Jüdisches Museum Hohenems: «Im Vorarlberg anzukommen, war nicht ganz einfach»
Unter seiner Leitung hat sich das Jüdische Museum gegen Polarisierung und identitäre Vereinnahmung gewehrt und auf eine Kultur der Begegnung gesetzt. Im April geht Hanno Loewy in Pension.
WOZ: Hanno Loewy, mein letzter Besuch hier im Jüdischen Museum Hohenems war anlässlich der Eröffnung der Ausstellung «A Place of Our Own» über vier junge Palästinenserinnen in Tel Aviv. Das war im Mai 2023. Seither gehen mir die Bilder, die die Frauen zu Hause bei ihren Familien in den arabischen Dörfern und Städten zeigen, nicht mehr aus dem Kopf. Wissen Sie etwas darüber, wie es ihnen geht?
Hanno Loewy: Die Architektin, Majdoleen, hat eben ein Kind bekommen. Sie lebt in Mailand. Samar hingegen, Schauspielerin und angehende Regisseurin, hat es besonders schwer. Ihre Filmkarriere liegt mehr oder weniger in Trümmern. Das israelische Filmbusiness hat sich verändert, die Zusammenarbeit ist schwierig, und Samar spürt auch einen inneren Widerstand, Teil davon zu sein. Aber das Verrückte ist, dass es in all diesem Wahnsinn nach wie vor einen palästinensisch-israelischen Alltag gibt: Ein Museum in Jerusalem, das seit vielen Jahren versucht, jüdische und arabische Künstler:innen zusammenzubringen, will die Ausstellung «A Place of Our Own» jetzt zeigen. Ich weiss nicht, was das mit den vier Frauen machen wird.
Ein engagierter Vermittler
Hanno Loewy (64) ist Kurator, Lehrbeauftragter und Publizist. In Frankfurt am Main hat er von 1995 bis 2000 das Fritz-Bauer-Institut für Holocauststudien mitaufgebaut. Seit 2004 leitet er das Jüdische Museum Hohenems.
Mit seiner Ausstellungs- und Vermittlungsarbeit hat er das Haus weit über die österreichischen Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. Dafür wurden er und das Museum 2024 mit dem Rheintaler Kulturpreis ausgezeichnet.
Im April 2026 tritt Loewy als Direktor in den Ruhestand, wird aber an der Realisierung des Schweizer Memorials für die Opfer des Nationalsozialismus in Diepoldsau noch mitwirken.
WOZ: Das Jüdische Museum Hohenems hat sich in den vergangenen Jahren stark in der antisemitismus- und rassismuskritischen Bildung engagiert, zum Beispiel mit dem Workshop «Über Israel und Palästina reden!». Wie hat sich diese Arbeit seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und Israels Krieg in Gaza verändert?
Hanno Loewy: Die Leute haben uns überrannt. Wir führten innerhalb von ein paar Monaten Workshops mit über tausend Jugendlichen durch: hier im Haus, in der Ausstellung, oft auch in Schulen und Jugendzentren. Dabei haben wir die unterschiedlichsten Perspektiven auf diesen Krieg, darauf, was sich da abspielt, erst mal zugelassen. Wenn man das in anerkennender Perspektive tut, dann kann man auch in den Diskurs darüber eintreten, wo eine Grenze ist zwischen legitimen Interessen und einer Ideologie, die Missbrauch treibt mit dem, was real passiert. Die andere Menschen herabsetzt und den Konflikt benutzt, um eigene Machtansprüche und Gewaltfantasien auszuleben. Es geht auch um Loyalitätskonflikte, die Gruppenzwänge auslösen, und irgendwann gibt es keine Bereitschaft mehr, Zwischentöne zu akzeptieren. Solche Mechanismen existieren in allen Communitys – egal ob es sich um christliche Vorarlberger, syrische Geflüchtete, Nachkommen türkischer Arbeitsmigranten, die jüdische Gemeinde oder die Linke handelt. In den Workshops reden wir dann darüber, wie Unterdrückung in diesen jeweiligen Gemeinschaften real funktioniert.
WOZ: Inwieweit sind Sie selbst in diese Bildungsarbeit involviert?
Hanno Loewy: Also ich muss gestehen, ich habe kein pädagogisches Talent. Ich habe irrsinnige Hochachtung vor Menschen, die es schaffen, auf jede noch so unbequeme Frage besonnen zu antworten oder gar Dinge hervorzukitzeln, die unangenehm sind und die man dann gemeinsam bearbeitet. Ich mache natürlich auch Führungen durch die Ausstellung, aber diese sind auf eine altmodische Art und Weise autoritär: Ich erzähle was.
WOZ: Sie kuratieren auch eigene Ausstellungen – Ihre allererste drehte sich um jüdischen Kitsch und sogenanntes identity shopping. War das eine bewusste Provokation?
Hanno Loewy: Natürlich war es das. Wir haben alle Vorurteile, die Jüdinnen und Juden über sich selber haben, herausgestellt: jede Menge Stereotype, mit denen man seine Kinder traktiert, mit denen man in der Gemeinde Zusammenhalt stiftet. Es ging uns um einen selbstironischen Umgang mit den eigenen Mythen, um Objekte, die das versinnbildlichen. Zum Schluss haben wir diese Ausstellungsobjekte dann in einer Auktion verkauft. Die Ausstellung damals hat so richtig geknallt. Damit waren wir auf der Landkarte.
WOZ: Die Ausstellung war also so etwas wie die Initialzündung, um das Museum bekannt zu machen?
Hanno Loewy: Als ich 2004 die Leitung übernahm, funktionierte das Museum nur noch im Notbetrieb. Nach mehreren Jahren mit vielen Konflikten und Leitungswechseln gab es kaum Stellenprozente und kaum Geld. Ich wusste: Wir müssen jetzt ein Feuerwerk veranstalten, damit die Leute merken, dass es uns noch gibt.
WOZ: Was hat Sie denn daran gereizt, die Leitung dieses prekarisierten Museums in der Provinz zu übernehmen?
Hanno Loewy: Das Jüdische Museum Hohenems war seit seiner Gründung 1991 ein Ort, wo Polarisierung bekämpft und wo Identitäten infrage gestellt statt zementiert wurden. Zunächst einmal vor allem mit Blick auf Europa und nicht auf Israel, den Nahen Osten und Palästina. Es ging von Beginn weg um die Frage, wie das Zusammenleben in einer von Migration geprägten Welt funktionieren kann. Diese Grundhaltung hat mich interessiert, sie war eine Ressource. Davon ausgehend haben wir uns dann in Ausstellungen auch mehrmals mit der Situation in Israel und Palästina beschäftigt. Realitäten, denen andere jüdische Museen damals leider häufig aus dem Weg gegangen sind.
WOZ: Mit was für Realitäten haben Sie sich da konkret auseinandergesetzt?
Hanno Loewy: In der Ausstellung «Endstation Sehnsucht: Eine Reise durch Yerushalayim-Jerusalem-Al Quds» thematisierten wir die verschiedenen Perspektiven auf die brisante Gegenwart in einer Stadt, die Juden, Christen und Muslimen als heilig gilt. In einer anderen Ausstellung beschäftigten wir uns mit israelischen Familien – und zwar allen: von jüdischen und palästinensischen Familien über Beduinen bis hin zu philippinischen Arbeitsmigrant:innen. In der Ausstellung zu Tel Aviv verhandelten wir Fragen von Segregation und Gentrifizierung auch auf der Basis von ethnischen Ungleichheiten und Privilegierungen. Und das fiel natürlich auf: dass sich hier ein jüdisches Museum mit Israel und Palästina nicht aus einer identitären Position auseinandersetzt, sondern unbefangen und offen mit einer Realität umgeht, die viel komplexer ist.
WOZ: Was macht für Sie eine gelungene Ausstellung aus?
Hanno Loewy: Die ganz grosse Kunst besteht darin, gute Fragen zu stellen – Fragen, auf die man trotz des vielen, das man weiss, die Antwort noch nicht kennt. Fragen, auf die es vielleicht gar keine eindeutige Antwort gibt. Wenn ich durch Ausstellungen in anderen Museen gehe, sehe ich meist Fragen, zu denen mir sofort eine Antwort aufgedrängt wird. Statt eine rhetorische Frage zu formulieren, hätten sie genauso gut einfach eine These hinschreiben können. Das ist auf die Dauer sehr langweilig, weil es einen wie einen pawlowschen Hund herumführt, der halt nicken soll. Aber die Wirkung ist in der Regel ziemlich bescheiden, die Ausstellungen schnell wieder vergessen. Interessant wird eine Ausstellung dann, wenn auch nach fünf oder zehn Jahren noch jemand kommt und erzählt, dass ihr Thema ihn oder sie nach wie vor beschäftigt.
WOZ: Gab es für Sie auch schwierige Momente in Hohenems?
Hanno Loewy: Nun, im Vorarlberg anzukommen, war nicht ganz einfach. Wenn man da auf eine Geburtstagsparty eingeladen wird, kennen sich achtzig Prozent der Gäste aus dem Kindergarten. Da, wo es in die privaten Kreise geht, wird es sehr heimisch. Was dazu führt, dass die ersten Leute, mit denen man eng wird, aus Deutschland, Südtirol oder der Schweiz stammen – jedenfalls nicht aus Hohenems. Und natürlich hatte die FPÖ damals keine grosse Freude an dem, was wir da machten. Aber angefeindet wurden wir erst mal auch nicht – bis 2009.
WOZ: Was geschah 2009?
Hanno Loewy: Es war Wahlkampf, die Stimmung wahnsinnig ausländerfeindlich aufgeheizt, und ausgerechnet Alexander Segert, der SVP-Plakatwerber aus der Schweiz, hat für die FPÖ den Wahlkampf hier im Vorarlberg gemanagt und das Rezept dafür einfach importiert. Die Slogans reichten vom Minarettverbot über «Deutsch reden ist Pflicht» bis zu «Familiengeld nur für heimische Familien». Darauf haben wir vom Museum ziemlich scharf reagiert und den FPÖ-Kandidaten Dieter Egger gefragt, wen er denn für heimisch halte und was für Bedingungen man dazu erfüllen müsse. Worauf ihm an einer Wahlveranstaltung der Kragen geplatzt ist und er öffentlich verkündet hat, der Exiljude aus Amerika in seinem hochsubventionierten Museum solle sich «aus unseren Fragen» gefälligst raushalten. Das hat ihn politisch dann erst mal den Kopf gekostet. Denn der ÖVP-Landeshauptmann stellte ihm öffentlich ein Ultimatum, sich bis zum Abend bei mir zu entschuldigen, was Egger natürlich nicht tat. Am Tag darauf hat der Landeshauptmann die Regierungskoalition mit der FPÖ für beendet erklärt.
WOZ: Ist das derselbe Dieter Egger, der aktuell Bürgermeister von Hohenems ist?
Hanno Loewy: Genau, und das schon seit 2015. Als er damals für das Amt angetreten ist, hat er sich in aller Form bei mir entschuldigt – öffentlich und privat, brieflich und in der Presse. Ich war ziemlich überrumpelt. Und seit seiner Wahl macht er tatsächlich einen pragmatischen Job, lässt auch durchblicken, dass er punkto Migration und Geflüchtete manches anders sieht als seine FPÖ-Kolleg:innen in Wien. Wir haben einen guten Weg der Zusammenarbeit gefunden. Er weiss, wie wichtig das Museum für die Stadt ist. Paradoxerweise haben der Konflikt und seine Auflösung das Museum im Ort ausser Streit gestellt.
WOZ: Just 2015 hat Marine Le Pen ihren Vater Jean-Marie wegen seiner Holocaustrelativierung aus dem französischen Front National geworfen. Steht Eggers Verhalten vielleicht auch im Kontext einer strategischen Abwendung der europäischen Rechten vom offenen Antisemitismus?
Hanno Loewy: Grundsätzlich versucht die Neue Rechte in Europa – genauso wie in den USA oder in Lateinamerika –, den eigenen Rassismus damit zu verbrämen, sich demonstrativ an die Seite Israels und manchmal auch an die Seite jüdischer Gemeinden zu stellen. Meistens mit ziemlich eindeutigen muslimfeindlichen und Migrant:innen verachtenden Untertönen. Das ist inzwischen das rechte Erfolgsrezept: Minderheiten gegeneinander auszuspielen. Ein grosses Thema, darüber wäre länger zu reden. Aber Dieter Egger fällt mit solchen Ideologien nicht auf. Unser Museum hat diese Instrumentalisierungen des «Jüdischen» für den neuen rechten Populismus, diesen Versuch einer tödlichen Umarmung im Zeichen der Fantasien vom angeblich «christlich-jüdischen Abendland», immer mit viel Witz und Chuzpe unterlaufen.
WOZ: Seit letztem Sommer hat das Museum ein neues Leitbild, das den Fokus noch stärker auf aktuelle gesellschaftspolitische und -kritische Interventionen legt. Ist das so etwas wie Ihr Vermächtnis?
Hanno Loewy: Es ist natürlich nicht nur ein Vermächtnis von mir, daran haben alle im Haus, der Beirat und viele Freunde des Museums in einem intensiven Diskussionsprozess mitgearbeitet. Aber klar geht es darum, den Spirit und die Haltung, die das Museum eigentlich seit seiner Gründung geprägt haben, explizit auch als Anspruch für die Zukunft zu formulieren. Wir haben einen öffentlichen Auftrag. Und dieser lautet nicht, vorhandene Erwartungen und Vorurteile zu bedienen, sondern zu hinterfragen, Denkprozesse zu provozieren, die Leute aus ihrer Ecke rauszuholen, sie mit sich selbst und ihren eigenen Vorurteilen zu konfrontieren.