Nr. 21/2021 vom 27.05.2021

Wer hats erfunden?

Die Basler Chemie spielte global eine wichtige Rolle bei der Pestizidentwicklung. Zusammen mit dem Bund trieb sie die Chemisierung der Landwirtschaft voran. Die Schädlichkeit neuer Mittel wird immer wieder unterschätzt – bis heute.

Von Bettina Dyttrich

Mit der Motorspritze in den Maikäferkrieg: Thurgau, 1951. Foto: Keystone

Im Meer vor Los Angeles haben die Seelöwen Krebs – viel häufiger als anderswo. Seit kurzem weiss man, warum: Wenige Kilometer vor der südkalifornischen Küste liegen mindestens 27 000 Fässer auf dem Meeresboden und lösen sich langsam auf. Vielleicht sind es auch noch viel mehr. Sie enthalten eines der gefürchtetsten und langlebigsten Umweltgifte: DDT.

DDT löst sich nicht in Wasser, aber in Fett. Es reichert sich im Körper von Tieren an – besonders in solchen, die andere Tiere fressen. Schon seit einigen Jahren fällt ForscherInnen auf, dass die Fettschicht südkalifornischer Delfine viel DDT enthält. Das Gift ist ein sogenannter endokriner Disruptor, es bringt das Hormonsystem durcheinander. Bei Säugetieren und Menschen kann es die Sexualorgane verkümmern lassen und Krebs auslösen; die Schalen von Vogeleiern macht es so dünn, dass die Jungvögel nicht überleben. Anfang der siebziger Jahre verboten die USA und viele andere Industrieländer seinen Gebrauch, heute darf es global nur noch zur Bekämpfung von Krankheiten übertragenden Insekten eingesetzt werden.

Umweltgift aus Basel

1948 wusste man von all dem noch nichts. Paul Müller, ein Schweizer Chemiker der Basler Firma Geigy, kam in Stockholm zu höchsten Ehren: Er erhielt den Nobelpreis für Chemie. Müller hatte DDT zwar nicht als Erster synthetisiert, aber er hatte entdeckt, dass es zuverlässig Insekten tötet. Anderen Tieren und Menschen schien es nicht zu schaden – ein gefeierter Fortschritt, denn in den Jahrzehnten davor war man noch mit hochgiftigen Arsenpräparaten gegen Obstschädlinge vorgegangen.

Heute ist vergessen, dass es die Basler Chemie war, die DDT zum Durchbruch verhalf. «Die Geschichte der modernen Pestizide (…) ist eng mit der Schweiz verknüpft», schreibt der Historiker Lukas Straumann. Um 1920 spezialisierte sich die Dielsdorfer Firma Maag (heute Teil von Syngenta) ganz auf Pestizide; vor dem Zweiten Weltkrieg stiegen dann die Basler Chemieunternehmen Sandoz, Ciba und Geigy, die mit der Farbherstellung gross geworden waren, in die Produktion ein. Straumann, heute Geschäftsleiter des Bruno-Manser-Fonds, hat seine Dissertation über die Frühzeit der Schweizer Pestizidpolitik geschrieben. Sein Buch «Nützliche Schädlinge» von 2005 zeigt, wie kontrovers und widersprüchlich die Entwicklung der synthetischen Pestizide von Anfang an war.

Was erstaunt: Schon vor hundert Jahren gab es Versuche mit biologischer Schädlingsbekämpfung, die den heutigen Methoden aufs Haar gleichen. So arbeitete 1922 ein Lausanner namens Henry Faes mit Schlupfwespen, die ihre Eier in die von ObstbäuerInnen gefürchteten Blutläuse legen und sie von innen auffressen. Marienkäfer wurden schon gegen Schildläuse eingesetzt, und im St. Galler Rheintal, wo die Konservenerbsen boomten, hielt man gefrässige Insekten fern, indem man jedes Jahr grossräumig das Anbaugebiet wechselte. Räumliche Distanz ist bis heute eine bewährte Präventivmassnahme. Lange bevor Ökologie zur Wissenschaft wurde, verstanden manche die Zusammenhänge: 1926 betonte der Ornithologe Walter Knopfli «die wichtigen Leistungen der Vogelwelt bei der Bekämpfung der Pflanzenschädlinge». Das Verdienst insektenfressender Vögel sei wichtiger, «als es die Bekämpfung mit chemischen Mitteln je sein kann». Wären alternative Wege möglich gewesen?

Giftnebel am Badestrand

Frage an Lukas Straumann: Warum setzten sich synthetische Pestizide durch? «Der flächendeckende Durchbruch hatte viel mit dem Mehranbau im Zweiten Weltkrieg zu tun», sagt der Historiker. Kurz vor dem Krieg breiteten sich die aus Nordamerika stammenden Kartoffelkäfer erstmals in der Schweiz aus und bedrohten eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel. Mit Kriegsrhetorik forderte der Bund die Bevölkerung zur Bekämpfung auf; in befallenen Regionen verpflichtete er die BäuerInnen dazu, die Felder prophylaktisch zu spritzen. Auch hier kamen vor allem Arsenpräparate zum Einsatz. «Die Entwicklung biologischer Mittel hätte Zeit gebraucht», sagt Straumann. «Man wollte etwas, das sofort wirkt, nicht erst in drei Jahren. Und dann kommt das Problem, dass die Methoden nicht kompatibel sind: Man kann nicht gleichzeitig chemisch und biologisch vorgehen, weil das Gift die Nützlinge tötet.» Bis zum Kartoffelkäfer hatte sich der Pestizideinsatz auf den Obst- und Weinbau beschränkt, nun begann er auch auf den Äckern: «Hatten die Bauern einmal Motorspritzen, konnten sie sie auch in anderen Kulturen verwenden.»

Vielleicht ist die Frage nach alternativen Pfaden naiv: Warum hätte ausgerechnet die Landwirtschaft, die damals noch als Fundament der Wirtschaft galt, einen sanften, achtsamen Weg einschlagen sollen? Der Glaube an Fortschritt und technische Lösungen – und die Erfahrung von Mangel und Entbehrung – prägen Mitte des 20. Jahrhunderts die Schweizer Gesellschaft. Es gibt zwar Kontroversen: Während staatliche Forscher öfter Bedenken über Pestizidrisiken äussern, wollen Industrievertreter sogar verhindern, dass es für neue Stoffe Zulassungsverfahren braucht. Trotzdem treiben letztlich beide, Staat und Chemieindustrie, den Pestizidgebrauch voran. Und die BäuerInnen haben die neuen Mittel zwar nicht erfunden, aber die meisten begrüssen sie – auch weil sie schlicht keine Wahl haben: Mit dem Aufschwung der Nachkriegszeit verliert die Landwirtschaft ihr Personal. Statt als Knechte und Mägde auf den Feldern zu krampfen, gehen junge Leute jetzt lieber in Fabriken oder Büros, wo die Arbeitszeiten kürzer und die Löhne viel besser sind. Traktoren, Melkmaschinen und Pestizide ersetzen die menschliche Arbeit. Ein Biolabel, das den höheren Aufwand der pestizidfreien Produktion honoriert, wird erst Jahrzehnte später entwickelt.

1950 ruft der Bund den «Maikäferkrieg» aus: Motorspritzwagen und Flugzeuge besprühen Tausende Hektaren Wald mit DDT und anderen Giften, um die Käfer loszuwerden, die im Larvenstadium Wurzeln anfressen. In den USA nebeln Flugzeuge sogar Badegäste am Strand mit DDT ein – gegen die lästigen Mücken.

Das Restrisiko bleibt

Doch die Nebenwirkungen häufen sich: Erste resistente Insekten treten auf, man muss die Dosis erhöhen. Ein neues Mittel der Firma Maag macht Kartoffeln ungeniessbar. Und die Imker laufen Sturm, weil dem «Maikäferkrieg» auch ihre Bienen zum Opfer fallen. In Basel gelangen so viele Rückstände ins Trinkwasser, dass das Wasser modrig schmeckt. 1962 zeigt die US-amerikanische Biologin Rachel Carson in ihrem Buch «Der stumme Frühling» dann das ganze Ausmass der Schäden, die DDT und andere Gifte in der Tierwelt anrichten. Es wird zum Bestseller und verändert den Blick auf Pestizide für immer. Carson gilt heute als eine der wichtigsten PionierInnen der Umweltbewegung.

Der Agrarhistoriker Peter Moser weist darauf hin, wie fundamental sich mit der Beurteilung des Pestizidgebrauchs auch das Image der BäuerInnen verändert hat: Mitte des 20. Jahrhunderts galten jene als progressiv, die die Mittel der chemischen Industrie einsetzten. Heute ist es umgekehrt.

Inzwischen sind die Stoffe von damals längst verboten, und niemand käme hierzulande mehr auf die Idee, ganze Wälder einzunebeln. Doch über die Jahrzehnte fällt auf: Immer wieder wird die Schädlichkeit von Pestiziden unterschätzt. Ein Mittel löst die Probleme seines Vorgängers – dafür schafft es andere. «Das habe ich schon mehrmals erlebt», sagt Irene Wittmer, Umweltchemikerin im Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA). Sie beschreibt paradoxe Entwicklungen: «Einerseits ist die Abbaubarkeit heute ein wichtiges Kriterium bei der Entwicklung: Man will keine Substanzen mehr, die jahrelang in der Umwelt bleiben. Gleichzeitig sind manche der neueren Pestizide in so geringen Konzentrationen giftig, dass man sie fast nicht mehr messen kann.» Hochgiftige Mittel werden in kleineren Mengen eingesetzt – das vermindert das Risiko, dass sie im Grundwasser in hohen Konzentrationen vorkommen, gefährdet aber Lebewesen im Boden und in Oberflächengewässern. Und manche Pestizide zerfallen in der Umwelt in Hunderte verschiedene Abbauprodukte, sogenannte Metaboliten: «Es wird nie möglich sein, bei der Zulassung jedes Risiko auszuschliessen.» Darum fände Wittmer ein mehrstufiges Verfahren sinnvoll: mit der Möglichkeit, ein Mittel zurückzuziehen, wenn es bei der Anwendung unerwartete Folgen zeigt.

Zu den beiden Initiativen, die am 13. Juni an die Urne kommen, will sich Wittmer nicht äussern. Doch für sie ist klar: «Wir brauchen einen anderen Umgang mit Pestiziden.»

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