Literatur : Alles, was mit Wörtern möglich ist
Endlich Ali Smith lesen? Unbedingt! Man muss es ja nicht gleich so besessen nachholen wie unser Autor.
Bücher, heisst es irgendwo bei Ali Smith, brauchen Zeit, um uns zu dämmern. Man könnte es auch umgekehrt sagen: Bücher können warten, sie haben alle Zeit der Welt – und wir sind es, die manchmal etwas länger brauchen, bis sie uns dämmern.
So gesehen war es ein Glück, dass ich viel zu lange brauchte, um endlich bei Ali Smith zu landen. Bei «Gliff» war das, ihrem 13. Roman, der nun, anderthalb Jahre später, auf Deutsch erschienen ist. Ich hätte nicht sagen können, was es war, aber es musste danach gleich noch ein Buch von ihr sein, dann noch eins und noch eins. Ich konnte nicht aufhören, und alle diese früheren Bücher von ihr waren ja schon da und warteten. Ein ganzes Jahr ging das so, dazwischen schob ich auch andere Bücher, schliesslich macht eine solche Fixierung auf Dauer etwas einfältig – und ging dann doch wieder zurück zu Ali Smith, noch eins und noch eins. Es war eine Offenbarung.
Eine Entdeckung? Kann man nun wirklich nicht behaupten. Seit ihrem zweiten Roman («Hotel World», 2001) stand die schottische Autorin viermal auf der Shortlist für den prestigeträchtigen Booker Prize, bekommen hat sie ihn noch nie. In den vergangenen Jahren hat sie auch eindrücklich gezeigt, wie Literatur fast in Echtzeit auf die Gegenwart reagieren kann: Ab 2016 schrieb sie, jeweils im Abstand von einem Jahr, vier lose miteinander verwobene Romane, für jede Jahreszeit einen, in denen sie nebenbei auch die seismischen Verschiebungen rund um den Brexit verarbeitete. Längst zählt die 63-Jährige zu den ganz Grossen der englischen Gegenwartsliteratur. Im deutschsprachigen Raum scheint das bis heute nicht so recht angekommen zu sein. Ob sich das jetzt ändern könnte?
Wut gegen die Maschine
Die Farbe ist noch frisch, als die Kinder nach Hause kommen: eine rote Linie, sauber um das Haus gezogen. Buchstäblich ausgegrenzt, ziehen die beiden Geschwister Briar und Rose mit dem Freund ihrer Mutter weiter. Auf dem Parkplatz eines grossen Supermarkts übernachten sie in seinem Camper, aber am anderen Morgen auch hier das gleiche Bild. Über Nacht hat jemand eine signalrote Markierung um den Camper gemalt.
So fängt das an in «Gliff», mit Linien, die Repression und Ausschluss signalisieren. Wie sie gezogen werden? «Superbe Grenzer», so liest Briar auf dem Gerät, das man sich wohl so ähnlich vorstellen kann wie diese Schubkarren, mit denen Fussballfelder markiert werden. Eine richtige «Schrottmaschine», sagt Briar nach einem Akt der Sabotage auf offener Strasse: «Sind wir es nicht wert, dass man uns mit etwas eindrucksvollerer Technik tyrannisiert?»
Es gibt dann immer beides in «Gliff», die superrudimentäre Begrenzung wie auch die hochtechnisierte Überwachung. Gewalt nur als Zeichen, sie ist erst der Anfang in diesem Roman, dem bislang wohl politischsten aller Bücher von Ali Smith. Worauf sie damit reagiert? Viele Kritiken hätten sich ja darauf festgelegt, dass «Gliff» in Grossbritannien angesiedelt sei, antwortet die Autorin per Mail: «Möglich – aber für mich ist das Buch überall dort angesiedelt, wo es eine Google Map gibt, die uns via Gucci und Chanel zeigt, wo es langgeht.»
Bloss nicht blocken
Ein dystopischer Roman also. Gewöhnlich heisst das: Aus den Echos von heute wird eine unwirtliche, repressive, totalitäre Welt entworfen, damit sich ein heroischer Widerstand dagegen formieren kann. Aber so läuft das nicht bei Ali Smith, die sich als Autorin immer weniger an irgendwelchen Regeln orientiert. Und wenn doch, erfindet sie unterwegs lieber ihre eigenen.
Im Original sticht diese Offenheit in jedem ihrer Bücher sofort ins Auge. Der deutsche Verlag macht das nicht mit, aber auf Englisch sind alle ihre Bücher seit «Hotel World» nicht in Blocksatz gedruckt, wie bei Prosa üblich, sondern geflattert. Wie es dazu kam? «Das ist einfach so passiert, vor 25 Jahren, als eines meiner Bücher ungeblocksatzt gedruckt wurde. Wahrscheinlich, um den Text länger zu machen, als er war? Ein Verlegertrick?» Egal, es schien ihr richtig. Seither gilt bei Ali Smith immer Flattersatz, als visuelles Zeichen einer programmatischen Offenheit, wie sie sagt: «Er fordert das Auge auf, Unterschiede zu akzeptieren. Möge der Block immer entblocken!»
Sie beruft sich auch gerne auf Simone de Beauvoir: Wozu überhaupt einen Roman schreiben, wenn man schon von Anfang an wisse, wo er hinführe? Romane seien elastisch, sagt Ali Smith, das sei eines der Geschenke dieser Erzählform: Sie zeigen uns, dass sich die Dinge immer auch anders ordnen liessen. Und ein Roman suche immer seinen eigenen Weg: «Wenn man das nicht geschehen lässt, arbeitet man nicht richtig mit dem Buch.» Es sei ein wenig, wie auf einem Pferd zu reiten: «Ein Roman ist riesig, viel grösser als du, schwer zu führen, auf natürliche Weise unberechenbar, er liest uns genauso, wie wir ihn lesen, und er ist bereit, mit uns zu arbeiten, solange wir einander respektieren in unserem je eigenen Wesen.»
Die beiden Geschwister in «Gliff», benannt nach einem Song von Tom Waits, sind bald auf sich allein gestellt. Auf einem ehemaligen Schulareal finden sie eine Schar von «Unverifizierbaren», die dort unterm Radar der Überwachung hausen – eine zusammengewürfelte Ersatzfamilie auf Zeit, ein Schutzraum auch vor den staatlichen Zugriffen draussen, die an die ICE-Truppen erinnern. Ein Pferd spielt eine wichtige Rolle, ebenso Max Frisch, später dann: Zeitsprung in eine noch feindlichere Gegenwart. Und dazwischen auch mal eine politische Parabel wie ein Märchen, über einen Herrscher, der von der Asche des Widersachers heimgesucht wird, den er umbringen liess.
So klug, wie sie sind
Das könnte anstrengend sein, dieser Grad von freihändigem Erzählen. Warum es das bei Ali Smith nicht ist? Wer das zu erklären versucht, landet bei Gegensätzen, die bei ihr eben keine sind. Ist das experimentelle Literatur? Irgendwie schon, aber auf sehr beiläufige Weise. Sprachverliebt? Unbedingt, aber nie gekünstelt oder aufgeblasen. Auch dort, wo es um Kunstbetrachtung geht oder philosophisch wird, bleibt der Ton einfach, zugewandt. Das erklärt vielleicht auch, wieso der deutsche Markt immer noch etwas fremdelt mit dieser Autorin. Dass das Ernste auch spielerisch sein kann und das Schwere ganz einfach, das gilt hier immer noch als suspekt.
Ali Smith selbst nennt das Erzählen eine Form von Gastfreundschaft, zugleich archaisch und frisch. Fiktion sei eine Art, einander in einer Geschichte willkommen zu heissen, also immer auch eine Form von Inklusion: «Eine Erzählung, die Menschen ausschliesst, ist keine Erzählung – das wäre dann eher Politik. Eine Erzählung mit einer anderen Agenda als der Erzählung selbst ist näher an der Definition der Lüge.»
Ihre Übersetzerin Stefanie Jacobs sieht das ähnlich mit diesem absolut unprätentiösen Ton. Auch sie ist neu bei Ali Smith, vor «Gliff» waren deren Bücher von Silvia Morawetz übersetzt worden. Gerade dieser schlichte Stil sei eine Herausforderung, sagt Jacobs, etwa bei den Tonlagen der Geschwister: «Sie müssen kindlich klingen und doch auch so klug, wie sie sind.»
Sie oder er? Ja!
Tatsächlich schreibt niemand so phänomenale Kinder wie Ali Smith. Wie jetzt Rose, die kleine Schwester in «Gliff», die auch dann kluge Dinge sagt, wenn sie Wörter falsch benutzt. Zu einem Jungen mit Smartwatch sagt sie: «Hat dir noch niemand erzählt, dass anonym das neue digital ist?» Später bekommt sie erklärt, dass man einen Pass brauche, damit man unterwegs beweisen könne, «dass wir wir sind». Aber ein Pass beweise doch nicht, «dass wir wir sind», erwidert Rose: «Wir beweisen, dass ein Pass ein Pass ist.»
Bei Ali Smith begegnet man immer wieder solchen Kindern, meist sind es Mädchen, die die Dinge vom Kopf auf die Füsse stellen. Wie das Kind in «Frühling» (2021), das durch verschlossene Türen gehen kann und der Mitarbeiterin eines Ausschaffungsgefängnisses erklärt, dass es nur eine Frage der Definition sei, Grenzen nicht als etwas Trennendes zu sehen, sondern als etwas Verbindendes: «Was, wenn wir Grenzübergänge zu Orten erklären würden, an denen man selber doppelt möglich würde, wenn man drübergeht.» (Natürlich sagt die Frau dann, das sei mehr als nur doppelt naiv.)
«Beides sein» (2016), so hiess auch schon ein Roman von Ali Smith. Und ein Echo davon findet sich auch in «Gliff», wo die Geschlechtsidentität von Briar, dem älteren der beiden Geschwister, im Text ganz selbstverständlich offen und unmarkiert bleibt. (Auf Deutsch geht das weniger leicht als im Englischen, aber die Übersetzung löst das gut.) Briars Geschlecht ist auch gar kein Thema, bis eine der Unverifizierbaren es doch genau wissen will: «Bist du ein Mädchen oder ein Junge?», fragt sie. Briar darauf, ganz cool: «Ja, sagte ich.» Entweder oder? Ja!
Ali Smith macht auch lustige Sachen mit Satzzeichen, da sind dann nicht mal knifflige Übersetzungen nötig. In «Sommer» (2021) zum Beispiel, wo sie im Kapitel über einen superschlauen, superanstrengenden Teenager immer mal wieder einfach ein Ausrufezeichen zwischen den Absätzen setzt, als würde er das Gesagte so bekräftigen:
!
Oder jetzt in «Gliff», wo eine Mutter auf Fragen ihres Kindes antwortet. Statt dass die Fragen ausformuliert wären, steht zwischen den Antworten jeweils nur ein Satzzeichen, wie das fragende Gesicht eines Kindes:
?
Und dann ist da noch dieser dystopische Klassiker, mit dem die Autorin in den Kapitelüberschriften spielt. Da wandelt sie den Titel von «Brave New World» immer wieder ab, ersetzt einzelne Buchstaben oder räumt sie aus – bis zuletzt aus dem Restbestand der Zeichen eine neue Ahnung von Zukunft aufscheint: «ave n (i) r».
Das ist es, was diese Ali Smith auf so unangestrengte Art einzigartig macht: diese grenzenlose Neugier auf alles, was in der Sprache steckt und was alles möglich ist mit Wörtern – mit solchen, die wir tagtäglich benutzen, und anderen, die es scheinbar gar nicht gibt, wie «Gliff». Sie ist zufällig darauf gestossen, um dann zu merken, dass es dieses Wort tatsächlich gibt, mit einer Vielzahl von Bedeutungen: «Aufregend, wie etwas so Kleines, vermeintlich Bedeutungsloses vor meinen Augen Dimensionen annahm.»
Wörter schreiben fest und ziehen Grenzen, sie sind Instrumente der Kontrolle. Aber sie öffnen auch Fluchtwege. Das ist die Gegenmacht, die Ali Smith in «Gliff» entwirft. Wie sagt eine Figur im Buch einmal: «Du ahnst nicht, welche Türen sich öffnen, wenn ein Wort den Weg aus einer Sprache in eine andere nimmt.» ●