Zeitdiagnostik: Kindsköpfe an die Macht
In der gegenwärtigen Krise haben infantile Faschisten und Techbros Oberwasser, es floriert eine Massenkultur der Kindheitsnostalgie. Warum ist das Erwachsensein zum Feindbild geworden?
Kurz nach dem Beginn des Krieges gegen den Iran veröffentlichte das Weisse Haus auf seinen offiziellen Social-Media-Kanälen ein Propagandavideo mit dem Kommentar «Justice the American Way». Zu sehen war ein schneller Zusammenschnitt von Szenen aus Comicverfilmungen wie «Iron Man», «Transformers» und «Deadpool», von William Wallace aus «Braveheart» und Walter White aus «Breaking Bad», dem Anime «Yu-Gi-Oh!» und «Top Gun» sowie realen Raketenangriffen und Explosionen. Die US-Regierung hatte zuvor bereits die Cartoonfigur Spongebob für Memes über die Angriffe benutzt oder auch Ausschnitte aus dem Videospiel «Call of Duty». Der Krieg als Fiebertraum eines pubertierenden Teenagers.
So befremdlich diese infantilen Fantasien wirken, sosehr sie den Geboten der Ernsthaftigkeit und des Anstands angesichts der globalen Krisensituation widersprechen: Sie sind erfolgreich. US-Präsident Donald Trump, auf den diese Kommunikation zugeschnitten ist, wurde mit genau dieser schäbigen Trotzhaltung zur Galionsfigur der globalen Rechten, zusammen mit anderen kindischen Figuren wie dem feixenden Javier Milei und seinem Kettensägenspielzeug oder dem «manchild» Elon Musk.
Es ist eine Männerriege an Kindsköpfen, die eine Herrschaft der Unvernunft und Verantwortungslosigkeit durchsetzt. Dass sie an der Macht ist, lässt sich nicht nur mit Abstiegsängsten und «Zerstörungslust» erklären, wie es die Soziolog:innen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey versuchen. Der Erfolg dieser Rechten basiert auch nicht auf dem blossen Racheversprechen für den «geraubten Stolz», wie es in der gleichnamigen Studie von Arlie Russell Hochschild heisst. Vielmehr zeigt sich daran eine Gegenwart, die das Erwachsensein zum Feindbild auserkoren hat und Freiheit gegen intellektuelle Reife, Selbstreflexion sowie die Verantwortung und Sorge um sich wie andere ausspielt. Wie funktioniert dieses kulturelle Versprechen, nicht erwachsen werden zu müssen, und warum ist das Ressentiment gegen das Erwachsensein so erfolgreich?
Das innere Kind auf dem Markt
Vor ein paar Monaten lief die letzte Staffel der Netflix-Erfolgsserie «Stranger Things», die wie kaum ein anderes Kulturprodukt für das Revival wohliger Kindheitserinnerungen an die achtziger Jahre stand. Seit ihrem Start 2016 war dabei eine Sache augenfällig: Einerseits bediente sie das Bedürfnis nach jener Retro-Feel-Good-Stimmung. Andererseits war die Geschichte der minderjährigen Held:innen im Kampf gegen den Gedankenschinder in der Unterwelt ihrer US-Kleinstadt eine drastische Gewalt-, Horror- und Gore-Inszenierung. Besonders die letzte Staffel lebte ebenso vom Vibe der analogen Kindheit, von dem Gefühl von Gruppenzugehörigkeit und schnellen Dialogwechseln zwischen Freund:innen wie von Massenexekutionen, Folter, Misshandlungen und Traumata.
Dass sich Menschen von Abgründen angezogen fühlen, ist ein Symptom des Unbehagens am gegenwärtigen Krisenkapitalismus. Aus demselben Grund entspannen wir uns gern mit True-Crime-Podcasts bei grausamen Verbrechen oder verlieren uns in düsteren Computerspielwelten. Das Abgründige spricht jenes dumpfe Gefühl an, dass irgendetwas mit der Normalität nicht stimmt, in der unser Alltag trotz Katastrophen zwischen Krieg und Klimakollaps weiterläuft. Hinter der Fassade ist die Welt, in der wir leben, eigentlich schon ein Inferno, und diese Hölle stehen wir am besten als Kinder durch – so die seltsam beruhigende Botschaft von «Stranger Things». Entsprechend endete die Serie auch an jenem Punkt, an dem die Protagonist:innen der Kindheit entwachsen waren und an der Schwelle zum Erwachsensein standen – an dem Punkt also, an dem das durchschnittliche Zielpublikum ebenfalls stehen geblieben sein dürfte: der Postadoleszenz.
Kaum anders lässt sich erklären, dass ein beträchtlicher Teil der Kulturindustrie auf diese Lebensphase zugeschnitten zu sein scheint. Sie rechnet mit Menschen, die sich in ihre Schulzeit zurückwünschen, die die ewigen Lausbubenwitze von Comedians zum Lachen bringen, die mit vierzig noch die Mode von Fünfzehnjährigen tragen, Lego-Sets «für Erwachsene» bauen, Gamer oder Nerds geblieben sind, sich mit «Star Wars» und Pokémon auskennen und die psychische Instanz des «inneren Kindes» vor die Autorität des Über-Ichs stellen. Sie rechnet also in grossem Masse mit Männern, die nicht erwachsen werden.
Die Lebensrealität dieser «jungen Erwachsenen» sieht oft so aus, dass sie kaum jemals die sogenannte zweite Lebenshälfte erreichen. Wem genügend und geregeltes Einkommen für Hauskauf und Familienplanung fehlt, für den hat die bürgerliche Gesellschaft eigentlich keinen Zukunftsentwurf oder eine Entwicklungsperspektive zu bieten. Diese prekären Lebensverhältnisse bedeuten real einen Autonomieverlust, der sich etwa auch in die Kindererziehung überträgt: Die wenig Besitzenden ziehen ihre eigenen Kinder «bindungsorientiert» und mit viel «Liebe» auf, sprich Abhängigkeit, weil ihnen kein Erbe bleibt, das genug Druck aufbauen könnte, eine Familienlinie in die Zukunft zu verlängern.
Die Kindgebliebenen trösten sich über diesen Zustand etwa mit filmischer Nostalgie wie in «Stranger Things» oder den zahlreichen Remakes von Marvel bis Disney. Auch der mittlerweile grösste Unterhaltungsmarkt Computerspiele kultiviert verlässlich das Retrogaming, also die Rückkehr zu den Spieletiteln der eigenen Kindheit bis zu deren Neuauflagen in konserviert erneuerter 2-D-Optik oder der Fortführung beliebter Spielereihen, die mit «Super Mario», «Sonic» oder «Minecraft» längst auch ins Kino reichen.
Bei diesen Verlängerungen der Vergangenheit in die Zukunft geht es allerdings um mehr als nur um eine romantische Realitätsflucht in die Nostalgie. Jener vergangene Zustand soll weitergehen, ewig werden. Diese paradoxe Figur wird deutlich an einem anderen Kulturphänomen, das die retromanischen Millennials wie ein Mantra begleitet: das Bekenntnis zum «persönlichen Wachstum». In Psychologie- und Mental-Health-Podcasts, Selbsthilfeliteratur und nicht zuletzt dem Reality-TV wird diese Formel immer wieder beschworen. Demnach ist das Leben eine «Reise» der Persönlichkeitsentwicklung, für die möglichst authentische Erfahrungen (in Abgrenzung zum Fake der sozialen Medien) gesammelt und auf einer «Bucket List» vorgefertigter Erlebnisse abgearbeitet werden müssen. Zu dieser Arbeit gehören Reisen ebenso wie die psychologische Arbeit an sich selbst, um als Person zu wachsen.
Man könnte meinen, dass dieses Wachsenwollen eine Orientierung auf die Zukunft hin und einen Prozess der Reife ausdrückt. Bei genauerem Hinsehen geht es dabei aber darum, eine «bessere Version» von sich selbst zu werden, also um eine Optimierung des Status quo. Diese leere Bewegung des Wachstums ist der auf ewig wiederholten Vergangenheit sehr ähnlich. Wachstum ist nur noch die Chiffre einer fortgeführten Bewegung, um das Bestehende zu bestätigen. Persönliches Wachsen meint Selbstbehauptung, begleitet von einer Kultur der Affirmation, des «Sei du selbst»-Marketings und des lügenden Chatbots, die einem als Therapieersatz spiegeln, dass mit einem alles stimmt, einem Gemeinplatz der Selbstdiagnostik und der Awareness-Vorgaben. Der Zusammenhang all dieser Phänomene liegt, einfach gesagt, in der Kulturindustrie: in der Produktion der Kultur entsprechend den bestehenden gesellschaftlichen Produktionsbedingungen.
Enteignung der Zukunft
Die Pointe an der Diagnose der Kulturindustrie aus der «Dialektik der Aufklärung» (1944) von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno ist gerade, dass sie eine Art Richtigstellung der konservativen Kulturkritik war, die von den 1920er Jahren an und in der «Krise der Moderne» Hochkonjunktur erlebte. Gegenüber dem kulturpessimistischen Gejammer über die zersetzende Kraft der Moderne, das ein Revival im Antichristwahn des libertären Techunternehmers Peter Thiel oder in der «dunklen Aufklärung» der Neoreaktionären wie Curtis Yarvin und Nick Land erlebt, war jene Diagnose, die Adorno und Horkheimer Kulturindustrie nannten, der materialistischen Aufklärung verpflichtet. Dem «Massenbetrug», wie es im Untertitel des entsprechenden Aufsatzes heisst, lag eine kapitalistische Absatzkrise zugrunde, in der die Kultur als ein neuer Markt für den Konsum erschlossen werden musste.
Ganz ähnlich deutet Anna Kornbluh in ihrem fulminanten Essay «Immediacy» 2024 die Unmittelbarkeitsästhetik des gegenwärtigen Krisenkapitalismus, nämlich als Ausdruck einer beschleunigten Warenzirkulation. Das Wirtschaftswachstum stagniere, daher müsse der Warentausch einfach schneller vonstattengehen, um noch Profit abzuwerfen. Das Zeichen dieser Krise sei daher das Verschwinden der Vermittlung. Die Unmittelbarkeit zeige sich in der Allverfügbarkeit von Streamingcontent, an der parasozialen Nähe im Influencermarketing ebenso wie in autofiktionaler Literatur, die unmittelbar vom eigenen Erleben auf die Welt schliesst, und den immersiven Erfahrungswelten.
Das sind die Kulturprodukte einer Akkumulationskrise der Gegenwart. Wo sich der reale Fluss des globalen Kapitals nicht weiter ausbreiten kann und stagniert, sind kulturelle Erzeugnisse zu einem immerwährenden Stream der Wiederholung und Neuzusammensetzung geworden. Aber schon Adorno meinte zu dieser vermeintlichen Vielfalt: «Das unablässig Neue, das sie offeriert, bleibt die Umkleidung des Immergleichen; überall verhüllt die Abwechslung ein Skelett, an dem so wenig sich änderte wie am Profitmotiv selber, seit es über Kultur die Vorherrschaft gewann.» Wie sehr «wir» und unser intensives Erleben auch im Mittelpunkt der Kulturprodukte stehen: Dahinter steht das immer gleiche Motiv, Absatz in der Stagnation zu generieren.
Dieser ökonomische Zusammenhang ist die wirkliche Grundlage der Wahrnehmung, in der aktuellen Krise wäre das Versprechen auf Fortschritt, Aufstieg und ein besseres Leben in der Zukunft gebrochen, wie es etwa Amlinger und Nachtwey immer wieder als Ursache für den globalen Rechtsruck anführen. Statt Wachstum gibt es radikale Gegenwart als immer intensiveres Erlebnis, in dem die Vergangenheit dauernd wiederholt wird. Das Ergebnis ist jene Retromanie der ständigen Remakes und Reminiszenzen an eine Zeit, in der die Welt noch in Ordnung schien – also vom Übergang der Achtziger in das «Ende der Geschichte» über das Millennium bis in die nuller Jahre. Durch diese andauernde Wiederholung entsteht «ein Leben voller grossartiger Geschichten», wie sich der Streamingdienst des zeitlosen Disney-Imperiums jüngst selbst darstellte. In der dazugehörigen Werbung sehen wir eine Millennialfrau mit den Disney-Klassikern aufwachsen, sich verlieben und eine Familie gründen, mit der sie dann dieselben Filme noch einmal schauen kann: «Manche Geschichten sind so grossartig, dass sie dich nie wieder loslassen», heisst es dazu passend bedrohlich.
Doch in einer Welt, wo jede Veränderung fast notwendig als eine zum Schlechteren erwartet wird und wir über Stagnation schon froh sein können, verkehrt sich die Drohung der ewigen Gegenwart selbstverständlich in das Heilsversprechen der Beständigkeit. Die Möglichkeit aber, sich selbst in eine gestaltbare Zukunft zu denken, ist gewissermassen die Grundlage des Erwachsenseins. Die Abwesenheit einer solchen Zukunft bedingt daher die Krise des Erwachsenseins, nicht bloss als eine fehlende Idee oder Vision, sondern als wirkliche Enteignung.
Die gesellschaftliche Linke hat diesen Zustand in aller Härte zu spüren bekommen. Galt zum Millennium noch die Losung der Globalisierungskritik «Eine andere Welt ist möglich», ist man mittlerweile dabei, wohlfahrtsstaatliches Minimum und bestehendes Recht als progressiven Horizont zu verteidigen. In dieser Situation wird schon lange beklagt, der Linken fehle es an einer Zukunftsvision, um die Massen zu bewegen. Unter den Bedingungen der strukturellen Zukunftslosigkeit lässt sich eine solche Vision nicht einfach aus dem Hut zaubern, jedenfalls nicht ohne selbst Teil des Massenbetrugs zu werden. Aber die Klage drückt zu Recht aus, dass die Abwesenheit von Zukunft real ohnmächtig werden lässt. Und wie Adorno und Horkheimer ebenfalls in der «Dialektik der Aufklärung» schreiben: «Ohnmacht zieht den Feind der Ohnmacht an.»
Die Kleine-Jungs-Fantasie
Eine solche Feindschaft gegen die Ohnmacht liegt auch der gegenwärtigen Regression zugrunde. Hier hat Ohnmacht eine konkrete Erscheinungsform: den Liberalismus. Die Feinde der Ohnmacht sind daher antiliberal, ein Ressentiment, das der Kulturphilosoph Alexander García Düttmann bezeichnenderweise zum «Lob der Jugend» verklärte. In seinem gleichnamigen Essay aus dem Jahr 2021 erklärte er die Krise der Gegenwart folgendermassen: «Die Jugend ist tot, weil sie sich […] mit den Eltern verbündet hat.» Statt also den schöpferisch-destruktiven Impulsen und Affekten zu folgen, die der Autor in das Jugendphantom hineinwünscht, habe sie sich von den Eltern einlullen lassen. Deren Herrschaftsform, die liberale Demokratie, erzeuge daher eine «behütete und bewahrte Jugend […] ohne mitreissenden Affekt und ohne blinde Leidenschaft».
Düttmann spielt damit auf die weitverbreitete Vorstellung an, Erwachsenwerden bedeute im Kern, sich mit dem unveränderbaren Zustand der Welt abzufinden, wohingegen Figuren wie Peter Pan uns etwa zeigten, dass man sich etwas Kindliches und Unangepasstes bewahren solle. Die Jugend wird also zur Chiffre einer Zertrümmerung jener «Gegenwart, die sich als ausweglos erfährt, ohnmächtig gegenüber dem Ernst des Lebens». Solche Impulse der Disruption sind wir mittlerweile von den libertären Faschist:innen gewohnt, die liberale Staatlichkeit und ihre Agenten in Verwaltung und Zivilgesellschaft zerschlagen wollen und gegen Diversity, rechtliche Gleichstellungen oder «Genderwahn» aufbegehren.
Ist Mileis Kettensäge nicht ein vitaler Impuls gegen die bürokratische Lähmung des Lebendigen? Und gilt für Trumps militärische Brüche mit der «regelbasierten» Ordnung nicht dasselbe? Was sich momentan als extreme Rechte formiert, verkauft sich als ein kindisches Aufbegehren gegen die Ohnmacht: ein Ausbruch aus dem Korsett der zivilisatorischen Triebunterdrückung und Sublimierung, die befreiende Verantwortungslosigkeit und Indifferenz gegenüber den Bedürfnissen anderer: «Take back control», Resouveränisierung, Disruption, «Justice the American Way», «Niemand hält uns auf!».
Es ist schliesslich kein Wunder, dass diese Regression als eine Fantasie kleiner Jungs daherkommt. Gegen den Stillstand der zukunftslosen Gegenwart opponiert die infantile Allmachtsfantasie, die keine Empathie und Konsequenzen kennt. Zu ihr gehört, diejenigen zu bestrafen und zu demütigen, die einem die eigene Grenze aufzeigen. Daher gründet der Siegeszug der Rechten auch auf einer Internetkultur der gehässigen Memes und dem konzertierten Mobbing und Bullying gegen alles Progressive. In ihrem Buch «Bitch Hunt» stellte Veronika Kracher jüngst diesen Zusammenhang an der Massenfaszination von Frauenhass deutlich heraus: Der Feldzug der Rechten gegen liberale Rechtsstaatlichkeit und «woke» Kultur funktioniert analog zu den Incels und Gamern, die online Shitstorms gegen Frauen und «Social Justice Warriors» zelebrieren, weil ihnen diese wie die «Neuauflage der strengen Eltern, die ihren Söhnen das Zocken verbieten wollen», erscheinen. So wurde etwa die Medienkritikerin Anita Sarkeesian massenhaft mit Beleidigungen und Morddrohungen überschüttet, weil sie als Frau den Sexismus in der Spieleindustrie anprangerte. Denn so wie die Eltern früher wollte nun Sarkeesian angeblich den Gamern «das Spielen ruinieren, nur dass sie statt dem Killerspiel-Vorwurf den des Sexismus macht», so Kracher.
Hier fällt eigentlich alles zusammen: der Anspruch, unbeirrt von jeder Selbstreflexion weitermachen zu können; das antiliberale Gehabe gegen die spielverderbende Ordnung der Eltern; die Gewaltförmigkeit des Killerspiels, die jenen «Ernst des Lebens» spiegelt und auf der man mit Bombardierung, Abschiebung und Grausamkeit beharrt – und die Misogynie. Denn aus Sicht der Kindermänner sind Frauen entweder Objekte der eigenen Handhabe oder sollen der Selbstbestätigung dienen. Wo sie sich widersetzen, kritisieren, Autonomie fordern, müssen sie bestraft werden. Selbst solche faschistischen Figuren wie die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni oder die AfD-Bundessprecherin Alice Weidel bilden dazu nur die bestätigende Ausnahme. Ihre kühle Ernsthaftigkeit und Kontrolliertheit sind nicht die Antithese zur wütenden Unvernunft der Kindsköpfe, sondern demonstrieren eher die mütterliche Opferbereitschaft, die patriarchale Herrschaft bedingungslos zu akzeptieren.
An der Ohnmacht ändert all das nichts. Die strukturelle Zukunftslosigkeit ist im Wahn des radikalen Hier und Jetzt eingepreist. Die Demütigung, trotz der formalen Bedingungen der Selbstbestimmung (als chancengleicher Bürger in einer demokratischen Selbstregierung) ein «erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen» (Karl Marx) zu sein, besteht fort. Das Patriarchat, von dem die Kindermänner profitieren, hält die Ordnung am Laufen, die auch ihnen jede Zukunft nimmt. Faschismus bleibt konformistisches Rebellentum. Was er verspricht, ist nicht, der Unmündigkeit und Ohnmacht zu entwachsen, sondern im Gegenteil, einfach bleiben zu können, wie man ist – zu reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist, und all jene aus dem Weg zu räumen, die einem das Gegenteil abverlangen könnten.