Sachbuch: Wie geht Autonomie?

Nr. 4 –

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Buchcover von «Alles muss man selber machen. Zur Geschichte der Rätebewegungen, von der Pariser Kommune bis Rojava»
Christopher Wimmer: «Alles muss man selber machen. Zur Geschichte der Rätebewegungen, von der Pariser Kommune bis Rojava». Dietz Verlag. Berlin 2025. 320 Seiten.

Der Titel deutet es schon an: «Alles muss man selber machen» ist kein theoretisches Buch, sondern – so weit das möglich ist – ein praktisches. Mit grosser Detailkenntnis entfaltet der Berliner Soziologe (und gelegentliche WOZ-Autor) Christopher Wimmer darin die Geschichte der basisdemokratischen Organisationsform der Rätedemokratie, von der Pariser Kommune bis Rojava.

Dabei macht der Autor keinen Hehl daraus, dass er auf der Seite der Kommunard:innen steht. Es geht ihm weniger um die Theorien, die hinter den verschiedenen Ansätzen der Rätedemokratien in der Geschichte zwischen 1870 und heute standen, als um diese Ansätze selbst.

Das Buch will dazu anregen, die kollektive Handlungsmacht zu entfalten, die in der lokalen, solidarischen Selbstorganisation liegt. In diesem Sinne erzählt es die Geschichten der vielen, zum Teil radikal verschiedenen Ansätze – von Paris über China und Jugoslawien bis hin zu den Zapatistas in Mexiko und den kurdischen Autonomiegebieten im Norden Syriens. Diese Verlegung des Fokus von den «grossen Theoretikern» auf die kollektive Bewegung fördert spannende Geschichten zutage: von der chinesischen Rätebewegung vor dem Aufstieg Maos zum «Grossen Vorsitzenden», aber auch von linken Oppositionen in Polen, Ungarn und der DDR. Und Wimmers Buch erzählt, woran diese Versuche allzu oft gescheitert sind: an militärischer Repression durch ökonomische Eliten und Machthaber, die in der demokratischen Organisation «von unten» eine Gefahr für ihre Privilegien sahen.

Aber Wimmer verschweigt auch nicht die inneren Probleme, die solche Bewegungen mit sich bringen: die Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung, die Langsamkeit demokratischer Prozesse, die Herausbildung neuer Eliten innerhalb der informalen Netzwerke. Das Buch ist zwar keine Anleitung zur Herstellung von basisdemokratischer Selbstverwaltung, aber es regt durchaus dazu an, seine Autonomie wieder selbst in die Hand zu nehmen.