Nr. 15/2019 vom 11.04.2019

Bloss kein Dörfler sein

Bis vor zwei Jahren war sie noch völlig unbekannt, jetzt ist Emil Ferris als Stargast am Fumetto in Luzern. Ihr Buch «Am liebsten mag ich Monster» ist eine Liebeserklärung an Chicago und an alle AussenseiterInnen.

Von Alice Galizia

Ermittlungen im Fall der toten Nachbarin: Erzählerin Karen zeichnet sich als kleinen Werwolf im Detektivoutfit (grosse Ansicht der Comic-Seite). © Panini Verlag

So stellt man sich einen Shootingstar der internationalen Comicszene eher nicht vor: eine 57-jährige Frau am Stock. Der Gehstock von Emil Ferris ist aus Holz und wellenförmig, er erinnert ein wenig an eine Schlange, aber das klingt exzentrischer, als es ist. Tatsächlich fällt der Stock kaum auf, er passt zur Erscheinung von Ferris: ganz in Schwarz gekleidet, schwere Fingerringe, bedächtiger Gang.

Emil Ferris hat einen guten Grund für ihre Gehhilfe: Noch immer erholt sie sich vom West-Nil-Fieber, einer von Mücken übertragenen Krankheit, die auch in gemässigten Klimazonen vorkommt und normalerweise ungefährlich ist. In seltenen Fällen jedoch kann das Fieber Lähmungen auslösen – wie bei Ferris, die nach einem Mückenstich von der Hüfte abwärts gelähmt war. Und, fast schlimmer für sie als Illustratorin, auch an ihrer rechten Hand.

Vierzig war sie damals. Fünfzehn Jahre später, im Jahr 2017, erschien ihr Comicdebüt «Am liebsten mag ich Monster», das Teil eines langen Heilungsprozesses war. Den Stift an die Hand geklebt, hatte sie wieder zu zeichnen angefangen. So lange, bis es funktionierte, immer besser. Dem Buch sieht man die Schwierigkeiten jedenfalls nicht an, so detailverliebt und dicht sind die Zeichnungen, die an die realistischen Illustrationen bei Charles Dickens erinnern und an die Undergroundcomics eines Robert Crumb. Viele Schraffuren, genaue Charakterstudien, von Menschen ebenso wie von Monstern. Eingestreut in die Geschichte sind Titelbilder von fiktiven Horrorcomics, der Lieblingslektüre von Karen Reyes, der Hauptfigur.

Werwolf auf Spurensuche

«Am liebsten mag ich Monster» ist Karens Tagebuch, ein liniertes Ringbuch, in das sie fast obsessiv zeichnet und schreibt. Karen wächst im Chicago der sechziger Jahre auf und ist ein seltsames Kind. Am liebsten mag sie tatsächlich Monster, dazu auch ihren älteren Bruder Deeze und ihre Freundin Missy, die sich aber von ihr abwendet, als einige in der Schule beginnen, Karen zu mobben. Sich selbst zeichnet sie als kleinen Werwolf im Detektivoutfit, denn sie ermittelt in einem Fall: Ihre Nachbarin Anka wird eines Tages tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Selbstmord, sagt die Polizei, aber das glaubt Karen nicht. Auf der Spur von Ankas Tod erfährt sie einiges über deren Leben: Als deutsche Jüdin ist sie zwischen den Weltkriegen in einem Bordell aufgewachsen, ihre Geschichte ist voller Gewalt.

Gefährliches Anderssein

Viel mehr als ein Krimi ist «Am liebsten mag ich Monster» aber eine Geschichte über Zugehörigkeit und Anderssein. Karen ist in Missy verliebt, aber das darf niemand wissen. Und ihr Freund Franklin ist schwarz und trägt gerne Frauenkleidung, weshalb er weder von Weissen noch in der schwarzen Community akzeptiert wird. Auch Emil Ferris ist in Chicago aufgewachsen, wie ihre Hauptfigur: «Im Chicago der Sechziger konnte dein Anderssein dich umbringen», sagt sie. Viele der Geschichten im Buch basieren auf Erzählungen, die sie schon als junges Mädchen in ihrem Umfeld sammelte. Die Geschichte von Anka etwa ist aus Gesprächen mit Sexarbeiterinnen und Holocaustüberlebenden entstanden. Später hat sie sie für das Buch nachrecherchiert: «Ich konnte kaum glauben, dass das tatsächlich passiert ist. Aber all die Gewalt, von der ich hörte, die passte eben doch sehr zu meiner Realität damals in Chicago.»

Emil Ferris, Comiczeichnerin Foto: Whitten Sabbatini

«Am liebsten mag ich Monster» wurde 2017 über Nacht zum Erfolg. Sie habe damit die Grammatik und Syntax von Comics grundlegend verändert, befand kein Geringerer als Art Spiegelman, der Autor von «Maus». Der Band heimste einige wichtige Preise ein: drei Eisner Awards, zwei Ignatz Awards, einen Fauve d’or am wichtigsten europäischen Comicfestival in Angoulême. Sie freue sich sehr über die Wertschätzung, sagt Ferris, aber sie wünsche sich auch, dass viel mehr Frauen in ihrem Alter diese erhalten würden.

Trotz alledem wird Ferris am eigentlich gut besuchten Sonntag am Luzerner Comicfestival Fumetto kaum überrannt. Sie sitzt im Foyer des Schweizerhofs an ihrem temporären Arbeitstisch, mit Skizzenheft und Kugelschreibern in allen möglichen Farben, und spricht mit den BesucherInnen. Leise und freundlich geht sie auf ihre Fragen ein und bedankt sich für ihr Kommen. Gerade sind einige Kinder da, ihnen zeichnet sie kleine Monster in ihre Hefte. Noch bis Sonntag ist Ferris hier Artist in Residence und arbeitet am zweiten Band: noch einmal über 400 Seiten, 2020 soll das Buch erscheinen.

Im ersten Band lauern überall menschliche Abgründe: Gewalt, Hass, Diskriminierung. Dabei vermeidet es Ferris, verschiedene Formen davon gegeneinander auszuspielen, der einen mehr Gewicht zu geben als der anderen. So erzählt sie gleichermassen von alltäglicher sexualisierter Gewalt im Bordell wie von der Ermordung Martin Luther Kings, die in Chicago zu heftigen Ausschreitungen führte.

Wie man ein gutes Monster ist

Horrorfilme und -comics sind für Ferris die genauste Abbildung der Realität. Die Monster in ihrem Comic, das sind die AussenseiterInnen – und dabei sind sie weniger monströs als die DörflerInnen, von denen sie abgewiesen werden. «Dörfler sind nun mal nie besonders interessant», sagt Ferris. «Sie rennen in der Nacht mit Fackeln herum, sie verfolgen Dinge oder Leute, die anders sind als sie. Angst und Scham sind ihre Waffen.» Die Leute hätten vergessen, wie man ein gutes Monster sei. Denn ein Monster zu sein, ist für Ferris durchwegs positiv besetzt, bis heute: zwar anders, dafür interessant.

Interessant, aber auf den ersten Blick erst einmal unheimlich, das sind auch viele Figuren im Buch. Franklin, mit dem sich Karen im Laufe der Geschichte anfreundet, sieht mit seinen vielen Narben im Gesicht und seinem eckigen Kopf ein bisschen furchterregend aus, wie Frankensteins Monster. Aber dann ist er doch vor allem einer, der im Museum die Bilder mit einer Liebe anschaut, wie es sonst keiner tut.

Die guten Geister von Luzern

Überhaupt das Museum. Ferris kam früh mit Kunst in Berührung: In einer KünstlerInnenfamilie aufgewachsen, fing sie in sehr jungen Jahren an zu zeichnen. Tatsächlich war es lange das Einzige, was sie wirklich tat. Ferris wurde mit Skoliose geboren und konnte, bis sie drei Jahre alt war, überhaupt nicht gehen. «Andere Kinder haben in diesem Alter normale Dinge gemacht, die Tischdecke vom Tisch runterreissen, solche Sachen», sagt sie. «Ich musste die ganze Zeit sitzen. Und da habe ich eben angefangen zu zeichnen.» So hat auch Karen eine grosse Schwäche für das Kunstmuseum, wo all die Klassiker für sie lebendig werden. In den Bildern findet sie Hinweise, die ihr beim Lösen ihres Falls helfen, und sie braucht die Bilder, um Eindrücke zu beschreiben: «Unsere Küche riecht nach dem frühen Impressionismus von Vincent van Gogh: mächtige Ocker- und Umbrapinselschwünge, ein pfeffrig-fettiger ‹Ich liebe dich›-Geruch.»

Und wie riecht Luzern, Emil Ferris? «Ein sehr alter Geruch, nach Wasser und Backsteinen. Und irgendwie nach freundlichen Geistern, die vielleicht eine Tür für dich schliessen, wenn du selbst es vergessen hast.»

Das Fumetto dauert noch bis 14. April 2019. www.fumetto.ch

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