Nr. 48/2020 vom 26.11.2020

Ein Korridor des Terrors

Fast zwei Millionen Menschen sind im Zentralsahel auf der Flucht. Rein militärische Ansätze zur Bekämpfung des Terrorismus gelten längst als gescheitert, weshalb die Forderungen nach Gesprächen mit den Dschihadisten lauter werden.

Von Katrin Gänsler, Ouagadougou

Zara Kora sitzt auf einem hellblauen Plastikstuhl in einem Hinterhof in Pazani, einem Viertel im Norden von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Um die alte Frau herum toben Jungs im Grundschulalter. Ein Mädchen krabbelt über den Sandboden. In einem grossen Topf stehen die Reste des Mittagessens. Genügend Essen für sich, ihre Tochter und die Enkelkinder zu finden, ist oft ein Problem. Zara Kora ist eine von rund einer Million Binnenvertriebenen. Im Mai 2019 ist sie aus ihrem Heimatort Arbinda, einer Kleinstadt fast 250 Kilometer entfernt, geflohen. «Die Dschihadisten sind gekommen. Ein paar Familienmitglieder sind bis heute dort. Wir konnten nicht gemeinsam fliehen», erzählt sie knapp. Manchmal bebt ihre Stimme.

In den Sahelstaaten Burkina Faso, Mali und Niger haben sich verschiedene Terrorgruppen in den vergangenen knapp zehn Jahren immer mehr ausgebreitet. Zuerst in Mali: Nach einem Tuareg-Aufstand und dem Sturz von Präsident Amadou Toumani Touré im März 2012 besetzten Milizen monatelang den Norden. Trotz einer Rückkehr zur Demokratie 2013 blieb Mali instabil. Erst im August dieses Jahres kam es zu einem erneuten Staatsstreich. Seitdem ist eine Übergangsregierung an der Macht.

Ein Teil der Milizen hat sich längst zusammengeschlossen und bildet seit 2017 die Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime (JNIM), die auch in Burkina Faso operiert. Weitere Akteure sind seit 2015 Untergruppen des Islamischen Staats. Anfangs gab es die Hoffnung, dass diese sich gegenseitig bekämpfen würden. Doch das Gegenteil ist eingetreten. Laut einem Beobachter in der nigrischen Hauptstadt Niamey tauschten sie mitunter ihre Mitglieder aus, die mehr Söldner als Gotteskrieger seien.

Der Zentralsahel Karte: WOZ

Die Denkfabrik International Crisis Group (ICG) mit Sitz in Brüssel schlug Mitte des Jahres Alarm: Dschihadisten würden den Nordwesten Nigerias infiltrieren. Anders als die Region um den Tschadsee war dieser bisher von Überfällen und Anschlägen verschont geblieben. Das würde bedeuten, dass vom Tschadsee – aus der Region stammt die 2002 gegründete nigerianische Miliz Boko Haram – durch den Süden des Niger und den Norden Nigerias ein Korridor entsteht, durch den sich Mitglieder leicht austauschen lassen, vor allem aber Drogen und Menschen geschmuggelt werden könnten.

Misstrauen auf allen Seiten

Bei ihrer Ausbreitung hilft den Dschihadisten, dass sie auf eine «stille Reserve» zurückgreifen können. Mit dem Begriff aus dem Niger werden junge Männer bezeichnet, deren Loyalität mit regelmässigen Zahlungen erkauft wird. Im Gegenzug müssen diese bei Bedarf der Terrorbewegung zur Verfügung stehen.

Das Phänomen lässt sich nicht allein mit Armut erklären, obwohl im Niger, in Mali und in Burkina Faso mindestens ein Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt und täglich weniger als zwei US-Dollar zur Verfügung hat. Die Ursache liegt vielmehr in der Perspektivlosigkeit. Gerade in ländlichen Regionen gibt es keine Aufstiegschancen. Durch das jährliche Bevölkerungswachstum zwischen 2,6 und 3,6 Prozent ist der wirtschaftliche und gesellschaftliche Druck enorm: Weder wächst die Infrastruktur mit noch das Jobangebot.

Ein Terrormuster bleibt seit Jahren gleich. Die Angriffe beginnen an den Grenzen, die kaum gesichert sind und sich weit weg von den Hauptstädten befinden. «Man hat das Gefühl: Es sind die anderen. Uns betrifft der Terror schon nicht», sagt der burkinische Schauspieler und Dramatiker Mahamadou Tindano, dessen Stück «Das Vaterland oder der Mord» gerade in Ouagadougou aufgeführt wurde. Es handelt von Terroristen, ihren brutalen Angriffen und vor allem vom Misstrauen.

Ethnische Massaker

Das Misstrauen breitet sich in Mali und vor allem in Burkina Faso immer stärker aus. Burkina Faso galt in der Region bisher als beispielhaft für das friedliche Zusammenleben von mehr als sechzig Ethnien sowie von Christen, Musliminnen und Anhängern traditionellen Glaubens. Doch seit 2019 gab es mehrere gezielte Massaker gegen einzelne ethnische Gruppen. Das Risiko einer Spaltung sei gross, sagt Sandrine Nama, Programmkoordinatorin der nichtstaatlichen Organisation Dialog für Gerechtigkeit und Sicherheit. Das hat zur Folge, dass BürgerInnen sich nicht mehr vertrauen oder sich gegenseitig schützen.

Die Gewalt in Burkina Faso geht dabei auch von den Sicherheitskräften aus. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat Berichte über Hinrichtungen ohne Ermittlungen, Strafverfahren und Urteile verfasst. Die mutmasslichen Täter seien Angehörige der Armee, die Opfer gehörten zur Ethnie der Peul. Dass diese in den Fokus gerückt sind, liegt am Anführer der islamistischen Milizen, die sich als JNIM zusammengeschlossen haben. Amadou Koufa ist Peul und soll vorwiegend Anhänger seiner eigenen Ethnie rekrutiert haben. Das führte zu einer Stigmatisierung der Peul.

Aus der malischen Hauptstadt Bamako schickt Abdul Aziz Diallo über sein Handy Fotos, die Verletzte und Leichen zeigen. Diallo war jahrelang Vorsitzender des Interessenverbands der Peul und ist entsetzt über die Massaker. Beim schwersten starben im März 2019 mindestens 160 Menschen. Im Juni 2020 stehen auf einer Liste die Namen von 29 Opfern. «Warum diese Gewalt?», schreibt er dazu.

Die Menschenrechtsverletzungen durch Streitkräfte kritisieren die Vereinten Nationen scharf. Der Sicherheitsrat konstatierte im September eine «Zunahme der Verstösse der malischen Verteidigungs- und Sicherheitskräfte sowie der internationalen Streitkräfte im Rahmen von Militär- und Sicherheitsoperationen».

Eine Debatte über gefallene Soldaten wiederum bleibt aus. Selten protestieren Angehörige gegen deren Arbeitsbedingungen, obwohl es an passender Ausstattung fehlt. Für die asymmetrische Kriegsführung sind die Soldaten bis heute nicht ausgebildet, dabei sind sie oft das erste Ziel der Terroristen. Erst vor zwei Wochen starben in Burkina Faso zwischen Tin-Akoff und Beldiabé in der Region Sahel vierzehn Soldaten durch einen Anschlag mitten im Parlaments- und Präsidentschaftswahlkampf.

Internationale Missionen ändern daran nichts, obwohl allein in Mali per Mandat mehr als 13 000 BlauhelmsoldatInnen stationiert werden können. Hinzu kommen bilaterale Missionen wie die der einstigen Kolonialmacht Frankreich. Die Wirkung der Uno-Stabilisierungsmission Minusma bleibt schwierig abschätzbar: Trotz der Kritik an fehlenden Erfolgen ist fraglich, ob die Terroristen ohne sie nicht längst bis nach Bamako vorgedrungen wären.

Verhandeln oder nicht?

Nun werden Forderungen nach Gesprächen mit Terroristen laut. Während es in Mali dafür bereits viel Zuspruch gibt, war diese Frage auch Kernthema im burkinischen Präsidentschaftswahlkampf. Präsident Roch Marc Christian Kaboré hatte einen Dialog stets abgelehnt, zumindest offiziell. «Kritiker fragen natürlich, worüber und mit wem verhandelt werden soll», so Sandrine Nama von der NGO Dialog für Gerechtigkeit und Sicherheit. Die Opposition hat sich in den vergangenen Wochen jedoch eindeutig für Gespräche ausgesprochen. Dass es dazu kommt, ist angesichts der vorliegenden Zwischenergebnisse unwahrscheinlich: Bis zum Redaktionsschluss führt Kaboré deutlich mit über fünfzig Prozent der Stimmen.

Vor allem im 1,24 Millionen Quadratkilometer grossen Flächenstaat Mali mangelt es vielerorts an staatlicher Präsenz. Je geringer diese ist, desto eher können Terrorgruppen eigene Systeme aufbauen. Sie kontrollieren Märkte, erheben Zölle, entscheiden über Koranschulen und bieten mitunter sogar einen Schutz vor Angreifern.

Es ist eine Vorstellung, die Zara Kora Angst macht. Brutale Gewalt, Willkür, den Zusammenbruch des Staates und das ohnmächtige Militär hat sie in den vergangenen Jahren zur Genüge erlebt. Dabei möchte sie nur eins: «Ich will zurück in meinen Heimatort», aber nur unter einer Bedingung: «Es muss sicher sein, es muss Frieden herrschen.»

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