Theater: «Held:innen agieren ja nie allein»

Nr. 6 –

Anina Jendreyko über die Bedeutung von Geschichte für das Handeln in der Gegenwart und weshalb ihr neues Stück «Mutige Frauen – Erinnern ins Jetzt» viel von ihrem eigenen Leben in sich trägt.

Diesen Artikel hören (8:43)
-15
+15
-15
/
+15
Theatermacherin Anina Jendreyko zieht zwei Tücher aus Bastkörben
«Mut beginnt damit, Ungerechtigkeit als solche zu benennen»: Theatermacherin Anina Jendreyko.

WOZ: Anina Jendreyko, Schlagworte wie «Powerfrau» oder «starke Frauenfiguren» sind gerade wieder sehr aktuell. Was lösen sie bei Ihnen aus?

Anina Jendreyko: Nicht so viel. Daran macht sich ja gar kein Inhalt fest; Stärke in Bezug auf was denn? Auf den Leistungsdruck in einer Gesellschaft, der immer noch höher wird und das ganze Leben durchdringt? Solche Schlagwörter spiegeln doch vielmehr die Vereinnahmung von vergangenen oder aktuellen Kämpfen. Es entspricht der Logik des Neoliberalismus, alles für sich brauchbar zu machen.

WOZ: Wie kommen wir, gerade im Kulturschaffen, denn über die reine Verschlagwortung von emanzipatorischen Anliegen hinaus?

Anina Jendreyko: Indem man sich mit Menschen verbindet, ein wirkliches Interesse und eine Offenheit gegenüber den anderen und auch dem Anderen hat. Erst wenn sich die Worte mit Inhalt und Handlung anreichern, kommt man von Schlagworten weg.

WOZ: Was heisst das konkret für Ihr Theaterschaffen?

Anina Jendreyko: Gerade die Vielfalt in Bezug auf Herkunft, auf gesellschaftliche und ökonomische Hintergründe war für unsere Arbeit bei der Volksbühne Basel von Anfang an sehr wichtig. Schauspieler:innen sollen niemals Objekte sein, sondern immer als Subjekte in der Entwicklung der Produktionen mitwirken. Meine Arbeiten entstehen immer aus dem Gefühl einer gesellschaftspolitischen Dringlichkeit heraus.

WOZ: Welche Dringlichkeit liegt Ihrem aktuellen Stück, «Mutige Frauen – Erinnern ins Jetzt», zugrunde?

Anina Jendreyko: Die Zunahme von Krieg, Zerstörung, Nationalismus – all das besorgt mich sehr. Es braucht eine gedankliche Neuorientierung. Wir glauben, dass es in den Widerstandsgeschichten von Frauen, die gegen Faschismus, Unrecht und Ausbeutung gekämpft haben, Ansätze dazu gibt. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was erinnert wird: Was wäre, wenn neben historischen Errungenschaften, die als Heldengeschichten von Einzelnen weitergegeben werden, auch jene Aspekte erinnert würden, die unser tägliches Leben so sehr prägen? Fürsorge zum Beispiel, Gemeinschaft, Solidarität. Diese waren schliesslich auch wichtig in vergangenen Kämpfen. Das möchten wir sichtbar machen.

WOZ: Einem Heldinnennarrativ folgen Sie in Ihrem Stück allerdings streng genommen auch, wenn Sie auf der Bühne von den Erfahrungen einzelner Frauen erzählen.

Anina Jendreyko: Ja, aber wir versuchen, über die Einzelne hinauszugehen. Held:innen agieren entgegen dem, was erzählt wird, ja nie allein. Der zerstörerischen Welt etwas entgegenzusetzen: Das geht nur zusammen.

WOZ: Sind Sie denn der Meinung, dass alle Frauen mutig sein müssten?

Anina Jendreyko: Ja, ganz eindeutig. Ich verstehe Mut als Haltung, als gesellschaftliche Verantwortung, sich für ein gerechtes Leben einzusetzen. Und da gibt es viele verschiedene Handlungsmöglichkeiten. Für mich beginnt Mut dort, wo man sich vom Bild, dem man entsprechen sollte, löst. Damit, Ungerechtigkeit als solche wahrzunehmen und zu benennen, und nicht erst bei den grossen Gesten.

WOZ: Auf der Bühne erzählen Sie von Widerstandsbewegungen, die von Frauen geprägt wurden. Fünf Schauspielerinnen schlüpfen in unterschiedliche Rollen und diskutieren in fünf verschiedenen Sprachen über das Aufbegehren. Wie sind Sie die Recherche angegangen?

Anina Jendreyko: Das Stück hat viel mit meinem eigenen Leben zu tun und den Geschichten von Frauen, die sich über viele Jahre hinweg in meinem Gedächtnis zu einem Archiv gesammelt haben. Schon in meinem Elternhaus hing zum Beispiel ein Plakat von Angela Davis. Und dass es oft um den griechischen Widerstand und die kurdische Freiheitsbewegung geht, hat damit zu tun, dass ich an diesen Orten gelebt und gearbeitet habe.

WOZ: Wie haben sich die anderen vier Frauen in den Prozess eingebracht?

Anina Jendreyko: Auch sie haben ihre je eigenen Erfahrungen und jene der Frauen, die sie geprägt haben, beigesteuert. Und dann haben wir weiterrecherchiert und sind auf unendlich viele Widerstandsgeschichten gestossen. Ich habe entlang dieser Fülle an Material einen erzählerischen Bogen konstruiert, indem ich aus Interviews, Dokumentationen und Archivmaterial Konzentrate destilliert habe. Aber wir haben die gesamte Zeit auch viel zusammen improvisiert, um gemeinsame Bilder für Solidarität, Zärtlichkeit, Verbundenheit und gegenseitige Unterstützung zu finden.

WOZ: Einigen Biografien und Widerstandsgeschichten geben Sie mehr Raum als anderen. Wie haben Sie entschieden, auf wen Sie sich konzentrieren?

Anina Jendreyko: Es geht nicht darum, Held:innen zu schaffen, sondern Biografien hervorzuheben, die stellvertretend für ganz viele sprechen können. Wir haben uns auch bewusst dazu entschieden, uns auf europäische Widerstandsbewegungen zu konzentrieren – bedingt durch die Herkunft der am Projekt beteiligten Frauen. Aber wir wollen auch das innereuropäische Verhältnis zwischen Peripherie und Zentrum sichtbar machen. Deshalb nehmen Bewegungen gegen den Faschismus in Exjugoslawien und in Griechenland ebenso viel Raum ein wie Geschichten aus Deutschland oder der Schweiz.

WOZ: Sie haben Regie geführt und stehen selbst auf der Bühne. Auch wenn Sie das Stück gemeinsam entwickelt haben: Wie sind Sie mit diesen unterschiedlichen Rollen, die auch ein Machtgefälle beinhalten, umgegangen?

Anina Jendreyko: Eigentlich war es nicht geplant, dass ich mitspiele. Weil aber jemand zu einem späten Zeitpunkt aus dem Projekt ausgestiegen ist und ich niemand Passendes gefunden habe, stehe ich jetzt auch auf der Bühne. Und klar, der Umstand, dass ich die Verantwortung trage, führt automatisch zu Machtasymmetrien. Letztlich geht es darum, sich dessen bewusst zu sein und einen Umgang damit zu finden. Logisch gab es viel Reibung, auch gestritten haben wir uns immer wieder, gerade weil die Themen, die wir bearbeiten, direkt mit uns zu tun haben. Aber weil wir zusammen etwas erschaffen wollten, sind wir auch bewusst in diese Konflikte reingegangen.

WOZ: Sie haben das Stück über das vergangene Jahr hinweg erarbeitet – ein Jahr, das geprägt war von Patriarchen, Autokraten, der brutalen Niederschlagung von Widerstand. Wie hat das Ihre Stückentwicklung beeinflusst?

Anina Jendreyko: Manchmal habe ich gedacht: Schade, war die Premiere nicht schon vor einem Jahr. Aber die weltpolitische Situation hat uns in unserer Arbeit eigentlich nur noch bestärkt, und gewisse Passagen haben dadurch eine wahnsinnige Aktualität erhalten. Schauen Sie nur, was gerade im Mittleren Osten stattfindet und sich gegen die kurdische Bewegung richtet: Offensichtlicher kann es kaum werden, dass die Sicherung des ungestörten Kapitalflusses vor keiner Grausamkeit zurückschreckt. Die Werte der Menschen werden mit Füssen getreten.

WOZ: Inwiefern überlappen sich Ihre Herangehensweisen an Theater, Aktivismus, Politik und Aufklärungsarbeit?

Anina Jendreyko: Für mich ist das alles eins. Theatermachen ist gleichzusetzen mit politischer Arbeit. Gerade weil Theatermachen in meinem Verständnis nur gemeinsam geht, zwingt es auch dazu, sich mit vielen unterschiedlichen Perspektiven auseinanderzusetzen. Und Kultur als solche ist enorm wichtig, weil sie Dinge über die rein verbale Ebene hinaus sichtbar machen kann. In Athen zum Beispiel stösst man gefühlt an jeder Ecke auf ein Theater, weil an diesen Orten auch gesellschaftliche Prozesse stattfinden. Für mich geht Kulturarbeit weit über Unterhaltung hinaus. Ich sehe sie als einen Raum, um Denkvorgänge anzustossen.

«Mutige Frauen – Erinnern ins Jetzt». Regie: Anina Jendreyko. Weitere Aufführungen am 5.–8. und 10.–14. Februar 2026 in der Druckereihalle im Ackermannshof, Basel.