Nr. 26/2005 vom 30.06.2005

Das unkoschere Schtetl

Nur noch wenige Jüdinnen und Juden leben in Kazimierz, dem Krakauer Quartier, das sie einst prägten. Trotzdem boomen Lokale, in denen Klezmermusik gespielt wird. Und ein neuer Antisemitismus.

Von Piotr Dobrowolski

Ein Name, unzählige Assoziationen: Kazimierz, der Drehort von «Schindlers Liste». Kazimierz, das letzte in seiner Bausubstanz erhaltene Schtetl Osteuropas. Kazimierz, ein Ort, über dem bis heute der Fluch des Holocaust schwebt. Kazimierz, ein Stadtviertel, in dem man sich so schnell wie sonst nirgendwo betrinken kann.

Die letzte Charakterisierung kommt aus dem Mund eines Mannes, der den früheren jüdischen Stadtteil von Krakau kennt wie kaum ein anderer. Henryk Halkowski, Philosoph, Publizist, Architekt und Jude - einer der letzten hier. Seit Kazimierz nach einer neuen Identität zwischen Gedenkstätte, Boom Town und dem Kitsch der unzähligen Klezmerkneipen sucht, ist Henryk Halkowski eine gefragte Auskunftsperson. Seit Jahrzehnten lässt ihn das Viertel, in das er nach ursprünglichem Zögern gezogen ist, nicht mehr los: «Kazimierz war einst eines der wichtigsten Zentren des jüdischen Geisteslebens überhaupt. Im 15. und 16. Jahrhundert sind hier die entscheidenden Gedanken des Judentums gedacht und niedergeschrieben worden. Krakau und Kazimierz, das war das Tor des Judentums nach Europa. An das Grab des Wunderrabbiners Mosche Isserles-Remuh pilgern bis heute Juden aus der ganzen Welt.»

Heute, nach Jahrzehnten des Verfalls, lebt Kazimierz allmählich wieder auf. Rund 70 000 Juden und Jüdinnen wohnten vor dem Zweiten Weltkrieg in dem engen Viertel. Die deutschen Besatzer deportierten sie zunächst in ein Ghetto jenseits der Weichsel, dann ermordeten sie einen grossen Teil, viele davon im nur sechzig Kilometer entfernten KZ Auschwitz. Nach dem Krieg wurde das verwaiste Viertel zu einem realsozialistischen Slum, zum verfallensten Stadtteil von Krakau. Wer hierher zog, tat es, weil er nirgendwo anders hinkonnte. Aus dem einstigen Schtetl wurde ein Bezirk von AlkoholikerInnen, Kleinkriminellen, Outlaws. In den Synagogen hausten Katzen und Ratten. Nur zwei Bethäuser wurden noch ab und zu genutzt - wenn die auf knapp zweihundert Menschen dezimierte jüdische Gemeinde Krakaus einen hohen Feiertag zu begehen hatte.

Hippe Wohnadresse

Erst nachdem Steven Spielberg 1993 mit dem Film «Schindlers Liste» den Stadtteil in die Erinnerung der Welt gerufen hatte, wachte das Viertel aus seinem wodkaschweren Schlaf auf. Erste Lokale entstanden, die mit TouristInnen ein gutes Geschäft machten: Zu Klezmermusik servierten PolInnen, die bislang nie etwas mit Judentum am Hut hatten, gefilten (gefüllten) Fisch und Tscholent - Gerichte, die auf kleinstem Feuer stundenlang geschmort werden. Inzwischen ist es unter den betuchteren KrakauerInnen schick, sich in Kazimierz beim Abendessen sehen zu lassen, und als Wohnadresse ist der Bezirk insbesondere unter der örtlichen Boheme seit einiger Zeit regelrecht hip geworden. Auch das Ende der achtziger Jahre initiierte Festival der jüdischen Kultur bringt Kazimierz Interesse ein: Zu Beginn eine Insiderveranstaltung einiger IdealistInnen, gilt es heute mit 150 Veranstaltungen als eines der kulturellen Topereignisse in der Stadt.

Verfall und Renovierungswut

Henryk Halkowski sieht den Boom mit gemischten Gefühlen. Warum, das erklärt er mit Hilfe einer Anekdote: «Der erste Bürgermeister von Tel Aviv hat einmal gesagt, Tel Aviv werde so lange keine echte Stadt sein, solange es hier nicht zumindest einen echten Dieb gibt und eine echte Prostituierte. So gesehen habe ich mich über die ersten Lokale, die ersten Konzerte im Rahmen des Festivals gefreut, die gehören doch auch zu einer lebendigen Stadt dazu. Doch wenn jetzt alte Häuser aus dem 18. Jahrhundert unter dem Vorwand der Restaurierung innen ausgehöhlt werden, wenn dabei die letzten Holztürstöcke durch Metall oder Plastik ersetzt werden, dann weiss ich nicht mehr so recht, was schlimmer ist: der Verfall der letzten Jahrzehnte oder die Renovierungswut der letzten Jahre.»

Noch beschränkt sich die Renovierungswut, von der Halkowski spricht, freilich auf die zentrale Szerokastrasse mit ihren Kneipen und auf einige wenige Wohnhäuser. In den engen Nebengassen von Kazimierz nagt der Zahn der Zeit nach wie vor an den niedrigen Häusern. Die Fenster sind vielfach mit Brettern zugenagelt, in den Treppenhäusern liegt Schutt. Am Plac Nowy steht immer noch unverändert die alte Markthalle, in der vor dem Krieg die Jüdinnen und Juden von Kazimierz ihr koscheres Fleisch kauften. Doch heute ist weder das Fleisch, das in der Halle verkauft wird, koscher, noch wird es von jüdischen Schächtern verkauft, von denen es hier einst so viele gab.

Am Stand neben dem Eingang der Markthalle steht ein Fleischhauer aus Wieliczka, der jeden Tag die zwanzig Kilometer nach Krakau zurücklegt, um gemeinsam mit seiner Frau seine Ware zu verkaufen. Heute hängen Fleck und Lunge auf den riesigen Fleischerhaken hinter ihm. Über die Juden, die in Kazimierz einst gelebt haben, will der Mann nicht reden, auch nicht über die Versuche, dem verfallenden Bezirk etwas von seinem äusseren Glanz zurückzugeben: «Was geht mich das an? Wenn die Juden sich das wieder herrichten wollen, meinetwegen, ich habe jedenfalls nichts davon.»

Ablehnung, Misstrauen, bestenfalls Gleichgültigkeit scheinen in Kazimierz, wie anderswo auch, immer noch das Verhältnis zwischen PolInnen und den wenigen noch lebenden polnischen Juden und Jüdinnen zu prägen. Nicht immer sind die PolInnen daran interessiert, die Erinnerung an das jüdische Leben im Land und die Tragödie des Holocaust aufrechtzuerhalten. Vor der Schindler-Fabrik, die noch weitgehend unverändert in der Lipowastrasse steht, wurde inzwischen immerhin eine Gedenktafel angebracht: «Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt», sagt der Talmudspruch auf der Tafel.

Über tausend Jüdinnen und Juden hat der deutsche Fabrikant Oskar Schindler vor dem Tod bewahrt, indem er sie auf seine legendäre Liste nahm: die Liste jener ArbeiterInnen, die in seiner Fabrik beschäftigt waren und die er nicht zuletzt durch Bestechung der SS vor der Deportation in die Konzentrationslager bewahren konnte.

Neuer Antisemitismus

Heute sieht man BesucherInnen an der historischen Stätte nicht gerne. Die Tafel an der Hausmauer - die übrigens die jüdische Gemeinde von Krakau und nicht etwa die Stadtverwaltung anbrachte - darf zwar fotografieren, wer bis hierher vordringt; die Besichtigung des Fabrikinneren ist indes verboten: Security-Leute bewachen den Eingang. Manche von ihnen sind allerdings nicht allzu streng: Gegen ein kleines Entgelt, manchmal auch umsonst, lassen sie vereinzelt BesucherInnen hinein, freilich nicht ohne ihnen vorher verschwörerisch zuzuraunen: «Aber seien Sie bitte ganz leise! Machen Sie ja kein Aufsehen!»

Dass die Warnung mehr ist als pure Show, um ein höheres Trinkgeld herauszuschlagen, zeigt sich sehr schnell. Der Fabrikangestellte, der unerwartet aus einem Nebenraum auftaucht, kann sich angesichts der unerlaubten Gäste auf dem Gelände kaum fassen vor Erregung: «Was wollen Sie hier? Aha, Sie sprechen Polnisch? Aber Sie sind bestimmt kein Pole! Es kommen zu viele fremde Leute hierher. Die schnüffeln herum, machen unser Land schlecht und wollen dann auch noch alles hier aufkaufen.»

Das ist polnischer Antisemitismus anno 2005: Auch wenn laut der jüngsten Volkszählung sich in ganz Polen gerade mal 1100 Menschen als jüdisch deklariert haben, ist der polnische Antisemit überzeugt: Eine jüdische Weltverschwörung aus Leuten, die, so der Standardsatz, «zwar Polnisch sprechen, aber keine Polen sind», will Polen wirtschaftlich ruinieren und hält die Erinnerung an den Holocaust nur deshalb hoch, um dem Ansehen des Landes in der Welt einen Schaden zuzufügen. Von acht Prozent auf sechzehn Prozent ist während der letzten zehn Jahre in Polen die Zahl jener Menschen gestiegen, die sich offen als antisemitisch bezeichnen. Die meisten von ihnen leben in einem Dorf oder in den kleinen Städten des Südostens, in jenem Galizien also, das vor dem Zweiten Weltkrieg Heimat unzähliger Juden und Jüdinnen gewesen ist.

Doch der polnische «Antisemitismus ohne Juden» ist nur die halbe Wahrheit, die andere Hälfte fasst Henryk Halkowski so zusammen: «Es gibt auch den Trend, dass sich sehr viele Polen für das Judentum zu interessieren beginnen, auch oft irgendwelche versteckte jüdische Wurzeln in ihren Familien entdecken. Das ist einerseits gut, denn es ärgert mich, wenn man Polen nur als einen einzigen riesigen jüdischen Friedhof sieht. Andererseits stört mich dieser ganze offensive Philosemitismus. Ich will hier ganz normal leben - weder gehasst werden noch als ein Unikum verehrt, aber wahrscheinlich ist das zu viel verlangt.»

«Wir sind hier die Letzten»

Jan Lieban, der sich als Pförtner in der Remuh-Synagoge ein paar Zloty zu seiner Pension dazu verdient, ist wie Henryk Halkowski ein alteingesessenes Mitglied der jüdischen Gemeinde von Kazimierz. Was der Mittfünfziger Halkowski aus Erzählungen der Eltern als düsterstes Kapitel seiner eigenen Familiengeschichte kennt, hat der 83-jährige Lieban am eigenen Leib erfahren: den Nazieinmarsch in Krakau, die Vertreibung ins Ghetto, die Arbeit in Schindlers Fabrik, die ihn zunächst vor der Verschleppung ins KZ schützte, die Deportation letztlich aber doch nicht verhindern konnte.

Versuche, die jüdische Kultur in Kazimierz wenigstens in Ansätzen wieder auferstehen zu lassen, freuen Lieban, grosse Hoffnungen knüpft er daran dennoch nicht: «Wir sind hier die Letzten, mein Sohn ist fünfzig und gehört schon zu den Jüngeren in der Gemeinde. Wenn die Gemeinde nicht noch stärker schrumpft, dann nur, weil ab und zu jemand einwandert: aus Russland, aus der Ukraine.» Doch wirklich attraktiv für jüdische Einwanderer aus dem Osten sei Polen nicht. «Das Schlimmste ist die Arbeitslosigkeit. Vor der Wende gab es auch Probleme, aber wir lebten besser.» Heute, sagt Lieban, sei niemand mehr sicher, ob er am Ende der Woche noch seinen Job haben werde. Und Rentner wie er könnten sowieso nur dann überleben, wenn sie von der Familie unterstützt würden oder irgendwo einen Nebenverdienst hätten, und sei es als Nachtwächter.

Liebans Lebensgeschichte ist nicht untypisch für jene polnischen Juden und Jüdinnen, die den Holocaust überlebt hatten und sich danach entschlossen, Polen doch nicht zu verlassen. Als Angehöriger der Miliz war Lieban am Aufbau der neuen Ordnung in Polen aktiv beteiligt. Der Kommunismus schien ihm der einzige Ausweg, damit sich der Schrecken der Judenverfolgung nicht wiederholt. Auch wenn er heute immer noch so denkt - ungebrochen ist der Glaube nicht. 1968, als während eines parteiinternen Machtkampfs die «nationale Fraktion» um Innenminister Mieczyslaw Moczar eine offen antisemitische Kampagne startete, verlor Lieban, wie viele andere polnische Juden, seinen Posten. Der Auswanderungswelle nach Israel, die dann einsetzte, schloss sich Lieban dennoch nicht an. Krakau, Kazimierz, das war trotz allem seine Heimat.

Heute kassiert der 83-Jährige am Eingang der Remuh-Synagoge Eintrittsgeld von den BesucherInnen, teilt an Männer Kipas als Kopfbedeckung aus und öffnet die Pforten des neben der Synagoge gelegenen historischen Friedhofs, wenn jüdische Schüler- und Studentinnengruppen aus den USA kommen. Dann ist plötzlich das Gelände der Synagoge voll mit jungen Stimmen - bis die Geschichtsstunde vorbei ist und die Gruppe zum nächsten Besichtigungspunkt eilt.

Die Geschichte zurückholen

Mehr junge Juden in Kazimierz, das würde sich Henryk Halkowski auch wünschen. Doch er weiss zugleich, dass Polen weder die finanziellen Mittel noch den politischen Willen hat, jüdische Einwanderung ins Land zu unterstützen. Dennoch will er die Zukunft von Kazimierz nicht auf die Frage reduzieren: Museum oder lebendiges Stadtviertel? «Natürlich soll dieses Stadtviertel endlich leben, aber es gibt unterschiedliche Formen von Leben, nicht nur Eventkultur wie Kneipen oder Konzerte. Warum sollte nicht gerade hier ein Zentrum entstehen, das sich mit der jüdischen Geschichte Krakaus beschäftigt?» Zurzeit sind alle Akten und Materialien, die das jüdische Krakau betreffen, in der Warschauer Nationalbibliothek untergebracht. Wenn ein Krakauer Historiker darüber forschen will, muss er nach Warschau fahren. «Das ist doch absurd», findet Halkowski. «Käme das ganze Material hierher, würde uns das sicher mehr von unserer Geschichte wiedergeben als die zwanzigste Klezmerkneipe, die in der Szerokastrasse aufmacht.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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