Frederick Wiseman (1930–2026): Immer auf Entdeckungsreise

Nr. 8 –

Diesen Artikel hören (3:02)
-15
+15
-15
/
+15

Es ist eine Szene, die man nie mehr aus dem Kopf bringt: Ein Mann liegt mit Gurten festgezurrt da und wird über einen Trichter zwangsernährt, auf Anweisung eines Arztes, der danebensteht und raucht. Sie hat sich 1967 in einem Psychiatriegefängnis im US-Bundesstaat Massachusetts genau so zugetragen und ist wohl einer der Gründe, weshalb «Titicut Follies», Frederick Wisemans erster Dokumentarfilm, für Jahrzehnte im staatlichen Giftschrank verschwand. Zuvor hatte Wiseman, der damals noch Jura an der Boston University unterrichtete, seine Student:innen in die Anstalt mitgenommen, um ihnen zu zeigen, wohin Menschen, über die sie später urteilen würden, weggesperrt werden könnten.

Was mit einem aufklärerischen Impuls begann, sollte sich zu einem Lebensprojekt entwickeln. Jahrzehntelang produzierte Wiseman praktisch Jahr für Jahr einen Film, viele nahmen eine US-amerikanische Institution ins Visier: «High School» (1968), «Law and Order» (1969), «Hospital» (1970), «Basic Training» (1971), später «Welfare» (1975) oder «Public Housing» (1997). Von Beginn weg näherte er sich den Institutionen aus einer ethnografischen Perspektive – mit dem Tonbandgerät in der Hand und einem Kameramann zur Seite, den er vor Ort über Handzeichen und Mikrofon dirigierte. In seinen Filmen ist nichts inszeniert, nichts wird für die Kamera wiederholt, alles ist O-Ton. Aber deswegen objektiv? Dagegen hat sich Wiseman stets vehement verwahrt.

Zum einen betrete er Institutionen selbst mit «unvermeidbaren Vorurteilen und Stereotypen» im Kopf. Zum anderen betrachtete er das Filmen vor Ort «nur» als Recherche. Die komplexe Realität kristallisierte sich für ihn erst beim Schneiden heraus, das er als «Entdeckungsreise» bezeichnete – und dessen Resultat für ihn erst gelungen war, wenn es auch für das Publikum zu einer wurde und grundsätzlich ambivalent blieb. Extreme Close-ups auf Gesten, Gesichter, schlechte Zähne, manchmal unerträglich lang, wie in «Public Housing»: Werden hier Menschen bloss- oder die Betrachter:innen auf die Probe gestellt, geradezu gedrängt, sich aktiv auseinanderzusetzen, auch mit den eigenen Projektionen und Vorurteilen?

Die Dialektik lag Frederick Wiseman am Herzen – gepaart mit einer guten Portion jüdischem Humor: Ja, seine Haltung sei marxistisch, soll er einmal gesagt haben, «aber mehr Groucho und weniger Karl». Am 16. Februar ist er im Alter von 96 Jahren verstorben.