Vermisstensuche in Syrien: Vom Leid, das Assad hinterlässt
160 000 Menschen gelten in Syrien als verschwunden. Nach dem Sturz des Regimes hofften ihre Familien auf Klarheit – stattdessen wachsen Wut und Ungeduld.
Wer Gott inmitten der Wüste zwischen Damaskus und Homs nahe sein will, braucht einen langen Atem. Rund 350 Stufen aus hellem Kalkstein führen hinauf zum Kloster Mar Musa al-Habaschi, das auf einem Felsvorsprung über der kargen Landschaft thront. Oben auf der Terrasse lässt Jihad Youssef seinen Blick über das Tal schweifen. Vor dreissig Jahren, erzählt der heutige Abt, habe er hier bei einem Besuch in den alten Gemäuern unverhofft seine Bestimmung gefunden – und sein Sportstudium kurzerhand für eine Ausbildung zum Mönch aufgegeben. So «zärtlich, aber kraftvoll» sei die höhere Macht gewesen, die er in Mar Musa gespürt habe.
Inspiriert wurde Youssef damals von der kleinen Gemeinschaft um Paolo Dall’Oglio, einen Geistlichen aus Italien. Der als charismatisch beschriebene Jesuit hatte das seit Mitte des 19. Jahrhunderts verwaiste Kloster ab den achtziger Jahren wiederbelebt und zu einem Zentrum des christlich-muslimischen Dialogs gemacht. Für junge Angehörige der christlichen Minderheit in Syrien wie Youssef wurde Mar Musa so zu einem Ort der Orientierung – spirituell wie politisch.
«Vater Paolo war kritisch, hat viel gefordert und war gleichzeitig unglaublich freundlich», erinnert sich Youssef. War? «Nein, er ist es», korrigiert er sich fast entschuldigend. «Wir wissen nicht, ob er noch lebt oder tot ist.» Bis heute wolle er nicht in der Vergangenheitsform von dem Mann sprechen, der ihn als Mentor und Freund geprägt habe. Seit 2013 fehlt von Dall’Oglio jedes Lebenszeichen – wie von geschätzt 160 000 Menschen in Syrien, die während der Herrschaft Baschar al-Assads und im Mahlstrom des fast vierzehnjährigen Bürgerkriegs verschwanden: in Gefängnissen, auf Schlachtfeldern, an Checkpoints – oft spurlos, ohne Grab, ohne Gewissheit.
Ein wunder Punkt für die Regierung
Vor etwas mehr als einem Jahr blickten viele Familien auf den Sturz des Assad-Regimes in der Erwartung, endlich Klarheit über das Schicksal ihrer Lieben zu erhalten. Für viele blieb die Aufklärung jedoch bislang aus. Zwar wurden Tausende Gefangene befreit, von denen viele bereits als tot oder verschollen galten. Aber die Angehörigen Zehntausender Vermisster warten noch immer vergeblich. Wut und Ungeduld wachsen: Längst ist das Thema der Vermissten für die islamistisch geprägte Übergangsregierung von Ahmed al-Scharaa zu einem wunden Punkt geworden – in einem Land, das sich nach Aufarbeitung, Erinnerung und der Anerkennung des Unrechts sehnt.
Im Kloster Mar Musa, an dessen Wänden Fresken aus verschiedenen Jahrhunderten zu sehen sind, die den Krieg überdauert haben, hinterlässt Dall’Oglios Verschwinden bis heute eine Lücke. «Die Hoffnung, ihn doch noch zu finden, stirbt nicht», sagt sein Weggefährte Youssef. Gleichzeitig betont er, dass Dall’Oglios Schicksal nicht wichtiger sei als das der vielen anderen Vermissten. Das sei nicht in Dall’Oglios Sinn, der sich für die Gleichberechtigung der Menschen in Syrien eingesetzt habe.
Vor der Revolution von 2011 habe Dall’Oglio Syriens Diktator Baschar al-Assad jedes Jahr einen Brief geschickt und ihn dazu aufgerufen, einen demokratischen Wandel im Land einzuleiten, erinnert sich Youssef. Eine Antwort habe er nie erhalten. Als dann die Aufstände des Arabischen Frühlings begannen, stellte er sich auf die Seite der Protestierenden, während viele kirchliche Würdenträger in Syrien Kritik am Regime mieden oder es offen unterstützten.
«Paolo sagte: ‹Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht zu studieren, zu predigen und über Menschenrechte, Demokratie und Dialog zu sprechen. Ich kann jetzt nicht still sein›», erinnert sich Youssef. Zu den Gesten der Solidarität mit der politischen Opposition gehörte unter anderem eine in Mar Musa abgehaltene Trauerzeremonie für den jungen christlichen Filmemacher und Aktivisten Bassel Shehadeh, der 2012 bei der Bombardierung von Homs durch das Regime getötet wurde.
Dieses Mal reagierte das Regime auf Dall’Oglios Haltung. Als Italiener mit internationalem Ansehen wurde er zwar nicht wie Zehntausende Syrer:innen in den Kerker geworfen, doch musste er das Land verlassen. Abfinden konnte sich Dall’Oglio damit nicht. 2013 kehrte er in den Nordosten Syriens zurück, um das Gespräch mit dem damals erstarkenden Islamischen Staat (IS) zu suchen und humanitäre Hilfe zu leisten. Weggefährten hatten ihm von dieser gefährlichen Reise abgeraten, auch Youssef: «Aber Paolo hatte seine Entscheidung bereits getroffen.» Dieser Entschluss kostete Dall’Oglio womöglich das Leben. Kurz darauf wurde er in der Stadt Rakka entführt. Was genau mit ihm geschah, bleibt unklar.
Im Mai 2025 verfügte Scharaa per Dekret die Einrichtung zweier Kommissionen: Eine soll Verbrechen aus der Assad-Zeit aufarbeiten, die andere das Schicksal der zahlreichen Vermissten klären. Beide stehen in der Kritik von Aktivist:innen und Angehörigen – zu langsam, zu wenig Kommunikation, lauten die Vorwürfe. Zudem mangelt es in Syrien an Expertise. Zwar gibt es seit dem vergangenen Jahr in Damaskus ein forensisches Zentrum, in dem Knochen und Zähne gelagert und Autopsien durchgeführt werden. DNA-Analysen, die für die Aufklärung entscheidend wären, sind jedoch wegen fehlender Technik bislang nicht möglich. Bis allein alle Massengräber im Land gefunden und untersucht sind, könnten viele Jahre vergehen.
Eine staatliche Erinnerungskultur, die den Wartenden Halt geben könnte, gibt es bislang nicht. So ist es die Zivilgesellschaft, die diese Lücke füllt und das Andenken an die Verschollenen und Kriegstoten bewahrt. Eine von vielen kleinen Initiativen ist das nach dem Assad-Sturz von Aktivist:innen gegründete Projekt «Feigengärten». Das Ziel: Orte des Gedenkens zu schaffen, an denen Feigen- und Olivenbäume jeweils für eine vermisste oder getötete Person stehen, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit oder Religion. In Mar Musa fand im vergangenen Sommer eine solche Einweihungszeremonie statt. Dutzende Angehörige und Freund:innen versammelten sich im Klostergarten, um die Bäume einzuweihen. Seitdem trägt dort ein Feigenbaum den Namen Paolo Dall’Oglio. Ein Olivenbaum erinnert an Nassim, den Sohn des christlichen Stadtteilverwalters Abdo Sara aus der nahe gelegenen Stadt Nabek.
Der Wunsch, abschliessen zu können
In ihrer Wohnung bitten Abdo und seine Frau Mariam Saraim, im Wohnzimmer Platz zu nehmen. In einem Regal steht ein schwarz gerahmtes Foto von Nassim. Es zeigt einen jungen Mann im Anzug, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Nassim, ein gelernter Elektriker, hatte sich dem Aufstand gegen die Diktatur angeschlossen – «als Zivilist, nicht bewaffnet», betont sein Vater. Eines Tages, als er in Nabek Benzin kaufen wollte, wurde Nassim verhaftet. Jahrelang habe die Familie Schmiergelder an staatliche Stellen gezahlt, in der Hoffnung, etwas über seinen Verbleib zu erfahren. Vergeblich. Erst nach dem Sturz des Assad-Regimes erhielten sie Informationen: Freigekommene Mithäftlinge meldeten sich und berichteten, Nassim sei in der Haft getötet worden, nur zwei Monate nach seiner Festnahme.
Inzwischen hat die Familie einen Totenschein. Doch bis heute gibt es keine sterblichen Überreste und kein Grab, an dem sie trauern könnte. Trotzdem sei er froh, sagt Abdo Sara, nun zumindest Gewissheit zu haben. «Die Mutter eines Getöteten schläft nachts ruhig, während die Mutter eines Inhaftierten die ganze Nacht wach bleibt», sagt er. Das Warten habe zermürbt, mehr noch als die Todesnachricht.
Abschliessen könne er dennoch nicht. Ohne eine Bestattung – und ohne Gerechtigkeit – bleibe der Verlust seines Sohnes unvollständig. Wer Nassim bei den Behörden denunziert habe, wisse er genau. Der frühere Regimespitzel lebe noch immer unbehelligt in Nabek. «Wenn nicht bald etwas passiert, bringe ich ihn in seinem eigenen Haus um», sagt der Vater. Obwohl ihn das selbst zum Mörder machen würde? Sara schweigt einen Moment. «Ich weiss, dass ich dann nicht besser als jene wäre, die meinen Sohn auf dem Gewissen haben.»
Geduld, sagt Sara schliesslich, sei das Einzige, was ihm bleibe – wie Tausenden anderen in Syrien. Geduld mit einem Staat, der sich seiner Vergangenheit erst noch stellen muss. Und die Hoffnung, dass Erinnerung und Anerkennung eines Tages stärker sein werden als Rache und Schweigen.