Oberaargauer Ökoprotest (1): «Wir werden vergiftet!»
In Niederbipp hat Silvia Horrer einen Hungerstreik gegen Pestizide begonnen. Gemüseproduzent Beat Bösiger, der die Felder neben ihrem Haus bewirtschaftet, kann das nicht verstehen.
Am 22. Februar beginnt Silvia Horrer an der Dorfstrasse von Niederbipp einen Hungerstreik. Gegen das Gift, das auf den Feldern versprüht und vom Wind verteilt wird, nicht nur in ihren Garten, sondern überallhin, auch ins Grundwasser. Auf einem Transparent beschreibt sie, was sie in ihrem Garten beobachtet: «Keine Schnecken. Keine Insekten. Keine Mäuse. Keine Fliegen. Keine Mücken.»
Bisher hatte sie nicht darauf geachtet. Sie war ein Leben lang erwerbstätig gewesen, hatte die Wohnungen anderer Leute geputzt, in einer Lampenfabrik gearbeitet, dann im Büro ihres Mannes, der eine Garage für Lastwagen betreibt. Für Umweltprobleme blieb da keine Zeit. Bis 2025, im ersten Jahr nach ihrer Pensionierung. Da konnte Horrer beobachten, wie oft die Traktoren mit ihren breiten Sprühbalken über das Feld gleich vor ihrem Haus fuhren, und sie begann, Protokoll zu führen. Dreissig Mal, zählte sie in jenem Jahr. Sie schickte Beschwerden an die Gemeinde und an die Bösiger Gemüsekulturen AG, die das Feld bewirtschaftet, wenn sie vermutete, dass der Sprühbalken höher lag als erlaubt. Ein Anwalt wurde beigezogen, ein Vermittlungsversuch scheiterte. «Ich mache einen Hungerstreik», sagte sie ihrem Mann kurz vor Weihnachten. «Du machst, was du machen musst», gab der zur Antwort. Das war alles.
«Musterbetrieb»
Am 26. Februar, dem fünften Tag ihres Hungerstreiks, sitzt Silvia Horrer am Rand einer Baustelle auf einem Liegestuhl, sie trägt einen orangen Fleecepullover, und an der Rückenlehne hängt eine grellorange Jacke, wie Strassenarbeiter sie tragen. Die Wollmütze hat sie tief heruntergezogen. Eine Staubmaske verdeckt die Hälfte des Gesichts. Vor ihr liegt die fast leere Dorfstrasse. Am Baugerüst hinter ihr hängen blendend weisse Transparente. In schwebend leichten, modern wirkenden Grossbuchstaben hat Horrer aufgeschrieben, warum sie hier sitzt: «!Wir haben keine Zeit mehr, noch länger zu warten. Stoppt endlich die Vergiftung an Mensch und Umwelt. Jetzt.» Einige Worte hat sie rot hervorgehoben. Auf ihrem Schoss trägt sie eine Tafel mit der nüchtern formulierten Quintessenz «Lieber verhungere ich, als weiter vergiftet zu werden!».
Horrer streift die Kopfhörer ab und legt den Roman weg, in dem sie gelesen hat. Sie erzählt, was sie fand, als sie die offiziellen Websites des Bundes durchforstete. Erosion. Bodenverdichtung. Nitrat. Pestizide. Langlebige Umweltgifte. Verlust der Artenvielfalt. Belastung des Grundwassers. «Wir werden vergiftet», sagt sie immer wieder. «Diese Vergiftung wird subventioniert, und niemand tut etwas dagegen.»
Ihr Protest richtet sich zwar gegen den Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden im Allgemeinen, doch im Kopf hat sie besonders die Bösiger Gemüsekulturen AG. Die ist einer der ganz grossen Gemüseproduzenten der Schweiz. 250 Hektaren Anbaufläche, davon 12 in Gewächshäusern und Tunnels, hundert Jahresangestellte, hundert Kurzaufenthalter:innen. Ein Anruf bei Beat Bösiger, Namensgeber, Teilhaber und Verwaltungsratspräsident der AG, führt in die gut vernetzte Welt von Landwirtschaft, Gewerbe und Politik. Bösiger ist Grossrat und Vizepräsident der SVP Kanton Bern, einer, der weiss, was er hat, was er kann. Einer, der die ökologischen Vorschriften einhält. Pestizide und Düngemittel werden sorgfältig eingesetzt. Die Gewächshäuser werden mit Abwärme beheizt, Gemüseabfälle kompostiert. «Wir sind ein Musterbetrieb», sagt er. «Wir leisten unseren Anteil an der Ernährung der Schweiz.» Logisch, dass er einer Frau wie Silvia Horrer fassungslos gegenübersteht. «Ich kann sie nicht begreifen», sagt er.
Das erste Mal aktiv
Silvia Horrer ist sanft und radikal. Sie will nicht weniger, sondern gar keine Pestizide. Dass Bösigers Betrieb bei IP Suisse, dem Ökolabel mit dem Marienkäfer, nicht dabei ist, könnte sie als Argument einsetzen. Doch sie weiss nichts darüber. Sie hat keinen Kontakt zu Umweltorganisationen oder regionalen Gruppen, hat noch nie eine Initiative unterschrieben, war noch nie irgendwo politisch aktiv. Der Hungerstreik ist ihr ganz eigenes Ding. «Wenn ich etwas Unrechtes sehe, dann muss ich etwas dagegen tun, auch wenn die anderen stärker sind. So bin ich eben.» Sie sagt das nicht verbittert, sondern tatendurstig, heiter. Ihre Augen blitzen. «Ich denke an meine Enkel.»
Für ihren Hungerstreik hat sie keinen genauen Plan. Wahrscheinlich wird sie noch einige Wochen weitermachen. Sie wird tagsüber heissen Tee trinken und wegen des Salzes jeden Morgen und jeden Abend etwas Bouillon. Hie und da werden Passant:innen anerkennende Worte für sie haben, und das wird ihr bestätigen, dass sie auf dem richtigen Weg ist. «Ich will mir nicht vorwerfen müssen, dass ich nichts getan habe», sagt sie zum Abschied.
Sie mummelt sich wieder ein auf ihrem Liegestuhl, rückt die Gesichtsmaske zurecht und setzt die Kopfhörer wieder auf. Eine Frau, die wild entschlossen ist, ihre Aktion durchzuziehen.