Architektur: Gigantischer Termitenhügel
Es muss nicht immer Gaudí sein: Am Stadtrand von Barcelona steht ein faszinierendes Beispiel für sozialen Wohnungsbau – utopisch, bunt und begehrt. Ein Besuch in Walden 7 von Ricardo Bofill.
Schon aus der Ferne fällt die ziegelrote Farbe auf, die sich von den anderen Gebäuden unterscheidet. Steht man dann vor Walden 7, dem 1975 eröffneten Wohnprojekt des katalanischen Architekten Ricardo Bofill, fühlt man sich winzig. Wie ein gigantischer Termitenhügel türmt sich das Gebäude auf, organisch und wild wuchernd. Scheinbar aus der Wüste an den Stadtrand von Barcelona gebeamt. Futuristisch und doch bodenständig. Wer zum ersten Mal einen Bofill-Bau sieht, kommt aus dem Staunen nicht heraus, Elemente wiederholen sich, aber nichts wirkt wie auf dem Reissbrett entworfen. Walden 7 scheint ein lebender Organismus zu sein, gewachsen und nicht gemacht.
Die wahre Magie aber eröffnet sich erst im Inneren des Gebäudes, das man eigentlich nicht betreten darf. «Früher konnte man sich über die kleine Bar im Erdgeschoss hereinschleichen», sagt Marta Nebot, eine ehemalige Englischlehrerin, die schon seit dreissig Jahren in Walden 7 wohnt. Dass ständig Neugierige ins Haus kamen, hat viele Einwohner:innen gestört. Deshalb hat sich die Hausgemeinschaft entschieden, selbst sporadisch Führungen anzubieten. Nebot ist ein perfekter Guide, sie liebt das Gebäude, spricht gut Englisch – und weiss viele, durchaus skurrile Geschichten zu erzählen.
Allein der Eingang: ein riesiges, sechs Stockwerke hohes Tor. 450 Wohnungen sind in diesem vierzehnstöckigen Komplex angeordnet, es gibt fünf Innenhöfe, die durch Brücken verbunden sind. Walden 7 ist eine vertikale Stadt, eine dreidimensionale Matrix – und wirkt wie ein Tetris-Spiel, das sich jederzeit verändern könnte. Blickt man nach oben, sieht man den Himmel. Überall gibt es Öffnungen, so hermetisch das Gebäude von aussen wirkt, so luftig ist es drinnen.
«Wir bekommen die Jahreszeiten hautnah mit, sobald wir unsere Wohnungstür öffnen», sagt Nebot. So zieht im Sommer eine frische Brise durch die Anlage. In den seltenen Wintern, in denen Schnee fällt, liegt der auf den Fluren – oder man steht mitten im Regen. «Als ich eingezogen bin, war ich naiv, ich habe den Regenschirm aufgespannt. Und mich wie Mary Poppins gefühlt – ich hatte Angst, weggeweht zu werden», erinnert sich Nebot.
Kafka lässt grüssen
Weiter oben traut man sich ohnehin kaum, in die Tiefe zu blicken, Höhenangst sollte man keine haben. Aber man erkennt auch gut, welch komplexes Labyrinth diese Wohnanlage ist. Marta Nebot gesteht, auch sie habe sich schon verirrt, manche Treppen führen nur zu Wohnungen und sind Sackgassen. «Einige Bewohner:innen haben das ausgenutzt: Wenn man bei Pizza Hut bestellt hat und die Lieferung dauerte länger als eine Stunde, bekam man alles gratis. Bald aber wurde verdächtig, wie viele Gratislieferungen es in Walden 7 gab.» Das Kafkaeske dieser Anlage kann herausfordernd sein – nicht nur für Pizzabot:innen.
So karg der Bau von aussen wirkt, so bunt präsentiert er sich im Innern – mit blauen, türkisen und ziegelroten Fliesen. Ursprünglich sei viel mehr Fläche mit Fliesen überzogen gewesen, erzählt Nebot. Aber ein paar Jahre nach der Inbetriebnahme begannen sie abzufallen. Damals seien einige Bewohner:innen mit Sturzhelmen herumgelaufen – und viele entnervt ausgezogen. Medien hätten das Projekt vorschnell für gescheitert erklärt. Im Zuge einer Renovierung in den neunziger Jahren wurde dann ein Teil der Fliesen entfernt.
Die Wohnungen sind klein, modular und kombinierbar – gedacht für flexible Lebensentwürfe, für Gemeinschaft statt bürgerliche Abgeschlossenheit in einer Kleinfamilie. Ein Modul umfasst 28 Quadratmeter, ideal für Singles oder Studierende. Man kann die Units zu drei bis vier Modulen auf mehreren Stockwerken erweitern. Die Wohnungen sind mehrheitlich im Eigentum, nur 38 Prozent sind vermietet. Die meisten hier haben sich darauf eingerichtet, länger zu bleiben – Blumen stehen vor ihren Wohnungstüren. Die Gänge sind wie Strassen in mediterranen Dörfern, die für Bofill stets Pate standen. Er hat auch anderswo Gebäude geschaffen, die wie Labyrinthe anmuten, in denen man sich verlieren kann, aber dennoch geborgen fühlt.
Fertiggestellt 1975, in den letzten Jahren der Franco-Diktatur, ist Walden 7 nicht nur ein ästhetisches Statement, sondern auch ein gesellschaftliches Experiment. Der Name verweist auf den utopischen Roman «Walden Zwei» (1948) des US-Psychologen B. F. Skinner, in dem es darum geht, wie man einer idealen Gesellschaft nahekommen kann. Und tatsächlich versteht sich der Bofill-Bau als Versuch, neue Formen des Zusammenlebens architektonisch zu organisieren. Begegnung sollte nicht anonymer Zufall sein, sondern baulich geplant: Man kreuzt Wege, teilt Gemeinschaftsräume. Zahlreiche Balkone gehen deshalb in den Innenraum.
Schwimmen mit Weitblick
Auf dem Dach sind zwei Pools, die im Sommer gern genutzt werden. Von hier sieht man ganz Barcelona, und, wagt man den Blick nach unten, die berühmte alte Zementfabrik – dort hat Bofill gewohnt und gearbeitet. «Ein Ort mit der theatralischen Atmosphäre eines Verstecks für Bond-Bösewichte», beschreibt es der «Guardian» in seiner Hommage an den Architekten, «mit weissen Ledersofas in kargen Betonsilos, die alle mit üppigem Grün bewachsen sind.» Tatsächlich haben Bofills Bauten in den letzten Jahren vermehrt in Film- und Seriensettings Eingang gefunden. Les Espaces d’Abraxas in Paris tauchen in «Die Tribute von Panem» auf, La Muralla Roja an der spanischen Küste in «Squid Game».
La Fábrica, Bofills ehemaliges Atelier und sein Wohnraum, ist leider nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Aber man sieht auch so, wie elegant der Architekt es verstand, brutalistische Formen mit pastelligen Farben zu kombinieren, wie sakral ein Fabrikgebäude wirken kann. Bofill entdeckte die Zementfabrik, damals noch in Betrieb, zufällig während einer Autofahrt und besuchte sie spontan.
Sozialer Wohnungsbau erlebt nicht nur in Barcelona gerade ein Comeback. Eine jüngere Generation entdeckt die Vorzüge von Wohnanlagen, die auf Gemeinschaft ausgerichtet sind – und Annehmlichkeiten wie Pools bieten. In der Vorstadt ist die Hitze im Sommer erträglicher als im Stadtzentrum, und doch ist man mit Strassenbahnen und Bussen bestens angebunden. Wohnen in Walden 7 ist hip geworden, die Preise sind gestiegen. Wie begehrt der Bau mittlerweile ist, merkt auch Nebot: Ihr Sohn drängt sie, ein Modul ihrer Wohnung an ihn abzutreten – aber sie möchte ihr kleines Paradies nicht teilen.
Gibt es denn auch Probleme oder Konflikte? Nebot fällt nichts ein, ausser dass sich viele am Pool nicht an den zugeteilten Bereich fürs Nacktsonnen hielten. Sie schätzt, wie durchmischt Walden 7 sozial und altersmässig ist, wie gut die Infrastruktur funktioniert: «Man muss gar nicht rausgehen, wir haben einen Supermarkt, eine Bar und zwei Pools. Ich würde nirgends sonst wohnen wollen.» Allerdings lebe man «mittlerweile privater und weniger gemeinschaftlich», sagt Nebot. «Früher war mehr los, Filmvorführungen, Tanzabende, Konzerte.» Und heute unvermeidlich auch hier: Wohnungen, die über Airbnb zu mieten sind.
Marxistischer Star der Postmoderne
Der kühne Architekturaussenseiter Ricardo Bofill ist 2022 mit 82 Jahren gestorben. Er war in den siebziger und achtziger Jahren ein glamouröser Star der Postmoderne, legte sich durch seine marxistischen Ansichten mit der franquistischen Diktatur an, tauschte sich mit Intellektuellen und Künstler:innen aus, erforschte die Architektur in der Sahara, liess sich von den Lehmhäusern der Tuareg inspirieren. In den Neunzigern wurde es ruhig um ihn, Architekturmoden änderten sich. Eine jüngere Generation hat Bofill in den letzten Jahren wiederentdeckt – seine psychedelischen, farbenfrohen Gebäude machen sich bestens in den sozialen Medien.
Bofill definierte sozialen Wohnungsbau neu. Seine alle Regeln sprengenden Experimente blieben dennoch stets am Menschen orientiert. Er verlieh dem Brutalismus mit Pastellfarben Wärme, wollte Räume schaffen, in denen man leben möchte. Räume, die die Fantasie anregen, die mediterran, bunt, futuristisch sind. Kollektives Wohnen sollte individuell und nicht trist sein.
Nicht überall ist das gelungen. Mit der Anlage Les Espaces d’Abraxas wollte Bofill in einer Banlieue von Paris ein «Versailles fürs Volk» schaffen, aber zu monumental und theatralisch ist das vom «Guardian» treffend als ein «stalinistisches Disneyland» bezeichnete Areal mit mehr als 600 Wohnungen. Mittlerweile ist es recht heruntergekommen und gilt als eher gefährlicher Ort.
Walden 7 aber funktioniert blendend. Erstaunlich, wie ruhig es hier ist, obwohl sämtliche Wohnungen belegt sind. Nur in der Früh sei es manchmal stressig, wenn alle gleichzeitig zur Arbeit wollten, gesteht Marta Nebot. Man wartet lange auf die alten Lifte, das merken auch wir bei unserer Führung. Und zu Fuss geht man ohnehin nur, wenn man sich sehr gut auskennt. Sonst verirrt man sich sogar als Bewohnerin, die schon dreissig Jahre hier lebt.