Kost und Logis: Scham, Verdrängung, Bergunfall
Bettina Dyttrich über patriarchale Muster im Alpinsport
Ich muss dauernd in die Berge. Sie sind etwas vom Wichtigsten in meinem Leben. Aber ich muss nicht auf die höchsten Gipfel, nicht unbedingt auf Gletscher. Mir fehlt dieser Ehrgeiz, der manche Alpinist:innen antreibt.
Wenn ich von Bergunfällen lese, erschrecke ich immer wieder, wie viele sich hätten verhindern lassen. Auch der tragische Tod von Kerstin G., die im Januar 2025 am Grossglockner, dem höchsten Gipfel Österreichs, erfror. Ihr Freund Thomas P. stieg ab, um Hilfe zu holen, aber er wickelte sie nicht einmal in die mitgebrachte Rettungsdecke. Die beiden hatten alle Warnzeichen missachtet, auch den Wetterbericht, sie brachen zu spät auf und brauchten viel zu lange. G. trug ungeeignete Schuhe. Aber P. war schon mehrmals auf dem Gipfel gewesen.
Ich merke, dieser «Fall» macht mich hässig. Weil ich mir vorstellen kann, was passiert ist. Mir kommen Situationen in den Sinn, die ich erlebt oder erzählt bekommen habe: Ein Mann geht mit weniger erfahrenen Leuten auf Bergtour und rennt ihnen in schwierigem Gelände einfach davon. Ein anderer macht sich nicht die Mühe, die Tour vorzubereiten, er war ja schon einmal auf diesem Berg (nur ist der Gletscher inzwischen weg, und alles sieht ganz anders aus). Ein anderer musste unbedingt mit seinen Kindern auf eine alpine Route, es dunkelt schon, die Mutter fürchtet das Schlimmste. Ein anderer kommt mit seiner Schwester in der Hütte an; sie ist am Ende ihrer Kräfte, ihn scheint es nicht zu kümmern.
Also: Ein bergerfahrener Mann geht mit einer weniger erfahrenen Person (oder mehreren), oft weiblich, in die Berge. Das Hauptproblem ist nicht, dass er sich überschätzt – das kommt im dümmsten Fall noch dazu –, sondern dass er das Gefälle zwischen sich und der/den anderen missachtet. Dass er davon ausgeht, man sei etwa gleich stark. Vielleicht denkt er sogar, das müsse er, um kein Macker zu sein. Wenn er dann unterwegs merkt, dass es dieses Gefälle gibt, schämt er sich – weil er sich verschätzt hat. Und weil er dieses Gefälle nicht will.
In diesem Moment ist entscheidend: Hat er gelernt, mit Scham umzugehen? Kann er das Gefühl genug reflektieren, um zu verstehen: «Mist, ich schäme mich, aber viel wichtiger ist, dass wir hier sicher rauskommen»? Oder verdrängt er die Scham – und damit die Gefahr? Noch schlimmer: Schämt sich die Person, die Mühe hat, auch? Haben sich Thomas P. und Kerstin G. beide geschämt und konnten darum nicht reagieren? Das würde erklären, warum sie dem Rettungsheli, der sie spätabends noch suchte, kein Zeichen gaben, dass sie Hilfe brauchten.
Vielleicht war es ganz anders. Aber das beschriebene Verhaltensmuster gibt es. Und es ist ein Verhalten, das mit patriarchalen Prägungen zusammenhängt – was bekanntlich nicht heisst, dass es nur Männer betrifft. Hart sein, sich durchbeissen, Emotionen verdrängen. Und nicht merken, dass man sich und andere gefährdet.
Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin. Lieber als eisige Höhen hat sie Hütten, in denen es Gerstensuppe gibt.