Spielgruppen : Waldtorte im Bürzelbaum
Sie leisten frühkindliche Bildung und Betreuung, sogar Integration. Doch die Arbeit von Spielgruppen ist wenig anerkannt, und viele kämpfen ums finanzielle Überleben. Hilft Professionalisierung weiter?
Die grelle Sonne empfängt uns zusammen mit den erwartungsvollen Eltern, als wir aus dem kühlen Wald hinaustreten. Die Kinder hüpfen voraus – ihr erster Tag in der Waldspielgruppe liegt hinter ihnen. Ein Mädchen sagt stolz zur Mama: «Ich habs geschafft!» Zum ersten Mal hat sie ganze fünf Stunden ohne ihre Eltern verbracht: Lieder gesungen, ein Kreisspiel erlebt, Feuer gemacht und zusammen mit den anderen Kindern den Wald entdeckt.
Etwa 65 Prozent der Dreijährigen in der Schweiz besuchen eine Spielgruppe, so zählt es der Schweizerische Spielgruppen-LeiterInnen-Verband (SSLV). Doch im Gegensatz zu Kindertagesstätten zählen Spielgruppen nicht zur familienergänzenden Betreuung und sind deshalb nicht bewilligungspflichtig. «Grundsätzlich kann in der Schweiz jede und jeder eine Spielgruppe eröffnen – ohne Aufsicht, Qualitätskontrolle oder Ausbildung», erklärt Ramona Howald vom SSLV.
Das weiss ich auch aus eigener Erfahrung: Seit drei Jahren leite ich neben meiner Tätigkeit als Journalistin eine Waldspielgruppe des Vereins Dusse Verusse. In dieser Zeit haben die Diskussionen um Professionalisierung und Qualitätskontrolle branchenintern Fahrt aufgenommen.
Kein Geld vom Kanton Bern
«Die Spielgruppe hat deutlich an Sichtbarkeit und Wertschätzung gewonnen», sagt Howald. Gleichzeitig sind die meisten Spielgruppen chronisch unterfinanziert, und die Unterschiede zwischen den Kantonen sind gross: Einige fördern Spielgruppen als Teil der frühkindlichen Bildung, in den meisten fehlen aber Qualitätsvorgaben, verlässliche Rahmenbedingungen oder langfristige Finanzierungsmodelle. So zum Beispiel im Kanton Bern.
Margarete Fieguth ist Präsidentin der Berner Fach- und Kontaktstelle Spielgruppen (FKS) und arbeitet in der Spielgruppe Musigdösli in Brügg. Sie kritisiert die fehlende gesellschaftliche Anerkennung: «Ich hüte ja nicht nur Kinder – ich bin Pädagogin im Frühbereich!» Die kaum regulierte Situation im Kanton empfindet sie als unzulänglich. Gelder spricht Bern keine – einzelne Gemeinden unterstützen ihre Spielgruppen, in vielen stehen diese jedoch allein da. Immer wieder höre man bei der FKS ausserdem von Gruppen, die von Leiterinnen ohne Ausbildung geführt würden, keine sichere Umgebung böten oder in denen eine Betreuungsperson allein mit zwanzig Kindern arbeite. «Aber wir haben da überhaupt keine Handhabe.»
Die als Verein organisierte FKS versuchte, den Kanton von einer Bewilligungspflicht zu überzeugen, dieser lehnte ab: Zum einen fehle die gesetzliche Grundlage, zum anderen befürchte man mehr administrative Hürden und damit eine Reduktion des Angebots. Stattdessen hat sich Bern für eine Lösung entschieden, mit der die FKS nicht wirklich glücklich ist: Seit 2023 brauchen Spielgruppen eine Kitabewilligung, wenn sie Kinder mehr als drei Stunden am Tag oder neun Stunden in der Woche betreuen. Fünfstündige Waldspielgruppen, wie sie mein Arbeitgeber Dusse Verusse seit dreissig Jahren anbietet, müssten also theoretisch die Auflagen einer Kindertagesstätte erfüllen. Kontrolliert wird das allerdings nicht.
Die Kantone Freiburg, Uri und Wallis verfügen bereits seit längerem über eine Bewilligungspflicht. In Glarus regelt seit 2023 das neue Kinderbetreuungsgesetz, dass Spielgruppen mit öffentlichen Leistungsverträgen eine Bewilligung benötigen. Der Kanton steckt zurzeit mitten in der Umsetzung. «Das ist kein Misstrauensvotum», betont Claudia Eberle von der kantonalen Fachstelle Gesellschaft. «Im Gegenteil: Wir wollen die wichtige Arbeit der Spielgruppenleiterinnen auch würdigen.» Sie gehe davon aus, dass die bestehenden Spielgruppen den in Anlehnung an den SSLV erstellten Qualitätskriterien genügten.
Glarus gehört zu den wenigen Kantonen, die Spielgruppen als Teil der frühkindlichen Bildung anerkennen und unterstützen. Ein Augenschein vor Ort zeigt jedoch, dass die Spielgruppen auch dort mit einer grossen Herausforderung kämpfen: der Finanzierung.
Bei den Waldfüchsen
Plötzlich geht es steil bergauf, einige Kinder springen schon voraus, die kleineren keuchen hintendrein. Ein Junge wischt das alte Herbstlaub beiseite: «Buschwindröschen!» Die ersten Frühlingsboten haben auch die schroffen Hänge des Glarnerlands erreicht. Die Kinder hängen den Rucksack an die Waldgarderobe – ein Holzbrett mit der Aufschrift «Spielgruppe Bürzelbaum, Waldfüchse». Durch die noch laublosen Bäume sieht man auf die Linthebene, flach wie ein Pfannkuchen, und das 5000-Einwohner:innen-Dorf Näfels. Die sieben Kinder zwischen zweieinhalb und fünf Jahren beginnen sofort, in der Erde zu graben, «Suppe» zu kochen und Laub zu rechen. «Zuerst haben sie Zeit fürs Freispiel», erklärt Karin Gallati. «Nach dem Znüni erzählen wir dann jeweils eine Geschichte, singen und tanzen.»
Karin Gallati und Silvia Manser leiten jeden Mittwochmorgen die Waldspielgruppe in Näfels. Ihr Hintergrund ist beispielhaft für viele Spielgruppenleiterinnen: Beide haben selbst mehrere Kinder, suchten nach der ersten Zeit als Mutter und Hausfrau wieder nach einem niederschwelligen Einstieg ins Berufsleben. Die Arbeit in der Spielgruppe bot sich dafür an. «Während die Kinder in der Schule sind, können wir arbeiten und sind rechtzeitig fürs Mittagessen wieder zu Hause», sagt Manser. Beide Frauen haben eine Ausbildung zur Spielgruppenleiterin abgeschlossen. Eine solche kann bei privaten Anbietern absolviert werden. Bisher fehlt jedoch ein eidgenössisch anerkannter Diplomlehrgang.
Ihr Arbeitgeber, die Spielgruppe Bürzelbaum, betreibt mehrere Innen- und Aussenstandorte im Kanton Glarus. Manser und Gallati verdienen im Stundenlohn 32 Franken, für einen Morgen also 96 Franken. Je nach Ausbildung können Spielgruppenleiter:innen beim Bürzelbaum bis zu 38 Franken die Stunde verdienen. «Wir würden unseren Leiterinnen gerne einen höheren Lohn bezahlen», sagt Jrene Luchsinger, Geschäftsführerin und Präsidentin des Bürzelbaum, «aber das liegt leider nicht drin.»
Die finanzielle Situation des Bürzelbaum ist nicht rosig. Die Eltern zahlen 10.25 Franken pro Stunde, inklusive Verpflegung. Hinzu kommen Leistungsverträge mit den Gemeinden. Glarus Nord beispielsweise stellt die Räume für die Innenspielgruppe gratis zur Verfügung und zahlt einen Zustupf von 75 Franken im Jahr pro Kind. Das sei aber ein Tropfen auf den heissen Stein, so Luchsinger. «Ohne Sponsorenbeiträge von Firmen und Stiftungen könnten wir gar nicht überleben.»
Erst ab sechs Kindern rentiert es
Es ist Zeit fürs Znüni. Die Kinder holen ihre Rucksäcke, packen Böxli und Trinkflaschen aus. Auf dem Tisch steht eine hübsche Waldtorte aus Moos, Tannzweigen und Bucheckern mit einem goldenen Kerzchen. Eines der Mädchen feiert heute Geburtstag. Zu Hause spricht sie Polnisch. Als sie letzten Sommer erstmals in die Spielgruppe kam, konnte sie kein Wort Deutsch. «Und jetzt spricht sie manchmal schon Glarner Dialekt», sagt Karin Gallati.
Drei fremdsprachige Kinder sind dieses Jahr bei den Waldfüchsen dabei. Auch der Kanton anerkennt den Wert dieser frühen Sprachförderung: Durchschnittlich 45 000 Franken verteilt Glarus jährlich an solche integrativen Spielgruppen.
Trotz dieser Unterstützung können Silvia Manser und Karin Gallati nie sicher sein, ob sie im nächsten Schuljahr noch eine Stelle haben. Kommen nicht mindestens sechs Kinder, rentiert das Angebot nicht. Auch die Dusse-Verusse-Spielgruppen, zu denen mein Standort gehört, haben mit der variierenden Gruppengrösse zu kämpfen: Letztes Jahr musste die Waldspielgruppe in Zollikofen deswegen schliessen, der Standort in Köniz könnte dieses Jahr folgen. Manser spricht mir deshalb aus dem Herzen, wenn sie sagt: «Ich finde es schade, dass wir Spielgruppen immer ums Überleben kämpfen müssen.»
Die Hoffnung ist, dass sich mit mehr Professionalisierung mehr Gemeinden und Kantone zu finanzieller Unterstützung bewegen lassen. Doch auch die Spielgruppen selbst müssten transparenter wirtschaften, sagt Ramona Howald vom SSLV: «Oft ist nicht bekannt, welche tatsächlichen Kosten der Betrieb verursacht. Das führt dazu, dass viele Arbeiten unbezahlt bleiben und die Löhne generell viel zu niedrig angesetzt sind.»
Immer wieder verlassen Spielgruppenleiter:innen deshalb den Beruf, obwohl sie ihn lieben. Auch ich übernahm die Waldspielgruppe von zwei Frauen, die beide wegen des geringen Lohns kündigten und stattdessen eine Stelle im Schul- beziehungsweise Kitabereich suchten. Bereits beim Bewerbungsgespräch warnten sie mich: «Also fürs Geld macht man es nicht.» ●