Dominique Grandjean (1944–2026): Kunstpop aus Immernimmerland
Der Zürcher Psychiater Dominique Grandjean wurde wegen «Campari Soda» spät berühmt. Zu seinem Vermächtnis zählt auch Hertz, die beste Schweizer New-Wave-Band.
Volkslieder sind in Dur, sie brauchen ein starkes Rückgrat. Die Schweiz ist auch da ein Sonderfall, weil eines ihrer berühmtesten, das Guggisberglied, in Moll ist. Egal, ob von Schweizer Söldnern im 18. Jahrhundert auf italienischen Schlachtfeldern aus Heimweh gesungen oder von Stephan Eicher, der es 1989 für Pop aufbereitet hat, bis es ein bisschen nach den Stranglers klang.
Es war auch Eicher, dessen Version 1999 aus den vielen Coverversionen von «Campari Soda» hervorstach. Eicher schüttelt den Campari etwas zu sehr mit seiner Gefühlskunst. Der Song ist besser, wenn man ihn straight und ungeschult singt, wie 1977 im Original von Dominique Grandjean und seiner Studioband Taxi.
Der Werbeclip der Fluggesellschaft Swiss, der vor zwanzig Jahren den Song in den Kanon der helvetischen Hits katapultierte, hat das genau verstanden. Es singen Lai:innen – eine Frau im Tram, ein Bauarbeiter, ein Geschäftsmann im leeren Sitzungsraum, der die Augen auf den Tisch senkt: «Es isch als gäbs mich nüme me …» Erst am Schluss sieht man das erwartbare Flugzeug über den Wolken. Man begreift da die leicht psychedelische Schweizer Sehnsucht, sich zu verlieren oder zumindest für zwei Wochen der Enge zu entkommen. Es muss ja nicht immer in Basel erfundenes LSD sein. Es reicht, viermal im Jahr einen Flug zu buchen. «Campari Soda» ist eigentlich in Dur, aber musikalisch ein Wackelbild: auf der einen Seite etwas traurig, auf der andern bereits therapiert – die Schweiz in gut drei Minuten.
Coole Kanten
Grandjean selbst flog in den Siebzigern öfter nach Marokko, vermutlich nicht nur wegen des Pfefferminztees. Er kam aus gutem Haus, studierte Medizin und war bereits Assistenzarzt, als er an den Ufern des Zürichsees ein Album aufnahm. Es ist zwar ein unterprobtes Flickwerk und verkaufte sich kaum (die ersten Punks wollten nicht einem schrägen, aber wohltemperierten Mittdreissiger zuhören). Dennoch ist das 2001 neu herausgegebene Album «Es isch als gäbs mich nüme me …» hörenswert.
Man hört in Grandjeans Mundarttexten, die von Alltagsbeobachtung unvermittelt in überraschende Poesie kippen, etwa in der «Babalu Bar», schon im Summer of ’77 viel von der Schweizer New Wave, die später auf Hochdeutsch singen wird. Auch die Musik legt sich bereits coole Kanten zu, wenn auch nicht im späteren Hit. Er singt über Zürich und über die Schweiz – manchmal konkret, manchmal in Metaphern. Das hat später viele ermutigt und macht Grandjean zu einem Vorreiter von fast allem, was in den achtziger Jahren in der Schweiz interessant war: Kleenex/Liliput, (Der böse Bube) Eugen, der frühe Stephan Eicher, die frühen Züri West. Noch verehrter war aber die Nachfolgeband von Taxi: Hertz.
Zwischen 1978 und 1984 buchstabieren sie mit Singles, EPs und zwei Alben das New-Wave-Alphabet durch, manches klingt nach Gang of Four, The Police oder dem Joe Jackson jener Zeit: eckig, japsend, roh, aber in den Rhythmen komplexer als Punk. Dabei sind Hertz immer als unverwechselbare und als Schweizer Band zu erkennen, selbst auf Hochdeutsch (erschienen sind sie zu Beginn übrigens beim Label des Trio Eugster, berühmt für seine Volksschlager). Das erste Cover erinnert an eine Turnpyramide, die Typografie ebenso. Gestaltung: von Künstler Peter Fischli. Die Drummer:innen wechseln, ja, auch eine Frau ist dabei. Die Frisuren werden kürzer, das Outfit avantgardistischer, zwischen Dada und Sackhüpfen.
Grandjean textet gegen Ende von Hertz eine Reihe von stets frisch und neu wirkenden Songs. «Willi Ritschard» besingt den beliebten Solothurner SP-Bundesrat, einen der letzten Handwerker im Parlament, zitiert aber nur die biografischen Eckpunkte zu einem Ska-Beat. Es blieb unklar, ob sich die Band lustig macht oder den Politiker ehrt. Ritschard selbst sei gerührt gewesen (zu Recht). Im «Gottharddurchstich» hämmert die Band durch den mythischen Berg, die Familie sitzt im Zug: «Mutter, schau, ich sah Gespenster, Vater trinkt Wein, wir rasen durchs Gestein». Auch hier kippt das Feste ins Flüchtige, nun im Tunnel statt im Flugzeug.
Eine funkelnde Klammer
Das Meisterstück von Hertz ist «Nimmerland». Musikalisch, weil die Nummer schön treibt und plötzlich kurz in der Luft hängt wie ein Mobile in Zeitlupe. Textlich, weil sie mit ihrer Subtilität quer zur Zeit steht (Grandjean ist da schon vierzig). Der Song ist ein Gleichnis, wie sich Chamäleon und Salamander gegenseitig auffressen – das Tier, das die Farbe wechselt, und jenes, das sich unter dem Stein versteckt, und keines davon wird satt «im Immer-, im Immernimmer-, im Immernimmerland». Opportunismus und Isolation – in der «Enge» der Schweiz, wie man damals sagte, wurde das verstanden.
Steht das beste Dutzend von Hertz auch deshalb so smart und verspielt über allem, weil es Grandjean nicht ums Geld ging? Er verdiente genug als Arzt, dann mit einer psychotherapeutischen Praxis. Hertz zerbrach, es gab Comebacks, live und auf Tonträger. Aber diese sieben Jahre zwischen «Campari Soda» und «Nimmerland» sind eine funkelnde Klammer im Schweizer Popschaffen, weil alles so leicht schien, so frei, so eigenständig, so klug, so witzig. So unschweizerisch und so schweizerisch gleichzeitig. Nun ist Dominique Grandjean, der Wegbereiter der Schweizer New Wave, im Alter von 81 Jahren in Zürich gestorben.