Von oben herab: Zeitverschwendung
Stefan Gärtner über Schweizer Verhältnisse
Norwegen, lese ich, steht kopf, was aber nicht heisst, dass Oslo jetzt am Polarkreis liegt. Das Land sieht sich in seinem Selbstverständnis als sozialdemokratische Moralmacht getroffen dadurch, dass, wie es aussieht, die halbe Elite des Landes in den sogenannten Epstein-Files auftaucht, von der Kronprinzessin bis zum ehemaligen Vorsitzenden des Komitees, das den Friedensnobelpreis vergibt. «Wir sind doch eigentlich die Guten!», zitiert die deutsche Morgenzeitung einen entsetzten Beobachter, und weil die Schweiz gern mit Schweden verwechselt wird (siehe WOZ Nr. 21/18), hat sie keine Lust, dass es die Leute auch mit Norwegen tun, von wegen «Teures Land in europäischer Randlage, wo gern Eishockey gespielt wird». Und zur Verwechslung besteht, geht es um die Abgründe in Sachen Epstein, halt auch kein Anlass.
Epstein hatte Geld in der Schweiz: Geschenkt. Er soll sich auch für Villen im Tessin interessiert haben: Überraschung. Aber dass die Bundesanwaltschaft keinen Anlass sieht, die Schweizer Spuren, die es in den Materialbergen gibt, zu verfolgen, wie es SP-Nationalrat Benoît Gaillard vorgeschlagen hat, kann man so gut verstehen wie Nationalrat Philippe Nantermod (FDP): «Die US-Regierung hat eine riesige Menge an Dokumenten wahllos veröffentlicht, von denen 95 Prozent irrelevant sind. Viele wurden hastig geschwärzt. Sie detailliert zu prüfen, könnte Zeitverschwendung sein.» Wenn man doch weiss, dass Helvetia zwar an Sauereien durchaus gern mitverdient, aber sich am Tatort selbst nie sehen lässt, schon gar nicht, wenn er in der Südsee liegt. Die Schweiz, fasst es der «Tagesspiegel» zusammen, «erscheint in den Dokumenten nicht nur als Finanzplatz, sondern als Ort von Treffen, Vermittlungen und finanziellen Arrangements», natürlich, noblesse oblige. Aber Beatrice Egli ist nicht Mette-Marit und Guy Parmesan nicht Andrew Mountbatten-Windsor, wie der Untenrum- und Prostitutionsjetset des Epstein-Kosmos durchaus nicht landestypisch ist, und mögen in Zürich noch so viele Ferraris zugelassen sein.
Dazu fehlt der Eidgenossenschaft schon das monarchische Element. Ein Zufall ist es sicher nicht, dass es neben dem Vereinigten Königreich und Norwegen auch Frankreich so schwer getroffen hat, also zwei Monarchien und eine Präsidialrepublik mit einem charismatischen Oberhaupt, während die Eidgenossenschaft weder über eine richtige Hauptstadt verfügt noch sich einen Staatspräsidenten leisten will: Für einen Skandal im globalen Massstab fehlen hier schlicht die Ressourcen.
Von 98 Prozent der Menschen, die in den Klatschspalten des «Blicks» auftauchen, habe ich Nichtschweizer noch nie etwas gehört, und die Verhältnisse mag der direkte Schlagzeilenvergleich mit Deutschlands «Bild»-Zeitung veranschaulichen: «Tod im Schnee! Dortmunder Baron von Lawine verschüttet» – da ist alles drin: Adel, Tod, Naturgewalt, während «Hund stirbt tragisch nach Swiss-Flug» allenfalls die Frage nahelegt, wie um alles in der Welt Hunde tragisch sterben können und warum es überhaupt erlaubt ist, dass Hunde eine Bordmahlzeit serviert bekommen. «Der Trump-Vertraute Steve Bannon bezeichnet sich in einer Nachricht an Jeffrey Epstein als ‹Berater› fast aller rechten Parteien in Europa – auch der SVP. ‹Ausgemachter Quatsch›, findet diese» («Tagi»), und zwar zu Recht – denn was sollte Trumps alter Kettenhund der Volkspartei in Sachen flooding the zone with shit bitte sehr noch beibringen?
Nein, es bleibt dabei: Eher findet man Ruedi Widmer in der ersten Reihe einer Anti-Silberkugel-Demo als Albert Rösti in Epsteins Whatsapp-Liste, und wird jetzt, nach einem anonymen Hinweis, auf Epsteins «Zorro Ranch» im US-Staat New Mexico nach möglichen verscharrten Opfern gesucht, liegen in der Schweiz, wie ich sie kenne und schätze, die Leichen da, wo sie hingehören: im Keller.
Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.