Proteste in Albanien: Machtkampf zwischen alten Leithammeln
In Albanien protestieren jede Woche Tausende gegen die korrupte Regierung von Edi Rama. Doch eine breite Bewegung fehlt.
Vor der Zentrale der Demokratischen Partei (PD), der grössten Oppositionspartei Albaniens, hat sich eine Menschenmenge gebildet. Es ist ein Samstagabend Ende Februar, der Klang von Fussballtröten vermischt sich mit dem Gebetsruf von einer nahe gelegenen Moschee. Arben, ein ehemaliger Minenarbeiter aus dem nördlichen Bergland Albaniens, wartet, bis sich die Menge in Bewegung setzt. Der 55-Jährige erzählt, dass aus seiner Kleinstadt immer mehr Junge abwandern würden, dass Fabriken schlössen und viele Familien von den Überweisungen ihrer Kinder im Ausland abhängig seien.
Arben, der seinen Nachnamen lieber für sich behält, redet sich in Rage, wird immer wütender. Er zeigt auf ein modernes Hochhaus gegenüber der Parteizentrale. Er ist, wie so viele im Land, davon überzeugt, dass im Bausektor Drogengeld gewaschen wird und deswegen die Preise in die Höhe schnellen: «Niemand kann sich in Tirana eine Wohnung leisten. Ich kenne nur Leute, die zur Miete wohnen.»
Sozialistinnen gegen Demokraten
Dann reiht sich Arben in die Menschenmenge ein und stimmt in die immer gleichen Sprechchöre ein: «Rama, ik!» (Rama, hau ab!), «Rama, burg!» (Rama ins Gefängnis), «O Sali, o hero, gjithe Shqiperia ty te do» (Oh Sali, du Held, ganz Albanien liebt dich).
Sali Berisha und Edi Rama: Seit bald zwanzig Jahren dominieren diese beiden Männer Albaniens Innenpolitik. Der 81-jährige Berisha ist ein politisches Urgestein und Vorsitzender der oppositionellen Demokrat:innen. Edi Rama von den Sozialist:innen (PS) regiert seit 2013. Im letzten Wahlkampf hat der 61-Jährige damit geworben, Albanien bis 2030 in die EU zu führen. Doch jüngst bekannt gewordene Korruptionsaffären haben die Verhandlungen ins Schlingern gebracht. «Edi Rama hat die Tore nach Europa geschlossen», brüllt ein Redner auf der Demo ins Mikrofon, «und für wen? Für Belinda Balluku!»
Belinda Balluku war bis vor wenigen Monaten eine der mächtigsten Frauen Albaniens. Als Infrastruktur- und Energieministerin verwaltete sie seit 2019 das grösste und wichtigste Regierungsressort. Ausserdem war sie Vizepremierministerin und somit enge Vertraute von Rama. Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass die Sonderstaatsanwaltschaft Spak gegen Balluku ermittelt. Mittlerweile wurde Anklage erhoben, Balluku wurde suspendiert sowie mit einer Reisesperre belegt. Die Spak war einst auf Initiative der USA und der EU eingerichtet worden, um Albaniens Justiz zu stärken. Edi Rama hatte dem als Kompromiss im Rahmen der EU-Annäherung zugestimmt. Jetzt aber wird die Behörde seinem engsten Kreis gefährlich.
Mehrere von Ramas Verbündeten haben in den letzten Jahren ihre Posten verloren, darunter der Vizepremier Arben Ahmetaj, der Bürgermeister von Tirana, Erion Veliaj, Gesundheitsminister Ilir Beqaj sowie Innenminister Saimir Tahiri. Auch gegen Sali Berisha, den Oppositionsführer, hat die Sonderstaatsanwaltschaft ermittelt.
Belinda Balluku ist die bis dato ranghöchste Angeklagte aus den Reihen der Sozialist:innen. Sie soll gemeinsam mit einem hochrangigen Beamten der Strassenbehörde Ausschreibungen bei Infrastrukturprojekten manipuliert und im Voraus festgelegt haben, welche Unternehmen den Zuschlag bekommen. Die Ermittlungen tangieren auch eines der wichtigsten Bauprojekte der Regierung Rama: den Llogara-Tunnel, der die Stadt Vlora im Süden Albaniens mit der Riviera verbindet. Ministerin Balluku soll beim Ausschreibungsverfahren eingegriffen haben. Für Jorida Tabaku, eine PD-Abgeordnete, ist das nur «die Spitze des Eisbergs». Auch sie ist zur Demo gekommen. «Es gibt weitere Fälle», sagt sie. «Diese Regierung hat ein System geschaffen, das keinen freien Wettbewerb mehr zulässt. Die Menschen können nicht an fairen Ausschreibungen teilnehmen.»
Tabaku steckt in einem Dilemma. Sie sei eine «Europäerin von ganzem Herzen», sagt sie, und wolle daher auf keinen Fall, dass die Beitrittsverhandlungen mit Albanien abgebrochen werden. «Das haben die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes nicht verdient.» Sie hofft stattdessen, dass der Integrationsprozess dazu führen wird, dass sich die Realität verändert.
Nicht vergleichbar mit Serbien
Albaniens Korruptionsaffären im Bausektor erinnern an die Situation in Serbien. Dort wurde bei der Renovierung eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad gepfuscht. Als es zusammenbrach, starben sechzehn Menschen. Die Folge waren die grössten Proteste gegen die Regierung seit Ende der neunziger Jahre. Die Proteste, die Albanien im Schnitt einmal pro Woche erlebt, sind anders. Zwar gehen Tausende auf die Strasse, es handelt sich dabei jedoch um keine breite Bürger:innenbewegung, sondern um Kundgebungen der PD von Sali Berisha. Die Menschen machen mit, weil «ihre» Partei ruft.
Das artet teilweise in Gewalt aus. Am Abend des 28. Februar griffen Demoteilnehmer:innen die ehemalige Villa des Diktators Enver Hoxha mit Feuerwerk und Brandsätzen an. Das Haus wurde unlängst in ein Kulturzentrum umgewandelt, in dem Künstler und Künstlerinnen aus aller Welt untergebracht sind.
Die Bilder der Eskalation helfen Edi Rama wieder einmal aus der Patsche. Er kann mit dem Angriff von seinem Dilemma ablenken, das da lautet: Kann er seine engste Vertraute an die Justiz ausliefern, ohne selbst unterzugehen?