Film: In der Schwebe

Nr. 7 –

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Filmstill aus «L’Engloutie»: eine Frau steht in einer verschneiten Landschaft
«L’Engloutie». Regie und Drehbuch: Louise Hémon. Frankreich 2025. Jetzt im Kino.

Die Handlung spielt buchstäblich im Winter zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert, wobei die Zeit, wie es heisst, «für alle anders» verläuft. Im kleinen Weiler in den französischen Alpen, wegen meterhohen Schnees fast gänzlich von der Aussenwelt abgeschnitten, sprechen die Leute noch Okzitanisch, Tageslicht ist rar, und die Grenzen zwischen altem Wissen, Brauchtum und Aberglauben sind fliessend. Hierhin verschlägt es, getrieben von der hehren Motivation, die laizistischen und republikanischen Ideale auch in die unwegsamen Gebiete des Landes zu tragen, die junge Lehrerin Aimée (Galatéa Bellugi).

In der zweiten Szene, die schon den ganzen Grundkonflikt von «L’Engloutie» enthält, beobachten wir, wie Aimée während der Lektüre von Descartes’ «Abhandlung über den Menschen» bei Kerzenlicht zu masturbieren beginnt. Die Darstellung im Buch – ein Mann mit nacktem Torso hält sein Bein in die Nähe eines Feuers, worauf in seinem Kopf die Empfindung von Wärme entsteht – sollte eigentlich des Autors Überzeugung einer rein mechanistischen Funktionsweise des Menschen illustrieren.

Wie seine Metaphern lässt sich auch der Titel dieses wunderschön-rätselhaften Films unterschiedlich interpretieren: Ist es Aimée, die hier eingeschlossen, verloren oder gar verschlungen wurde? Und falls ja – wovon oder von wem? Für ihren ersten Spielfilm hat Regisseurin Louise Hémon ihre angestammte dokumentarische Arbeitsweise beibehalten. Die meisten der oft improvisierenden Darsteller:innen sind Lai:innen aus der Region, gedreht wurde fast nur mit natürlichem Licht: von der Wintersonne, von Kerzen oder vom Mond, unwirklich reflektiert im nächtlichen Schnee.

Der Erzählung, die auf Aufzeichnungen aus der Familiengeschichte der Regisseurin beruht, sich aber bald von einem langweiligen anthropologisch-mechanistischen Zugang zur Welt und zu ihren Körpern entfernt, verleiht all dies einen zauberhaft-realen Glanz, dem man sich kaum entziehen kann.