Kommentar : Liveticker und Schmierentheater

Nr. 19 –

Mehr Aufmerksamkeit für patriarchale Gewalt ist gut – aber nicht als rechte Propaganda, meint Ayse Turcan.

Am Montag begann am Baselbieter Strafgericht der Prozess gegen einen Mann, der 2024 seine Partnerin, eine ehemalige Miss-Schweiz-Kandidatin, ermordet haben soll. Bei der Tat, die in der Trennungsphase erfolgte, handle es sich um einen «typischen und grausamen Femizid», hiess es dazu bei Tamedia – in einem Liveticker. Die Clickbait-Logik einmal ausgeblendet, kann man durchaus finden: immerhin.

Immerhin ist heute in gewissen Redaktionen Wissen über die Dynamiken patriarchaler Gewalt vorhanden. Immerhin erhält sexualisierte und häusliche Gewalt überhaupt die nötige Aufmerksamkeit, und zwar nicht nur im Fall von «Familiendramen», als die Femizide bis vor nicht allzu langer Zeit gerne bezeichnet wurden. Die soeben eingeführte Notrufnummer für Gewaltopfer löste ebenso breites Medienecho aus wie etwa ein Expert:innenbericht vom letzten Herbst, der zeigte, dass die Schweiz Frauen und Mädchen nur ungenügend vor geschlechtsspezifischer Gewalt schützt.

Die Politik hat den Handlungsbedarf längst erkannt – und eine gewisse Partei auch das Instrumentalisierungspotenzial darin. Zuletzt zeigte sich dies etwa vergangene Woche während der Sondersession. Anlass war ein Postulat des GLP-Nationalrats Patrick Hässig, das den Bundesrat auffordert darzulegen, wie «männlichkeitsideologische Gewalt- und Radikalisierungsdynamiken» in der Schweiz funktionieren und wie man damit umgehen kann. Unterschrieben haben den Vorstoss Männer aus allen grossen Parteien, der Bundesrat begrüsst das Anliegen.

In der Debatte zum Postulat wurde dann aber doch das altbekannte Schmierentheater aufgeführt. In der Hauptrolle die SVP als Retterin der (Schweizer) Frauen, an diesem Tag gespielt von der Obwaldner Nationalrätin Monika Rüegger. Die Schweiz «importiere» das Gewaltproblem, behauptete sie in klassischer Manier, es seien also vor allem Ausländer, die Frauen schlagen und ermorden würden. Auch die Schweizer Täter in den Statistiken, so insinuierte Rüegger völlig haltlos, seien eigentlich eingebürgerte Ausländer. Die «Lösung» des Problems? «Mehr Härte, mehr Sanktionen» und eine «konsequente Ausschaffungspraxis».

Auf den Rassismus, die Irrtümer und insbesondere auf den Zynismus in der Rhetorik einer Partei, die sich gewohnheitsmässig gegen Gleichstellung einsetzt, soll an dieser Stelle nicht noch einmal eingegangen werden. Immerhin spielten Rüeggers Ratskolleg:innen das Theater dieses Mal nicht wirklich mit. Das mag damit zu tun haben, dass mit Mike Egger auch ein SVP-Politiker den Vorstoss von Hässig mitunterzeichnet hatte. Wer dafür mitspielte, war das SRF. «Toxische Männlichkeit oder importierte Gewalt? Es rumort in Bern», titelte es in einem Beitrag. Toxisch oder importiert ist das Problem also, gemäss dem Titel beides in etwa gleich wahrscheinlich, und beides hat praktischerweise nichts mit einem selbst zu tun.

Es ist zu hoffen, dass dies ein Ausrutscher bleibt. Denn bisher fand die explizite mediale Verbreitung des SVP-Narrativs vor allem in «Weltwoche» und NZZ statt. Zu hoffen ist auch, dass sich Medienschaffende bewusst sind, wem sie schaden, wenn sie sich zu Handlanger:innen der SVP machen. Sie treffen damit nicht nur rassifizierte und migrantisierte Personen, tragen zu deren Stigmatisierung bei, wenn Stereotype wie jenes des «gewalttätigen Ausländers» genährt werden. Sie schaden damit vor allem auch den Betroffenen. Denn mit dem Importnarrativ lenken sie die Aufmerksamkeit weg von dem, worum es eigentlich gehen sollte: von den Opfern von Gewalt, die Unterstützung brauchen, von deren strukturellen Ursachen sowie von den nötigen Massnahmen und ihrer Finanzierung. ●