Auf allen Kanälen: Putin in der Disco
Die satirische Webserie «Puppet Regime» degradiert die Autokraten von heute zum weltpolitischen Kasperlitheater. Die Fäden dahinter zieht ein prominenter Politikberater.
«Bibi, we got a problem.» US-Präsident Donald Trump hat seinen israelischen Amtskollegen Benjamin Netanjahu am Telefon. Es könne sein, sagt Trump, dass sie den Krieg gegen den Iran unverzüglich beenden müssten. «Wieso denn das?», fragt Netanjahu konsterniert. Endlich rückt Trump mit dem Grund heraus, warum der Krieg nicht fortgesetzt werden könne: Die Europäische Union habe in einer offiziellen Erklärung ihre «tiefste Besorgnis» ausgedrückt. Und dann brechen die beiden Kriegsherren in dreckiges Gelächter über das impotente Europa aus.
Es ist so etwas wie die Muppet Show, aber als satirisches Kasperlitheater zur Weltpolitik: «Puppet Regime» heisst die Webserie, die in loser Folge die geopolitische Aktualität karikiert, mit den einschlägigen Autokraten von heute als Witzfiguren aus Filz. Die Nummern sind meist nur eine Minute kurz, die Distanz zwischen Marionette und realer Person ist teils minimal – vor allem bei einem notorischen Realsatiriker wie Trump, der ja seine eigene Karikatur immer schon mitliefert.
Mehr Freiheiten nimmt sich «Puppet Regime» bei Wladimir Putin heraus, der auch mal als feinfühliger Beziehungscoach oder als singender Popstar auftritt. Aus der «militärischen Spezialoperation», dieser propagandistischen Phrase zur Beschönigung von Russlands Eroberungskrieg, wird bei der Putin-Puppe ein Disco-Ohrwurm, intoniert vom Imperator persönlich: «Special military opa-op-operation!» Im letzten Refrain wird Putin dann von Trump und Xi Jinping flankiert, die ja auch gern ihre eigene militärische Spezialoperation hätten, in Grönland oder Taiwan.
Risikoanalyse zum Schreien
Das ist oft extrem komisch und meist auch ziemlich smart. Letzteres ist nicht erstaunlich, wenn man den Absender kennt, Ersteres schon eher. Erfunden hat «Puppet Regime» der US-Politikberater Ian Bremmer, der mit seiner international tätigen Consultingfirma Eurasia Group auf geopolitische Risikoanalysen spezialisiert ist und mit dieser auch ein eigenes Medienportal betreibt. 2017 liefen dort erste Versuche mit «Puppet Regime», aber regelmässig neue Folgen gibts erst seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump. Produziert werden die Sketches von Alexander Kliment, einem ehemaligen Journalisten der «Financial Times», der bei Bremmers Firma zuletzt die Beratungsabteilung für internationale Konzerne leitete. Jetzt lässt Kliment in seinem Autokratentheater die Puppen tanzen – mehr oder weniger im Alleingang, wie die «New York Times» berichtet. So spricht er auch fast alle Stimmen selber ein, von Trump über Putin bis zu Netanjahu.
Ist das die nächste Stufe im Trend zur Diversifizierung in der politischen Satire? Leute wie John Oliver («Last Week Tonight») oder Jan Böhmermann haben ihr Wirkungsfeld ja schon länger in Richtung investigativer Formate erweitert. Was hat es zu bedeuten, wenn jetzt eine politische Beratungsfirma ihrerseits auch Satire betreibt? Offenbar ist der geopolitische Irrsinn unserer Zeit so weit fortgeschritten, dass schon die Leute, die mit Risikoanalysen für Regierungen und Konzerne ihr Geld machen, das Ganze so absurd oder auch so gravierend finden, dass sie es in einer Comedyshow verwursten müssen.
Die Pointe: Machthunger
Der psychohygienische Effekt liegt jedenfalls auf der Hand: Spott als Aufputschmittel in ohnmächtigen Zeiten, die solide politische Analyse gibts gratis dazu. Das hat auch etwas von Voodoo. «Puppet Regime» lässt die Autokraten zappeln – und degradiert sie im Namen der Satire zur lachhaften Marionettenweltregierung. Der Witz ist mal brachial, mal weniger, aber die Pointe lautet eigentlich immer: Machthunger. Wie dort, wo sich Putin und sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping in ihrem Ratgeberpodcast «This Authoritarian Life» treffen, um über ihre Beziehungsmuster zu sprechen: Warum hast du nichts für mich getan, als Venezuela angegriffen wurde? Na, du hast dich in Syrien ja auch aus der Verantwortung gestohlen. So zeigen sie, wie sich Beziehungskonflikte im Alltag mit empathischer Kommunikation entschärfen lassen. Putins Fazit aus diesem paartherapeutischen Rollenspiel? Ja, Grenzen seien zu respektieren. Aber Landesgrenzen? Nein.
«Puppet Regime». Auf Instagram, Youtube und gzeromedia.com.