Theater: Lawine aus weissem Plastik
In seinem neuen dokumentarischen Solo spiegelt Dennis Schwabenland die Lebensgeschichten zweier von einem Grosskonzern geprägter Familien. Vor allem zeigt er, was neoliberale Wirtschaftsentscheide anrichten.
in «Mülheim Absturz Ruhr». Foto: Rob Lewis
Am Anfang sind die über fünfzig weissen Plastikgartenstühle noch ordentlich am hinteren Bühnenrand gestapelt. Im Verlauf des Abends werden sie regelrecht die Bühne einnehmen, zu einer Lawine werden, die eine Familie ins Straucheln bringt. Die Gartenstühle «Piccolo II» haben die Biografie von Heribert Schwabenland geprägt. Genauso wie jene von Karl-Erivan Haub, dem Erben des Tengelmann-Konzerns. Haub ist 2018, wenn auch nicht in einer Lawine, spurlos in den verschneiten Schweizer Alpen verschwunden.
«Mülheim Absturz Ruhr» ist das neue Stück des Berner Theatermachers Dennis Schwabenland. Unter der Regie von Jan Stephan Schmieding und Regiemitarbeit von Milva Stark erzählt er die Geschichte seines Vaters, die auch seine eigene mitbestimmt hat. Als Einkäufer für Garten und Camping beim deutschen Grosskonzern Tengelmann in Mülheim an der Ruhr angestellt, wurde Heribert Schwabenland Ende der neunziger Jahre unter anderem unter dem Vorwurf entlassen, 50 Pfennig zu teure Gartenstühle eingekauft zu haben – ein Versuch, die Abfindung zu drücken. Schwabenland war nur einer von Zehntausenden Betroffenen einer Massenentlassung, die ebenjener Karl-Erivan Haub angeordnet hatte. Für die Schwabenlands bedeutete das einen Absturz, der bis heute nachwirkt, sowohl finanziell als auch sozial. Damit stand und steht die Familie exemplarisch für ein weitverbreitetes Schicksal in der neoliberalen Arbeitswelt.
Schwabenlands viele Hüte
Im Dialog mit eingespielten Interviews, die er mit seinen Eltern geführt hat, erzählt Dennis Schwabenland, als er selbst, diese Geschichte. Das Stück kombiniert O-Töne, Livemusik von Christine Hasler und die protokollarische Nacherzählung mit szenischen Inszenierungen. Im Alleingang schlüpft Schwabenland mal in den alten Anzug seines Vaters, mal in ein altes «Rock am Ring»-Shirt seines Teenieselbst, mal trägt er die Jacke seiner Mutter, mal verschiedene Hüte der Haub-Familie.
Der Geschichte der Schwabenlands stellt er also jene der Unternehmensfamilie Haub gegenüber, gewissermassen als andere Seite der Medaille. Denn bei aller drastischen Machtasymmetrie: Beide Familien wurden wesentlich vom Tengelmann-Konzern geprägt. Das ist durchaus aufschlussreich, insbesondere wenn der Vater von Karl-Erivan Haub diesen im Stück dafür lobt, nicht die günstigsten Gartenstühle gekauft zu haben. Dennoch hätte eine Straffung der gar ausführlich geratenen Abhandlungen der Konzerngeschichte wohl kaum geschadet.
Mit viel Respekt und Einfühlungsvermögen begibt sich Schwabenland in die verschiedenen Rollen, bringt aber ab und an eine wohldosierte Menge an Überspitzung ein – besonders bei der Familie Haub. Einzige Wermutstropfen: Nicht immer bleibt die durchdachte Kostümierung konsistent bei den Rollen, und einzelne Dubletten zwischen Szenen und der protokollierenden Stimme hätten sich wohl vermeiden lassen.
Besonders eindrücklich sind die eingespielten Tonaufnahmen: Man spürt den Stolz und die Freude des Vaters, wenn er nach so vielen Jahren von seinem Arbeitsplatz erzählt. Vor allem aber ist seine Mühe, über die Arbeitslosigkeit und die Armut zu sprechen, geradezu greifbar. Das Zögern, Schweigen und Abwiegeln ist Ausdruck dieser verinnerlichten Scham und der Verschwiegenheit einer ganzen Generation, der es auch so viele Jahre später noch schwerfällt, offen über die Demütigung zu sprechen. Das ist zwar mitunter schwer auszuhalten. Zugleich ist aber beeindruckend, dass sich die Eltern für das Stück nun so geöffnet haben.
Das Leben ist (k)eine Seifenoper
Für etwas Auflockerung sorgen die pseudodokumentarischen Filmschnipsel, die über die Leinwand flackern; und doch sind auch sie Ausdruck der schweren Zeit der Familie Schwabenland. Mit dem Jobverlust wird das Leben der Familie mehr und mehr vom Fernsehprogramm bestimmt: von «Law and Order» über «Dallas» bis «Richterin Barbara Salesch». Die unangenehme Erfahrung der polizeilichen Durchsuchung ihrer Wohnung hat Dennis Schwabenland in Manier einer «Toto und Harry»-Folge mit seinen Eltern filmisch nachgestellt, mit ihm selbst und Milva Stark in der Rolle der Polizist:innen. Das ist irgendwo zwischen dokumentarisch, verstörend und humoristisch.
Und während in der Familie in dieser Zeit immer entweder Schweigen oder Streit herrscht, nimmt der «Piccolo II» auf der Theaterbühne immer mehr Raum ein. Als Sinnbild für die Kündigung und die Unfähigkeit des Vaters, von der Arbeitslosigkeit wieder loszukommen, ist der Plastikstuhl Ausdruck einer Ökonomie, die alles für den billigsten Preis tut – und er steht auch für ein System, das Engagement als Erfolgsversprechen verkauft und damit Kündigungen und Arbeitslosigkeit zum individuellen Versagen erklärt. So gelingt es Schwabenland, an der eigenen Familie die drastischen und langjährigen Folgen von sogenannten Umstrukturierungen grosser Unternehmen aufzuzeigen – für die Schwabenlands, aber auch weit über diesen individuellen Fall hinaus.
«Mülheim Absturz Ruhr» in: Bern, Theater Schlachthaus, Do–Sa, 4.–6. Dezember 2025, 20 Uhr; Zürich, Theater Winkelwiese, Fr, 12. Dezember 2025, 20 Uhr, und So, 14. Dezember 2025, 16 Uhr.