Liebesdramen : Coitus interruptus

Nr. 19 –

Blutige Nase statt Hochzeitsnacht: Aktuelle romantische Komödien handeln sehr drastisch vom Scheitern. Das ist eine gute Nachricht.

Filmstill «The Drama»: Charlie und Emma umarmen sich
Er ist überfordert, sie geheimnisvoll: Charlie (Robert Pattinson) und Emma (Zendaya) in «The Drama». © Ascot Elite

Wenn die Presse einen neuen Film vorab visionieren darf, fühlt sich das heute oft an wie ein Termin beim Notar. Die Kritikerin muss diverse Formulare unterschreiben, in denen sie sich verpflichtet, nichts Substanzielles vom Inhalt zu verraten. Auch in privaten Gesprächen und Onlineforen sind schrille Warnungen vor sogenannten Spoilern allgegenwärtig. Plottwists zu verraten, gilt heute quasi als Todsünde.

Hinterfragt wird das kaum. Dabei liegt die Vermutung nahe, dass das ganze Spoilertheater auch dazu dient, jede halbwegs intelligente Auseinandersetzung mit Serien und Filmen erheblich zu erschweren. Denn wer sich – meist ganz freiwillig – das Maul verbieten lässt, verhindert auch jede vertiefte Analyse und tut ausserdem gerade so, als wären überraschende Wendungen das Relevanteste, das Filme und Serien heute noch zu bieten haben.

Unerforschte Verwandtschaft

Beim neuen Film «The Drama» ging das orchestrierte Spoilerverbot so weit, dass vorab sogar eine vage Inhaltsangabe unerwünscht war. Die Kritik war also angehalten, nicht zu schreiben, dass der Film des Norwegers Kristoffer Borgli von der geplanten Eheschliessung zwischen Emma (Zendaya) und Charlie (Robert Pattinson) handelt, die plötzlich fundamental infrage gestellt wird. Und vor allem war es natürlich strengstens verboten zu enthüllen, was denn nun diese Liebe aus der Bahn wirft: Während eines betrunkenen Spiels mit Freund:innen und ihrem Verlobten, bei dem alle ihr schlimmstes Vergehen beichten müssen, erzählt Emma, dass sie als verwirrte Jugendliche einst ein Schulmassaker geplant und dafür sogar schon ein Gewehr gestohlen hatte – allerdings ohne zur Tat zu schreiten.

Wie kann man sinnvoll über den Film reden, ohne all das zu erwähnen? Nicht zuletzt blieb die interessante Frage offen, ob die Geschichte vom Amoklauf nicht vor allem ein – extremes – Sinnbild dafür ist, dass verliebte Paare in romantischen Komödien immer ein Hindernis brauchen, um zusammenkommen zu können. Oder ob das Geständnis den schockierten Freund:innen wie auch dem zukünftigen Mann nicht auch willkommener Anlass war, um endlich den eigenen wilden Fantasien über die so schöne wie geheimnisvolle Emma freien Lauf zu lassen.

Ebenso unerforscht blieb die aufschlussreiche Verwandtschaft mit anderen aktuellen Verfilmungen. Denn die entgleiste Hochzeitsfeier von «The Drama» passt auffallend nahtlos zu zwei populären Serien, die das Heiraten mit ähnlicher Entschlossenheit ins Visier nehmen – und brutal scheitern lassen: die dritte Staffel der vieldiskutierten HBO-Serie ­«Euphoria» und der Netflix-Achtteiler «Something Very Bad Is Going to Happen». Was hat das alles zu bedeuten? Weshalb ist ausgerechnet die Ehe, diese urbürgerliche und konservative Institution, nun auf einmal angesagtes Thema in der Popkultur?

Filmstill aus «Euphoria»: Cassie und Nate laufen an ihrer Hochzeit über einen Steg, welcher mit Blumen dekoriert ist
Tradwife trifft Hochstapler: Cassie (Sydney Sweeney) und Nate (Jacob Elordi) in «Euphoria».  © HBO

Kälte, Untreue, Verrat

Es ist sicher kein Zufall, dass die weibliche Hauptfigur von «The Drama» gleich heisst wie die berühmten Protagonistinnen von Gustave Flauberts Ehebruchsgeschichte «Madame Bovary» und von Jane Austens Verkupplungsroman «Emma». Mit dem Vornamen Emma erinnert «The Drama» daran, dass es schon in der klassischen Literatur kaum glücklich Verheiratete gibt: Entweder ist die Ehe als Endpunkt aufwendiger Liebeswerbungsprozesse schlicht nicht mehr Teil der Geschichte – wie in «Emma», Vorbild vieler romantischer Komödien. Oder sie ist von Anfang an bereits am Ende, eine einzige Problemzone, geprägt von Lieblosigkeit, Untreue und Verrat – wie in «Madame Bovary».

«The Drama» zitiert das Alte, macht aber etwas Neues: Die Ehe implodiert, bevor sie begonnen hat. Gesprengt wird der Hochzeitstag nicht nur von Emmas Vergangenheit, sondern vor allem von Charlies Überforderung – und seinem Drang, sein Innerstes nach aussen zu kehren. In mehr als einem Sinn: Er hält, panisch und angetrunken, eine allzu offenherzige Hochzeitsrede, wird deshalb verprügelt, muss sich dann auch noch übergeben – und gleicht am Ende mit seinem blutüberströmten Gesicht und Hemd aufs Haar dem ebenfalls frisch verhauenen Bräutigam aus der Serie «Euphoria». Nach Robert Pattinson wird hier mit Jacob Elordi bereits der zweite Filmschönling gründlich verunstaltet.

Dass in «Euphoria» überhaupt geheiratet wird, ist schon mal erstaunlich genug, gilt Sam Levinsons Serie doch als zeitgeistiges und schrilles Porträt einer jungen Generation, die sich einen von zu vielen Drogen, Kriminalität, Gewalt und verantwortungslosen Eltern gesäumten Weg durch die Gegenwart bahnt. Entsprechend ging es in «Euphoria» bis jetzt vor allem um Sex, der keineswegs konservativen Normen entsprach. In der vor kurzem angelaufenen dritten Staffel sind die Kids nun erwachsen.

Es grünt bei der Jauchegrube

Die verbreitete Kritik an «Euphoria» lautet: Oberflächlichkeit, Blossstellung der Figuren und Sexismus. Das ist alles nicht ganz von der Hand zu weisen, und doch lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Ausbeutung und ihre satirisch-kritische Überzeichnung sind in der Fiktion ja nicht immer so eindeutig voneinander zu unterscheiden. Und gerade die kitschig zugespitzte Hochzeitsepisode hat einen klar subversiven Dreh: Cassie, eine als typische trumpsche Tradwife inszenierte Figur (deren Darstellerin Sydney Sweeney zudem registrierte Republikanerin ist), wird im Schnelldurchlauf durch eine radikal demontierte romantische Komödie gejagt.

Auch ihr Mann Nate (Elordi) passt perfekt in Donald Trumps Amerika auf seinem Fundament aus Schein und Gaunerei. Er ist ein Schwätzer und hochverschuldeter Hochstapler, der sich als erfolgreicher Geschäftsmann aufspielt. «Das Gras ist immer grüner bei der Jauchegrube», witzelt eine Figur. Am Hochzeitstag tuschelt die halbe Festgemeinde über Cassies Onlyfans-Pornos, mit denen sie den teuren Blumenschmuck für die Feier finanzieren wollte. Am Ende wird Nate von einem Kredithai verprügelt.

Nicht bloss zerschlagene Nasen, sondern gleich ein ganzes Blutbad richtet die Netflix-Serie «Something Very Bad Is Going to Happen» an. Ganz ohne Angst vor Spoilern übrigens: Dass diese Hochzeit in ein Massaker kippen wird, erfährt man bereits in den ersten paar Minuten. Der Achtteiler liefert so – als trashigstes Werk dieser Auswahl – auch die deutlichste Abrechnung mit dem konservativen Turn, den die Ehe in all diesen Geschichten markiert.

Gift ins Ohr

«Something Very Bad Is Going to Happen» von Haley Z. Boston ist eine unnachahmliche Mischung: Die Serie trägt die Formel einer klassischen Tragödie im Titel (es wird etwas sehr Schlimmes passieren), imitiert gleichzeitig die Plotstruktur der romantischen Komödie (ein Paar erlebt allerlei Hindernisse auf dem Weg zur Hochzeit) und mutiert dabei immer mehr zum Horrorfilm (fast alle tragen monströse Geheimnisse mit sich herum). Doch letztlich erzählt die Serie dieselbe Geschichte wie «The Drama» und «Euphoria» – einfach noch weiter ins Extreme gewendet.

In der Literatur wie auch im Film waren Heiratsgeschichten immer schon verlässliche Seismografen von Erschütterungen der gesellschaftlichen Ordnung. Auch diese neuen popkulturellen Erzählungen registrieren aktuelle Entwicklungen nicht nur, sondern unterziehen diese zugleich einer rigorosen Kritik. Oder konkreter: Der reaktionäre Backlash in der Realität manifestiert sich in einer Häufung von Hochzeiten in der Fiktion. Dass sie alle in Blut und Tod enden, ist eine bildmächtige Zurückweisung dieses Backlashs.

Bedeutsam scheint auch, dass «The Drama» mit der Nahaufnahme eines menschlichen Ohrs beginnt: ein Hinweis, dass es sich weiterhin lohnt, genau auf die Erzählungen, gerade auch die massentauglichen, zu hören. Gleichzeitig ist das Ohr eine Warnung. Nicht nur, weil es sich im weiteren Verlauf des Films als taub herausstellen wird, sondern auch, weil es auf Shakespeares Drama «Othello» anspielt. Dort wird der Hauptfigur Gift in Form von böswilligen Manipulationen «ins Ohr geträufelt», wie es heisst, bis Othello in einen eifersüchtigen Blutwahn verfällt. Noch so eine alte Ehekrise, bei der sich die Gegenwart schlaumachen kann.

«The Drama» läuft im Kino, «Euphoria» kann bei HBO Max und Sky gestreamt werden, «Something Very Bad Is Going to Happen» bei Netflix.