Nr. 19/2019 vom 09.05.2019

Gott im Blumenkleid

Im neuem Film der Mazedonierin Teona Strugar Mitevska steht eine resolute Frau plötzlich einem schreienden, halb nackten Männermob gegenüber – und bleibt ungerührt. Das ist stellenweise etwas klischiert, aber auch sehr vergnüglich.

Von Alice Galizia

Wie kann eine Frau es wagen, das Kreuz aus dem Wasser zu fischen? Petrunya (Zorica Nusheva) hat ein Sakrileg begangen. Still: Trigon-Film

Ganz zu Beginn von «God Exists, Her Name Is Petrunya» liegt die Protagonistin (Zorica Nusheva) nackt in ihrem Bett unter der Decke, während ihr ihre Mutter ein Stück Brot hinhält. Sie solle aufstehen, sich anziehen, hübsch machen, sie habe ein Vorstellungsgespräch. Petrunya hat keine Lust. Sie sagt, nackt fühle sie sich am wohlsten, «Mutter, schaust du mich nicht an, weil ich dick bin?» Aber sie steht dann trotzdem auf und zieht sich ein geblümtes Kleid an.

Ein ganzes Jahr Glück

Petrunya ist Anfang dreissig, Historikerin, arbeitslos. Und sie wohnt noch bei ihren Eltern im kleinen mazedonischen Dorf Stip. Auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch rennt ihr die Mutter hinterher, «Bitte, sag, du seist erst 25». Dann sitzt sie dem Manager einer Nähfabrik gegenüber, im Glaskasten inmitten der Näherinnen. Und während er ihr die Hand unter den Rock schiebt, sagt er, er würde sie niemals anstellen: «Du bist so hässlich, ich würde dich nicht mal ficken.»

Alles in allem nicht der beste Tag also, den Petrunya mit einer Gleichgültigkeit quittiert, die einen ahnen lässt: Eine Ausnahme ist er nicht. Oder eher: noch nicht. An diesem Tag findet im Dorf auch die orthodoxe Dreikönigsprozession statt. Mit grossen Kreuzen ziehen die Kirchenleute singend durchs Dorf, begleitet von den DorfbewohnerInnen. Am Ende wirft der Priester ein kleines hölzernes Kreuz von einer Brücke in den kalten Fluss, die jungen Männer des Dorfes springen ihm nach. Wer das Kreuz fängt, soll ein ganzes Jahr Glück haben. Auf dem Heimweg von der Nähfabrik kommt Petrunya an der Prozession vorbei. Dann springt sie in ihrem geblümten Kleid ganz unvermittelt ins Wasser, holt sich das Kreuz – und steht plötzlich einer schreienden Horde von Männern in Badehosen und mit nackten Oberkörpern gegenüber: Nach Tradition ist das Fangen des Kreuzes nur für Männer vorgesehen.

«God Exists, Her Name Is Petrunya» ist inspiriert von einem Vorfall vor ein paar Jahren, als in Stip tatsächlich eine Frau das Kreuz fing. Langsam und mit leisem satirischem Unterton geht die Regisseurin Teona Strugar Mitevska ihrer Protagonistin nach, die mit dem Kreuz nach Hause geht, dort mit ihrer Mutter streitet und dann von der Polizei abgeholt wird. Danach verbringt sie fast den gesamten restlichen Tag auf dem Polizeiposten.

Oder geht es ums Prinzip?

Warum, ist unklar: Traditionell sollten zwar keine Frauen am Ritual teilnehmen, aber gesetzlich verboten ist es eben auch nicht. Ob sie nun verhaftet ist, sagt man ihr nicht. Sie, die anfangs eher impulsiv gehandelt hatte, wird im Laufe des Tages immer resoluter: «Es ist mein Kreuz, ich habe es gefangen», sagt sie immer wieder. Aber warum sie es behalten will, wird eigentlich gar nicht ganz klar. Wegen des Glücks? Gläubig ist sie ja nicht wirklich. Oder aus Prinzip? Petrunyas Freundin, die ihr das Youtube-Video ihrer Aktion zeigt, sieht vor allem einen Vorteil: «Du hast total viele Likes. Die Männer werden Schlange stehen.»

Mit unmotivierter Lovestory

Der ruhigen Protagonistin ist eine andere Frauenfigur gegenübergestellt: Slavica, Fernsehjournalistin, auf der Suche nach dem grossen Coup und damit ihrem Durchbruch. Gespielt wird sie von Labina Mitevska, Produzentin des Films und Schwester der Regisseurin: weniger facettenreich als Petrunya zwar, aber dafür gibt sie dem Film eine klar komödiantische Note. Slavica, die eben doch nicht so professionell ist, wie sie das gerne wäre – die sich ständig verhaspelt oder Namen ihrer mühsam angeworbenen InterviewpartnerInnen falsch ausspricht. Aber die eben doch als eine der wenigen in Stip versteht, wie wichtig Petrunyas Geschichte ist und was durch sie alles erzählt werden kann.

So spiegelt sie nicht zuletzt das Vorhaben der Regisseurin von «God Exists, Her Name Is Petrunya», die starren patriarchalen Strukturen anzuprangern – die davon unterstützt werden, dass sich im Dorf alle kennen und zusammenarbeiten: die Polizei, die Kirche, der Mob draussen, der es Petrunya verunmöglicht, den Polizeiposten wieder zu verlassen.

Manchmal wirken diese Figuren und ihre Handlungen etwas klischeehaft: die Mutter, die Petrunya enterben will, der wütende Männermob, der nicht viel anderes kann, als sie als «Schlampe» zu beschimpfen. Dafür spielt Zorica Nusheva ihre Petrunya umso sorgfältiger. Eine vielschichtige Protagonistin, ein wenig orientierungslos zwar, aber doch selbstbewusst. Und eben nicht ganz konsequent in ihrer ruhigen Haltung: Auch sie wird wütend, tritt im Streit auf ihre Mutter ein, die sich zu Boden geworfen hat.

Nur schade, dass die Regisseurin es nicht lassen konnte, eine kleine unmotivierte Lovestory zwischen Petrunya und dem einzigen netten Polizisten auf dem Posten anzutönen. Diese starke Frau, die ja gerade nicht an all den Verkupplungsversuchen durch die Mutter oder ihre Freundin interessiert ist, der alles egal zu sein scheint, die sich sogar über den Polizeikommandanten lustig macht und sich kaum beeindrucken lässt, als sie von einem aus dem Männermob angespuckt wird: Dass die sich wegen zweier netter Gespräche und einer angebotenen Decke in diesen Typen verlieben soll, kann man eigentlich gar nicht glauben.

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