihren Touren in den Führerkabinen – oder in einem Zelt, das sie daneben aufschlagen.
An der Zollstation, dem ersten Anlaufpunkt der Benzinkonvois in Bamako, ist zu erkennen, wie wichtig die Lastwagenfahrer jetzt sind. Ein Wall aus Sandsäcken umgibt die Anlage. Darauf ist Stacheldraht gespannt. Von einem Wachturm aus scannen zwei Soldaten die Umgebung mit Maschinengewehren im Anschlag. Das Risiko, dass es auch innerhalb Bamakos zu einem Angriff der JNIM kommen könnte, gilt als gross.
Auch die Fahrer stehen unter Beobachtung. Sie sollen mit niemandem über ihre Arbeit sprechen, keine Geheimnisse preisgeben. Coulibaly ist selbst sein Parkplatz auf der anderen Seite der Hauptstrasse noch zu nah für ein Gespräch mit einem Journalisten. Er wirkt unruhig. «Siehst du den Soldaten da?», fragt er. «Das ist nicht gut.» Es sind erst ein paar Tage vergangen, seit wieder mehr Benzin in Bamako ankommt: Die Lage ist noch fragil. Zumal es neben der JNIM noch andere Kräfte gibt, die darauf warten, dass die Militärregierung ins Straucheln gerät.
Der Herausforderer
An einem Abend Mitte Dezember fallen die letzten Sonnenstrahlen durch ein Fenster in ein halbdunkles Zimmer. Sie treffen das Gesicht von Youssouf Diawara. Brille mit braunem Rahmen, ergrauter Bart, blaues, kragenloses Hemd. «Wir sind ein politischer Verband, wir kämpfen um Macht», sagt Diawara und schmunzelt. «Es ist ja nicht das erste Mal in der Geschichte der Welt, dass sich Gruppen im Geheimen organisieren.» Diawara ist der Präsident der CMAS, einer Bewegung, die es eigentlich gar nicht mehr gibt. Die CMAS ist ein Netzwerk aus Akteur:innen der Zivilgesellschaft und der Politik, die den populären Imam Mahmoud Dicko unterstützen. Die Militärregierung hat sie 2024 verboten, weil sie angeblich die öffentliche Ordnung gefährdet. «Ich habe keine Angst, das Regime weiss doch eh, was wir vorhaben», sagt Diawara. Und er ist bereit, den Preis dafür zu zahlen. Im vergangenen Jahr wurde er bereits für zwei Monate weggesperrt.
«Der Kampf gegen den Terror ist mit Waffen nicht zu gewinnen», sagt Diawara und erklärt den Kurs der Junta zum Irrweg. Er spricht sich für Friedensgespräche mit der JNIM aus, plädiert für einen Kompromiss. «Am Ende geht es ihnen doch nicht darum, Leuten die Arme abzuschneiden», sagt er. «Es geht um ökonomische Fragen.» In den Reihen der JNIM sind tatsächlich viele junge Männer, die sich ausgegrenzt und perspektivlos fühlen. Opportunisten, keine Ideologen. Die wirtschaftliche Lage im Sahel ist prekär.
Diawaras Plattform hat schon 2020 den Boden für den Sturz der damaligen Regierung bereitet. Anfangs unterstützte sie noch die putschenden Militärs, doch als die Soldaten nicht mehr von der Macht lassen wollten, Demokratie und Meinungsfreiheit im Namen der Sicherheit immer weiter einschränkten, verwandelte sich das Bündnis zum Gegner. Nun sieht es offenbar die Chance, den nächsten Machtwechsel anzustossen. Der Kopf der Bewegung, der Imam Mahmoud Dicko, ist ins Exil in Algerien geflohen. Inmitten der Blockade schuf er eine neue Organisation, die Koalition der republikanischen Kräfte (CFR), und fordert öffentlich ein Ende der Militärherrschaft.
Diawara, Dickos rechte Hand in Bamako, warnt davor, sich vom Durchbruch der Blockade blenden zu lassen. Das sei doch nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm. «Die JNIM ist weiterhin auf einem Siegeszug.» In Mali tobt nicht nur ein Kampf mit Maschinengewehren und Granaten. Es tobt auch ein Kampf um die Deutungshoheit. Und damit den Rückhalt der Massen.
Neben dem Durchbruch der Blockade kann die Junta in diesem Kampf für sich verbuchen, dass die Zahl ziviler Opfer seit mehreren Jahren abnimmt – trotz des Abzugs westlicher Truppen. Von 2232 im Jahr 2022 sank sie laut der Organisation ACLED, die Daten über Kriege und Konflikte erhebt, auf 1195 im Jahr 2025. Die Armee ist mit Russland und der Türkei als Partner besser ausgerüstet als früher. Sie tritt selbstbewusster, professioneller, aber auch brutaler auf. Diawara und die meisten internationalen Beobachter:innen glauben dagegen, dass es nur einen Grund dafür gibt, dass weniger Menschen sterben: «Auf dem Land herrscht längst ein Diktat der JNIM», sagt Diawara. Jenseits der Hauptstadt hätten sich die Leute der Ordnung der Dschihadisten unterworfen oder seien geflohen. Eine Narrativ, für das es auch am Rand Bamakos Belege gibt.
Vertrieben am Stadtrand
Im Viertel Faladié dampft eine Müllkippe in der Sonne. Eine Frau steigt den Berg aus schwarzen Plastiktüten und Stofffetzen herunter. Auf ihrem Kopf balanciert sie einen Eimer, um den Fliegen schwirren. Feuchte Brotfetzen sind darin, Knochen, gammliges Gemüse. Tedy Brangalou, 45 Jahre alt, lebt von den Essensresten aus dem Abfallberg. Die Geschichte der hageren Frau mit dem bunten Gewand und den traditionellen Schmucknarben auf den Wangen zeigt, dass der Weg zum Frieden in Mali wohl noch weit ist. Selbst wenn die optimistische These zutreffen sollte und die durchbrochene Blockade einen Wendepunkt markiert.
Brangalou balanciert den Eimer ins Camp für Vertriebene, das vor Jahren auf dieser Halde entstanden ist. Ein paar Meter neben ihrem Zelt breitet sie die Essensreste auf einer Plane zum Trocknen aus. Am Ende wird sie den Müll als Viehfutter im Camp verkaufen. «Für fünfzehn Kilo bekomme ich 3500 CFA-Francs», erklärt Brangalou. Knapp fünf Franken. Das Geld reicht kaum, um ihre Familie durchzubringen. Ihren Mann, der auch im Abfall nach Essensresten sucht. Und ihre fünf Kinder, von denen keines zur Schule geht. «Wir haben keine Wahl.»
Brangalou kommt aus dem Ort Diallassagou im Zentrum Malis. Vor fünf Jahren floh sie, weil die Gewalt in der Region eskalierte. Sie liess ihr Haus und ihr Vieh zurück, verlor alles. «Ich vermisse Diallassagou», sagt sie. «Aber ich habe Angst, zurückzukehren.» In Mali leben rund 400 000 Menschen, denen es so ergeht. Noch einmal so viele sind vor der Gewalt in Nachbarländer wie Mauretanien und den Senegal geflohen. Brangalous Tochter im Teenageralter setzt sich vor das Zelt ihrer Mutter. Sie trägt straff geflochtene Zöpfe, ein Nasenpiercing. Keinen Schleier, nicht einmal ein Kopftuch. Undenkbar unter der Herrschaft der Dschihadisten. Frauen trifft die Ordnung der JNIM besonders hart.
Angesprochen auf die Bedeutung des Durchbruchs der Blockade, lässt Brangalou ihren müden Blick über die dreckigen Zelte von Faladié gleiten. «Wir haben hier doch eh keinen Strom.»
Als Fousseny Coulibaly, der Trucker, sich das nächste Mal meldet, ist er sich offenbar sicher, dass es vorangeht, auch dank seiner Hilfe. Er schickt eine Sprachnachricht aus Côte d’Ivoire. Coulibaly wartet, während sein Tank für die nächste Tour gefüllt wird. «Wenn wir jetzt aufgeben, gibt als Nächstes die Polizei auf, dann das Militär», sagt er. Was früher sein Brotjob war, ist für Coulibaly zur patriotischen Pflicht geworden.
Ein paar Tage später erscheint ein neues Video im Internet. Verpixelte Schwarzweissaufnahmen zeigen eine Strasse aus der Vogelperspektive. Sie führt durch ein Waldstück. Es ist die Strasse, die Coulibaly auf dem Weg nach Bamako nehmen muss. Drei Männer auf Mopeds rasen die Strasse entlang. An einer Stelle, an der die Bäume besonders dicht stehen, halten sie an, verschwinden im Gestrüpp. Einen Moment lang bewegt sich nichts mehr. Dann durchzuckt ein Blitz die Aufnahme. Flammen, Rauch. Ein Luftangriff der malischen Armee. Coulibalys Chancen, bei der nächsten Tour wieder mit dem Leben davonzukommen, sind ein bisschen gestiegen.