Film: Auf Linie des Vatikans
Mutter Teresa (1910–1997) war eine kontroverse Figur. Sie überhöhte das Leiden und vernachlässigte politische Lösungen für soziale Fragen. Meist blieb sie auf Linie des Vatikans, der mithalf, sie als globale Heiligenikone zu vermarkten. Als solche, schreibt die US-Medienwissenschaftlerin Bishnupriya Ghosh in ihrem Buch «Global Icons», verschleierte Mutter Teresa hegemonialen religiösen Expansionismus, verknüpfte aber zugleich soziale Forderungen über unterschiedliche Gemeinschaften hinweg und verkörperte grenzenloses Geben.
«Mother», der erste englischsprachige Film von Teona Strugar Mitevska, verzichtet nicht auf eine Ikonisierung in zahlreichen Close-ups. Die nordmazedonische Filmemacherin verschiebt aber den Akzent, indem sie den Blick auf die Widersprüche des Menschen hinter dem Bild freilegt.
Kein Biopic im klassischen Sinn, erzählt «Mother» von sieben Tagen im Leben Mutter Teresas. 1948 ist die junge albanischstämmige Teresa Oberin eines Klosters der Loreto-Schwestern in Kolkata, wo sie indische Mädchen unterrichtet, eine schwangere Mitschwester aus dem Kloster verbannen will, Leprakranke pflegt und auf Antwort aus dem Vatikan wartet, ob sie die Genehmigung für die Gründung ihres eigenen Ordens erhält.
Gespielt von Noomi Rapace, erscheint Mutter Teresa als von Zweifeln geplagte Frau zwischen Solidarität und Dogmatismus, Gerechtigkeit und Eigennutz, Hingabe und Selbstinszenierung. Mit der Zeit häufen sich Träume und Visionen, verzerrte Gitarren spiegeln die Krise der Protagonistin. Die Bildsprache verdichtet sich im Wechselspiel von Gesicht und Händen, die zum Leitmotiv werden: Sie kneten den Teig, reichen den Kranken das Brot. Dramaturgischer Höhepunkt ist eine nächtliche Szene, in der Nonnen zu «Hard Rock Hallelujah» tanzen.
In subtiler Sinnlichkeit bleibt «Mother» stets nahe an seiner Hauptfigur. Deren Ikonisierung unterläuft der Film immer wieder in der Darstellung ihrer Ambivalenzen – wobei er die Kontroversen um die reale Person zuweilen doch ein wenig glättet.