Aus der Küche des Wahnsinns : Drei Franken in der Stunde

Nr. 20 –

Karin Hoffsten über Variationen der Ausbeutung

Die Lebensgestaltung des Franz Faeh (64) dürfte den Wunschträumen des Schweizer Arbeitgeberverbands nahe kommen: 16-Stunden-Tage sind für den Mann «einfach normal», sonst langweilt er sich. Aber er ist halt auch der glückliche Küchenchef des Nobelhotels Gstaad Palace und gibt als solcher in den Medien gerne Auskunft über «blöde» Wünsche reicher Leute.

Reiche Leute gibts in Gstaad aber nicht nur in Hotels, sondern auch in privaten Chalets und Appartements, und ebenfalls mindestens sechzehn Stunden täglich waren dort jahrelang vierzig Frauen aus Serbien im Einsatz – allerdings illegal und unter unerträglichen Bedingungen.

Am Montag begann vor dem Regionalgericht Oberland in Thun der Prozess gegen eine serbische Familie, die diese Frauen als Putz- und Arbeitskräfte an Hotels, Agenturen, Immobilienverwaltungen und schwerreiche Privatleute vermittelt hatte. Für 1500 Franken im Monat sollten sie putzen, kochen, die Kinder hüten und vor allem: unsichtbar bleiben. Vorgeworfen wird den Beschuldigten neben Erpressung, Nötigung, Drohung, Körperverletzung und vielem anderem mehr auch Menschenhandel.

Die Frauen sollten immer genau die drei Monate arbeiten, die ohne Visum möglich sind; sie mussten rund um die Uhr zu Diensten sein, blieben oft hungrig und durften das Haus nicht verlassen. Als eine Frau vor Ablauf der drei Monate abbrechen wollte, wurde ihr der Pass weggenommen.

Nun läge es nahe, das ganze Elend der Tatsache zuzuschreiben, dass die Angeklagten halt keine gesetzestreuen Schweizer:innen sind. Doch auch die betuchte Kundschaft schien das 24/7-Jobprofil für normal zu halten und beschwerte sich nicht.

«System Gstaad» nannte der «Tages-Anzeiger» die Verhältnisse, in denen die einen unvorstellbar viel Geld haben und die anderen wenigstens ein bisschen davon verdienen wollen: «Der Klassenunterschied ist ein Naturgesetz des internationalen Jetset.» In dem Sinn ist auch der gut gelaunte Herr Faeh Teil dieses Systems, nur ausgebeutet fühlt er sich nicht, weil er seine Arbeit liebt und genug verdient, «um sich etwas Schönes zu kaufen, was einem gefällt».

Womit ich wieder beim Arbeitgeberverband wäre, dem solch eine Einstellung zur Arbeit für alle vorschwebt. Trotzdem ist der Verband strikt gegen Mindestlöhne, denn wie Direktor Roland A. Müller 2025 laut srf.ch sagte: «Ein rein existenzsichernder Lohn ist nicht die Aufgabe der Arbeitgeber.» Sparsame Naturen können sich ja von der Sozialhilfe was Schönes kaufen. ●

Karin Hoffsten wird immer sehr müde, wenn die Forderung, Superreiche aus dem In- und Ausland höher zu besteuern, wieder mal zur Neiddebatte erklärt wird.