Silicon Valley: «Es ist faszinierend, wie die Techindustrie immer wieder etwas Magie zurück in die Welt bringt»
Olivier Alexandre hat lange den Alltag einer Branche erforscht, deren Innovationen den ganzen Planeten prägen. Auch nach der zweiten Trump-Wahl dominierten in der Industrie progressive Vorstellungen, sagt der französische Soziologe.
WOZ: Olivier Alexandre, Sie haben ein Jahrzehnt in Ihre Feldforschung im Silicon Valley investiert – ein beeindruckender Einsatz für die Wissenschaft! Haben Sie die ganze Zeit dort gelebt?
Olivier Alexandre: Zwischen 2015 und 2024 habe ich mit längeren Unterbrechungen immer wieder vor Ort gelebt. Wobei sich bereits die Frage stellt, wie man «Silicon Valley» definieren soll: Eine entsprechende administrative Einheit gibt es nicht. «Silicon Valley» meint einen bestimmten Raum, aber auch Dienstleistungen mit langen Lieferketten, die in alle Welt reichen. Das konzeptuell zu fassen, ist eine methodologische Herausforderung. Mein Ansatz war zu sagen: Historisch betrachtet basieren Industrien auf Räumen, in denen sich Menschen und Kapital ballen. Im Fall der Techindustrie ist dieser Raum noch immer eindeutig das Silicon Valley, auch wenn dieses gerne mal totgesagt wird.
WOZ: Als junger Wissenschaftler dort zu forschen, war wohl nicht billig?
Olivier Alexandre: Im Silicon Valley ist alles sehr teuer: die Miete, der Supermarkt, die Verkehrsmittel. Zeitweise habe ich im Süden des Valley gelebt, aber meistens in San Francisco, weil die Stadt mittlerweile das Epizentrum des Silicon Valley ist. Als Europäer war ich dort auch besser integriert, und natürlich ist die «crazyness» San Franciscos verlockend. Die historischen Zentren des Silicon Valley dagegen, Santa Clara etwa, sind wirklich sehr ruhige Orte.
Ein Soziologe in der Bay Area
Olivier Alexandre, der kürzlich am Wissensfestival aha in Luzern auftrat, ist stellvertretender Direktor des Zentrums für Internet und Gesellschaft, eines Teils des Centre national de la recherche scientifique in Frankreich.
Der 45-Jährige kam über die Beschäftigung mit der Filmindustrie und Netflix zu seinem Projekt über das Silicon Valley. Das daraus hervorgegangene Buch erschien 2023 auf Französisch, dann auch auf Englisch («Tech. When Silicon Valley Remakes the World», 2025).
Die Studie konzentriert sich auf das System Silicon Valley – nicht aus der Vogelperspektive, sondern mit Blick darauf, wie man dort konkret arbeitet und lebt. Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung in der San Francisco Bay Area sind in der Techbranche tätig. Die Folgen davon gaben immer wieder auch Anlass für Protestbewegungen, etwa gegen die Gentrifizierung. Diese seien zuletzt aber wieder abgeflaut, so Alexandre.
WOZ: Die Durchschnittsmiete in San Francisco beträgt rund 3000 US-Dollar im Monat. Wer kann sich das leisten?
Olivier Alexandre: Das durchschnittliche Vermögen pro Kopf ist im Silicon Valley ähnlich hoch wie in den arabischen Petromonarchien. Das Durchschnittseinkommen liegt bei 160 000 Dollar im Jahr, während es im Rest der USA 66 000 Dollar sind. Allerdings sind die Unterschiede innerhalb der Techbranche sehr gross. Die Lage eines Soloselbstständigen ist eine ganz andere als die eines Googlers, der von Zusatzleistungen seitens der Firma profitiert. Solounternehmer wie auch viele Techworker, die aus dem Ausland zugezogen sind, verdienen zwischen 60 000 und 80 000 Dollar im Jahr. Für die lokalen Verhältnisse sind sie fast schon arm.
WOZ: Sie haben sich in einer Art Feldstudie auf die Techbranche konzentriert. Was hat Sie am Mythos Silicon Valley fasziniert?
Olivier Alexandre: Als ich vor zehn Jahren mit meiner Arbeit begann, wollten viele geradezu obsessiv das Modell Silicon Valley kopieren, etwa Politiker wie der kanadische Premier Justin Trudeau oder Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Ich habe versucht, nicht meine eigenen Fantasien auf diese Industrie zu projizieren.
WOZ: Macron hatte einst versprochen, Frankreich zur «Start-up-Nation» umzubauen.
Olivier Alexandre: So war die Stimmung damals fast überall. Das hat sich grundsätzlich geändert. Trotzdem wollte ich die Industrie fair beurteilen und verstehen, wie sie sich Tag für Tag organisiert und was das für das Arbeitsleben und das Leben der Techworker dort bedeutet. Tatsächlich lernte ich rasch, dass das Valley eben nicht nur aus Mark Zuckerberg, Sam Altman oder Peter Thiel besteht. Die meisten kommen aus Europa, China, Indien, sie sind gut ausgebildet und wollen Karriere machen. Sie glauben an den Wert der Freiheit und daran, dass man die Welt mithilfe von Informationen und Technologie organisieren sollte. Es handelt sich weder um bösartige Menschen noch um Engel. Aufgabe der Soziologie ist es zu beschreiben – anschliessend können die Leute darüber denken, was sie wollen.
WOZ: Gleichwohl heisst es in Ihrem Buch, dass Opportunismus im Silicon Valley allgegenwärtig sei: Man hortet Linkedin-Kontakte, aber zugleich sind soziale Bindungen nur schwach ausgeprägt. Das klingt wenig sympathisch.
Olivier Alexandre: Man muss sich zunächst klarmachen, dass Europa, Indien oder China auf eine jahrtausendealte Geschichte zurückblicken. Im Fall des Silicon Valley dagegen sprechen wir über vielleicht 150 Jahre: Das ist so gut wie nichts. Entsprechend ist die Gesellschaft dort nicht um ihre Geschichte herum organisiert. Walter Benjamin wies einmal darauf hin, dass wir die Architektur betrachten müssen, wenn wir wissen wollen, was die Menschen früher dachten. Schaut man sich im Silicon Valley um, ist das tatsächlich erhellend: Plakate in den Strassen etwa bewerben nicht kulturelle Veranstaltungen, es geht stets um Tech. Die Gebäude sind oft neu, die Firmen darin wechseln ständig. Alles ändert sich permanent. Das Silicon Valley ist ein Raum, in dem sich alles schnell bewegt, der sein Fundament gleichsam in der Zukunft hat.
WOZ: Sie schreiben auch, dass das Netzwerken den Menschen dort «zur zweiten Natur» geworden sei.
Olivier Alexandre: Es ist eine soziale Welt, die auf dem Fluss von Informationen beruht. Alles ist so organisiert, dass es einen Informationsaustausch zwischen den Menschen über ihre Arbeit und sie als Personen gewährleistet. So erst wird es möglich, andere einzuschätzen: Es handelt sich ja um eine Welt mit vielen Neuankömmlingen, die Fluktuation ist hoch.
WOZ: Was sind das für Menschen, die dorthin zum Arbeiten kommen?
Olivier Alexandre: Solche, die in der Regel froh sind, einen Ort gefunden zu haben, der tolerant und technikzentriert ist und an dem sie Tag und Nacht über ihre Arbeit sprechen können. Das fachliche Niveau ist sehr hoch, alle wichtigen Unternehmen sind dort. Oft aber beginnen die Leute irgendwann, etwas Sinnstiftendes zu vermissen – ständig dreht sich alles um die Arbeit. Deswegen ist für viele das Burning-Man-Festival so wichtig: Es ist eine Möglichkeit, all die ihrem Leben fehlenden Elemente wiederzuentdecken. Dort, mitten in der Wüste Nevadas, bilden sie informelle Familien, entwickeln ihre Spiritualität.
WOZ: Inwiefern steht Burning Man für den «Geist des Silicon Valley», wie es im Buch heisst?
Olivier Alexandre: Das ist ein Zitat von Elon Musk bezüglich der satirischen Fernsehserie «Silicon Valley». Musk meinte, die Serie stelle die im Silicon Valley herrschende Mentalität nicht richtig dar – und er führte das auch darauf zurück, dass die Serienmacher nie beim Burning Man dabei gewesen waren.
WOZ: Das Festival klingt bizarr: 80 000 Besucher:innen, viele davon Techies, die in ihrem Alltag wohl meist biedere Typen sind, um dann einige Tage nackt und auf Drogen in der Wüste zu feiern.
Olivier Alexandre: Ja, das klingt nach Karneval. Aus US-Perspektive ist das Silicon Valley allerdings schon ziemlich verrückt, San Francisco gilt wohl als die verrückteste Stadt des Landes. Historisch betrachtet brachte das Burning-Man-Festival verschiedene Communitys zusammen: die BDSM-Szene, die Techies oder auch Feuerkünstler, von denen Tausende zum Festival kommen. Es gibt eine Art Symmetrie zwischen Burning Man als Plattform und dem Internet, über das sich Menschen ja auch vernetzen.
WOZ: Aber das ist nicht der einzige Grund, warum es wichtig für die Techies ist?
Olivier Alexandre: Nein, sie lernen dort auch zu kämpfen, unter widrigen Umständen zu überleben. Beim Burning Man verändern sich die Bedingungen permanent, genauso wie sie sich ja auch für die Techindustrie ständig wandeln: Nachts kann es klirrend kalt werden, tagsüber dann sehr heiss, immer wieder gibt es Tornados. Dazu der Wassermangel, Sonnenbrand, laute Musik … Das Ganze gleicht einem Ritual: Begünstigt durch Drogen und Schlafentzug, beginnen die Leute irgendwann, ihr «wahres Ich» zu entdecken – oder zumindest ihre vorherige soziale Identität zu verlieren. Anthropologisch ist das ein eindrückliches Schauspiel.
WOZ: Zudem ist das Festival dann nicht einfach nach einigen Tagen vorbei.
Olivier Alexandre: Nein, hinterher versuchen die Besucher, Burning Man mit zurück in ihr Leben zu nehmen. Es gibt ein Burning-Man-Netzwerk und Burning-Man-Partys: Es ist ein «way of life», eine Mentalität. Musk beispielsweise war sicher früher schon ein seltsamer Charakter, aber Burning Man dürfte auch ihn geprägt haben. Das Festival hat die Wirkung, einen über reale und mentale Barrieren hinwegblicken zu lassen. Das befeuert die Neigung, Unmögliches anzustreben: Du willst auf den Mars? Klar, warum nicht! Jemand mit dieser Mentalität beachtet nicht länger, was ihn umgibt: Es zählt nur noch die eigene Vision.
WOZ: Im Buch stösst man auf überraschende Zahlen: Unternehmer:innen im Silicon Valley verdienen im Durchschnitt relativ wenig und sind auch eher älter.
Olivier Alexandre: Ich habe mit Kollegen eine Vergleichsstudie gemacht über «gewöhnliche» Techunternehmer und «Superstarunternehmer». Als Superstarunternehmer definierten wir Gründer von Unicorns, also von Start-ups im Wert von über einer Milliarde US-Dollar. Die Studie hat ergeben, dass es enorme Unterschiede zwischen beiden Kategorien gibt. Die gewöhnlichen Unternehmer sind zu 80 Prozent männlich, im Durchschnitt 45 Jahre alt und haben bereits zwei oder drei Firmen gegründet. Sie kommen nicht von den allerbesten Universitäten, haben aber in der Regel gute Lebensläufe.
WOZ: Und die Superstarunternehmer?
Olivier Alexandre: Die sind wesentlich jünger, häufig um die 20, und haben eben ihre erste Firma gegründet. Sie sind zu 95 Prozent männlich und waren in 75 Prozent der Fälle auf einer US-Eliteuniversität. Und sie sind eine sehr kleine Minderheit. Oft stellen wir uns Silicon-Valley-Unternehmer als Individuum vor, wir denken an Sam Altman oder Elon Musk. Dabei werden Unternehmen meist von Teams geführt. In der Regel sind sie zu dritt: Einer kümmert sich um die Finanzen, dann braucht es jemanden fürs Technologische und dann noch ein Gesicht. Meistens ist der CEO das Gesicht der Firma, nicht deren Gehirn. Bei Open AI etwa ist Altman das Gesicht, aber sicher nicht der Geek.
WOZ: Aber er versucht sich ja schon als Geek zu verkaufen.
Olivier Alexandre: Er präsentiert sich sogar wie eine Art Minister, der eine Regierung vertritt. In der Branche haben viele Eltern, die selbst etwa Ingenieure oder Professorinnen waren. Das ist gesellschaftlich gehoben, aber es sind auch nicht gerade Milliardärsfamilien. Man kommt also aus der Anonymität und hat die Chance, es bis in den Vatikan zu schaffen. Altman hat ja wirklich schon den Papst getroffen.
WOZ: So erfolgreich ist aber wohl nur eine kleine Minderheit.
Olivier Alexandre: Eine sehr kleine. Aber diejenigen, die es schaffen, dürfen sich wie Fürsten fühlen, was sie ja irgendwie auch sind: Sie werden in aller Welt bewundert und von der Politik hofiert. Das zeugt sowohl von meritokratischen Vorstellungen als auch vom Fortleben aristokratischer Traditionen. Die Techindustrie spiegelt auch etwas von unserem politischen Unbewussten: Wir wollen alle in einer Demokratie leben, zugleich aber hängen wir immer noch politischen Leitvorstellungen aus der Vergangenheit nach.
WOZ: Sie schreiben, dass die Branche noch immer zu achtzig Prozent männlich dominiert sei.
Olivier Alexandre: Das ist im Silicon Valley ein grosses Thema – zumal die Computerindustrie historisch von Frauen geprägt wurde, und das schon sehr früh, wenn man etwa an die Mathematikerin Ada Lovelace aus dem 19. Jahrhundert oder die Eniac-Programmiererinnen Mitte des 20. Jahrhunderts denkt. Seit den 1980ern allerdings ist der Frauenanteil immer weiter gesunken. Es gibt zwei gegenläufige Tendenzen: Einerseits will man inklusiver werden, es gibt etwa Mentoringprogramme für Frauen. Andererseits ist der Wettbewerb supermaskulin: Man kultiviert eine aggressive Mentalität und findet es gut, wenn kämpferisches Auftreten zu Erfolgen führt.
WOZ: Dafür ist die Techindustrie recht international …
Olivier Alexandre: Ja, der Grossteil der im Silicon Valley tätigen Personen kommt aus Indien, China, Afrika oder der Karibik. Sie betonen meist, dass es eine sehr tolerante Industrie sei. Tatsächlich wird man abgesehen von der Unterhaltungsbranche nur schwer eine inklusivere Branche finden in den USA. Trotzdem kommt es eben auf die kleinen Unterschiede an: Als weisser US-Amerikaner, der auf einer Spitzenuni war und die richtigen Leute kennt, ist man in einer ganz anderen Ausgangslage als jemand, der aus dem Ausland ins Valley gezogen ist. Deswegen sind die repräsentativen Gesichter immer noch weisse US-Amerikaner, auch wenn die Industrie faktisch viel kosmopolitischer ist.
WOZ: Sprechen wir über Ideologien. Im Buch referieren Sie einen Witz: Im Silicon Valley weiss man immer sofort, wenn man es mit einem Libertären zu tun hat, weil es das Erste ist, was einem ein Libertärer beim Kennenlernen mitteilt.
Olivier Alexandre: Ich betone immer wieder: Das Silicon Valley ist noch immer demokratisch dominiert, und zwar ganz klar. Die Mitarbeiter:innen von Unternehmen wie Google, Apple oder Netflix unterstützten bei der letzten Wahl zu über neunzig Prozent Kamala Harris. Bekennende Libertäre, Leute wie Musk oder Thiel – das ist eine kleine Community. Man findet sie aber auch in der mittleren Hierarchie und bei den «Fusssoldaten».
WOZ: Also wird die Rolle des Libertarismus überschätzt?
Olivier Alexandre: Die Libertären in der Branche sind zwar wenige, aber sehr lautstark und einflussreich – Thiel ist das beste Beispiel. Ein anderer Faktor ist, dass sehr vieles im Silicon Valley in einem unternehmerischen Zusammenhang steht. In der Techindustrie weiss man nie, ob man als Firma in zwei Jahren noch existiert. Die verbreitetste Ideologie wäre für mich deshalb eine Art Darwinismus: Man bewegt sich in einem superkompetitiven Ökosystem, weiss, dass es nicht viele gibt, die darin überleben – und dass man kämpfen muss, wenn man am Ende der Sieger sein will.
WOZ: Gleichzeitig gibt sich die Industrie unideologisch, man will ja alle möglichen Missstände mittels Technologie lösen.
Olivier Alexandre: In der Branche ist es sehr verbreitet zu sagen: Wir sind nicht politisch, sondern neutral. Aber wenn man sich anschaut, wie man dort organisiert ist und wie man zugleich versucht, die Welt zu organisieren, dann ist das politisch. Jede Technologie beruht als gesellschaftliche Zwecksetzung auf einer Weltauffassung. Das ist auch im Fall des Silicon Valley so. Auch wenn es unter ihnen unterschiedliche Wertvorstellungen gibt, teilen doch all diese Firmen die Überzeugung, dass sie mittels Technologie komplexe Probleme lösen können – seien es die Gesundheit betreffende, ökonomische oder politische.
WOZ: Fast eine Art Wunderglauben.
Olivier Alexandre: Tatsächlich sind Magiebezüge im Silicon Valley ziemlich verbreitet. Auf den Konferenzen dort fiel mir etwa auf, wie oft einem die Farbe Lila begegnet. Lila ist eine Farbe, die historisch in der Welt von Magiern oder Alchemisten verbreitet war. Hier wirkt die unterschwellige Idee, Tech sei eine Form von Magie. Es ist auch eine wirkliche Stärke dieser Industrie, die Leute mit ihren Produkten zu verzaubern.
WOZ: Wie meinen Sie das?
Olivier Alexandre: Jedes Mal, wenn es einen Konsens darüber gibt, dass eine ihrer Innovationen zu weit gegangen ist, gelingt es dieser Industrie, eine neue Technologie aus dem Hut zu ziehen – und die Leute glauben aufs Neue daran. Heute ist man sich einig, dass Social Media zum gesellschaftlichen Problem geworden ist. Gleichzeitig wiederholt sich dasselbe Muster, nur noch schlimmer, mit KI. Aus soziologischer und anthropologischer Sicht ist es aber auch faszinierend, wie diese Industrie immer wieder etwas Magie zurück in die Welt bringt.
WOZ: Zuletzt aber liess das Silicon Valley einen vor allem erschaudern, als sich ein Techmilliardär nach dem anderen hinter Donald Trump einreihte.
Olivier Alexandre: Ich glaube nicht, dass das in Europa dominante Narrativ vom «Technofaschismus» hilfreich ist. Man könnte die Unterstützung für Trump vonseiten der Techindustrie eher mit einer Zwiebel vergleichen. Deren Kern ist konservativ und gar reaktionär: Hierfür steht etwa Thiel. Dann kommt eine zweite Schicht, repräsentiert von Investoren wie Marc Andreessen und Ben Horowitz, die lange die Demokrat:innen unterstützt haben. Diese Leute glauben heute, dass sich die Umstände für die Industrie verändert haben. Andreessen etwa sagte in einem Interview, früher hätten die Leute die Techindustrie und den Kapitalismus gut gefunden, aber inzwischen habe sich ein immer linkerer Blick auf die Welt durchgesetzt. Ausserdem sahen sich manche von den Regulierungsbestrebungen der Biden-Regierung in ihrer Existenz bedroht, etwa die Kryptobranche.
WOZ: Und die äussere Schicht?
Olivier Alexandre: Dort finden sich Opportunisten, die versuchen, das Beste aus der Trump-Wahl zu machen, etwa die Führungskräfte von Apple, Microsoft, Meta, Nvidia und Google. Die Branche hat schwere Krisen hinter sich: die Pandemie, dann die Pleite der Silicon-Valley-Bank und schliesslich der Krieg gegen die Ukraine, der die Inflation anheizte. Dazu kamen Gerichtsprozesse und der KI-Wettlauf. Es gab auch Entlassungswellen. Man hatte viel zu verkraften. Es klingt abwegig, weil es sich hier um extrem reiche und mächtige Leute handelt, aber diese hatten das Gefühl, in ihrer Existenz bedroht zu sein.
WOZ: Spielt nicht auch der Konflikt mit China eine Rolle? Es hilft doch, wenn man auf eine Regierung bauen kann, die etwa einen Konkurrenten wie Tiktok unter US-Kontrolle zwingt.
Olivier Alexandre: Chinesische Dienste und Produkte werden tatsächlich immer wettbewerbsfähiger. Viele im Silicon Valley denken, dass, wenn es China gelingt, den ersten Platz in Sachen KI zu erobern, es dann für sie vorbei ist. Letztlich geht es hier also vor allem um ökonomischen Wettbewerb – und die Werte der «freien Welt», die hier auf dem Spiel stehen sollen, werden vorgeschoben, um Unterstützung zu mobilisieren. Das hat bei Trump auch funktioniert, er hat dezidiert geäussert, dass man das Silicon Valley gegen China unterstützen müsse.