Serie: Gutes Chaos, böses Chaos

Nr. 2 –

Auch zum Finale läuft die Nostalgiemaschine von «Stranger Things» auf Hochtouren, hält aber auch mitreissende Botschaften für die Gegenwart parat.

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Videostill aus der TV-Serie «Stranger Things»: junge Personen sitzen an einem Tisch und halten sich die Hände und starren zur Decke
Gleichgeschaltete Kleinstadtkinder: «Stranger Things» beschwört den Zeitgeist der achtziger Jahre herauf, mit Kaltem Krieg und Synthiepop. Still: Netflix © 2025

Erfreulichere Meldungen geraten gerade mal wieder rasch aus dem Blick: etwa die, dass US-Präsident Donald Trump zum Jahreswechsel angekündigt hat, die Nationalgarde aus Chicago, Los Angeles und Portland abziehen zu wollen. Deren Entsendung in die von den Demokrat:innen regierten Grossstädte war gemeinhin als weitere Eskalationsstufe beim Abgleiten der USA in Richtung Autoritarismus verurteilt worden. Sollten die Truppen wirklich abrücken, wäre dies eine gute Nachricht für das Land.

Die Fiktion ist der Realität derweil bereits einen Schritt voraus. Aus der Kleinstadt Hawkins, die fast zehn Jahre lang Schauplatz von «Stranger Things» war und in dieser Zeit vom Militär besetzt wurde, ist die Army nämlich schon jetzt verschwunden – der über den Ort hereingebrochene Schrecken hat also erst einmal ein Ende, zumindest so viel steht fest nach der allerletzten Folge der Netflix-Serie. Das an Neujahr veröffentlichte Finale fand nicht überall Anklang, online werden (vermeintliche) Plotlöcher hitzig diskutiert. Nicht überraschend bei einem Phänomen, dem weltweit Millionen mitunter obsessiv folgen und das zum Megafranchise samt Spin-offs aufgebläht wurde (ein Broadwaymusical gibt es schon, eine Animationsserie folgt noch dieses Jahr).

Welt am Abgrund

Die in den vordigitalen 1980er Jahren spielende Mysterygeschichte erzählt von einer Gruppe Heranwachsender, deren Heimatort von kosmischen Kräften heimgesucht wird. Hawkins ist nämlich verschaltet mit einem Paralleluniversum, dem «Upside Down», aus dem Dämonen ins Kleinstadtidyll dringen – eine Folge geheimer Experimente des Militärs. Dieses will die dunklen Mächte für eigene Zwecke ausbeuten – ein Bestreben, das Gewalten entfesselt, die die Welt in den Abgrund zu reissen drohen, was wiederum die Jugendlichen mit der Hilfe einiger Erwachsener zu verhindern versuchen.

Dieses Szenario ist nun nicht von ungefähr entschieden unoriginell, die Serie zeichnet gerade die Plünderung des popkulturellen Bestands vergangener Jahrzehnte aus: Verweise auf die Achtziger finden sich an allen Ecken und Enden. Am sinnfälligsten ist das bei der Musikauswahl und der Besetzung, wenn etwa Hits von Prince und Kate Bush erklingen und Darsteller:innen und Motive, die man aus Filmen wie «Terminator» oder «E. T.» kennt, auftauchen.

Schon im November beleuchtete ein lesenswerter Beitrag in der «New York Times», wie die von den Brüdern Matt und Ron Duffer in Gang gesetzte Nostalgiemaschine genau funktioniert. Demnach adaptiere «Stranger Things» die Plattformlogik, Nutzer:innen gemäss dem Prinzip «Wenn Ihnen das gefallen hat, werden Sie auch das hier mögen» dazu zu bewegen, möglichst gleich den nächsten Titel im Angebot anzuklicken. Indem die Serie alte Stoffe collagiere, die beim Publikum warme Erinnerungen an vergangene Filmerlebnisse wachrufen, veranschauliche sie, wie im Zeitalter der Algorithmen Popkultur weiterverbreitet und auch -verarbeitet wird: Wenn es generative KI kennzeichnet, bereits Existierendes aufzusaugen, zu verdauen und in neuer Zusammensetzung wieder auszuspucken, so gilt Ähnliches auch dafür, wie die Abenteuer der Kids aus Hawkins inszeniert wurden.

«Stranger Things» allerdings ist natürlich trotzdem um Welten interessanter als die KI-Filmchen, mit denen Content Creator derzeit das Netz fluten. Vor allem ruft die Serie jede Menge Motive an, die ausgedeutet werden wollen. In der letzten Staffel etwa sticht abermals ins Auge, wie rabiat mit dem bereits erwähnten Militär umgesprungen wird: Ohne viel Federlesen murksen ansonsten eher sanftmütige Held:innen Soldaten ab. Die Vaterfigur Jim Hopper (David Harbour) bedient sich dafür des Sturmgewehrs, während sein telekinetisch begabter Schützling Eleven (Millie Bobby Brown) Uniformierten mit blosser Gedankenkraft das Genick bricht.

Dass diese doch recht extreme Gewalt als legitim erscheint, verweist auf den von der Serie heraufbeschworenen Zeitgeist des Kalten Krieges, als die Kritik an den Machenschaften des militärisch-industriellen Komplexes ein Gemeinplatz war, was sich auch in den Fiktionen aus dieser Zeit niederschlug. Nicht zufällig basiert auch die neue HBO-Serie «It. Welcome to Derry», ein Prequel zu Stephen Kings Horrorroman von 1986, auf exakt demselben Topos.

Am Spieltisch im Hobbykeller

Im Fall von «Stranger Things» ist die Darstellung des Militärapparats aber nicht nur ironische Referenz, sondern steht im Dienst der zentralen Botschaft der Geschichte. Diese lässt sich als Plädoyer dafür lesen, Mut zu einem möglichst unangepassten Leben zu haben, was in der letzten Folge auch explizit ausgesprochen wird. Darin hält ein Schüler eine Rede, die im Ausruf «Screw the system! Screw conformity!» mündet. Der Ausbruch ist nur folgerichtig, hatte der junge Mann doch lang genug am Treiben der Streitkräfte beobachten können, welche Folgen die bedingungslose Einordnung in einen hierarchischen Apparat zeitigt.

Demgegenüber besteht die Gruppe der Held:innen aus jugendlichen Aussenseiter:innen, die sich für Fantasy begeistern, und verschrullten Erwachsenen, die Traumata mit sich herumschleppen. Zur Einheit wird dieser Haufen nicht dadurch, dass die eigene Individualität verleugnet und soldatische Disziplin geübt wird, sondern indem das Gegenüber mit seinen Stärken und Schwächen akzeptiert wird.

Deswegen dient auch das kooperative Rollenspiel «Dungeons & Dragons» der Erzählung als Leitmotiv – die allerletzte Szene zeigt entsprechend die Kids erneut um den Spieltisch im Hobbykeller versammelt. Genau so hatte alles vor knapp zehn Jahren angefangen. In der Zwischenzeit stritt sich die Gruppe zwar häufig, man tröstete und umsorgte sich aber auch und schmiedete gemeinsam aberwitzige Pläne, um ausweglos scheinende Situationen zu meistern. So wurde sehr viel vom «guten Chaos» freigesetzt, von dem in der antiautoritären Ansprache zum Finale ebenfalls die Rede ist.

Leiden an der Gesellschaft

Vervollständigt wird dieses Bild allerdings erst durch den Antagonisten Vecna alias Henry, der das komplementäre «böse Chaos» repräsentiert. Henry (Jamie Campbell Bower) hatte in der vierten Staffel noch versucht, Eleven für seine Sache zu gewinnen: In einem Monolog gab er sich ebenfalls als Nonkonformist zu erkennen, der unter den gesellschaftlichen Zwängen leidet. «Man wacht auf, isst, arbeitet, schläft, pflanzt sich fort und stirbt», erklärte er damals. «Alle warten bloss darauf, dass alles vorbei ist.»

Henrys Rebellion treibt ihn allerdings in narzisstische Allmachtsfantasien, er wird so zu einem Wiedergänger von Schurkengestalten wie dem Joker aus dem Batmanfilm «The Dark Knight», von Typen also, die die Welt schlicht brennen sehen wollen. Das Aufbegehren kippt hier in Zerstörungswut, zudem reproduziert es die Methoden, die ursprünglich den Impuls zum Widerstand provoziert haben: Um seine eigenen mentalen Kräfte zu potenzieren, manipuliert Henry in der letzten Staffel Kinder und entführt sie ins Upside Down, wo er sie an sein Bewusstsein koppelt und in Marionetten verwandelt. Das kann als Metapher für das Treiben rechtsextremer Rattenfänger gelesen werden, die mehr denn je im Internet (wie das Upside Down ja auch eine Art Parallelwelt) ihre Gefolgschaft rekrutieren und sich dabei ebenfalls zu heroischen Widerständlern stilisieren.

Auch das Dagegensein will also richtig praktiziert werden. Verpackt in all den Bildern aus einer Vergangenheit, in der die Welt noch übersichtlich zu sein schien, liegt eine Botschaft, die kein bisschen überholt ist: Nicht mitmachen ist eine Tugend. Allerdings eine, die es am besten gemeinsam zu leben gilt, allein schon, weil man sich dann nicht ganz so schnell verrennt.

«Stranger Things», Staffel 5. Idee: Matt und Ross Duffer. USA 2025. Netflix.