Christiane Rösinger : «Die Alten regen mich genauso auf wie die Jungen»
Wie man zwischen Hass und Grosszügigkeit einen guten Mittelweg findet: Poplegende Christiane Rösinger hat ein Buch übers entspannte Altwerden geschrieben.
Frage: WOZ Christiane Rösinger, Sie haben ein ganzes Buch über das Älterwerden geschrieben. Machen Sie sich Sorgen?
Christiane Rösinger: Heutzutage machen sich ja schon 40-Jährige Sorgen. Als 65-Jährige finde ich das ein bisschen lachhaft, aber natürlich passiert es mir auch. Das ist ein Stück weit sicher deshalb, weil alle Welt so einen Alarm darum macht, und das wiederum ist mit ein Grund dafür, wieso ich darüber geschrieben habe: Ich wollte eine gewisse Entspanntheit in die Sache reinbringen. Besonders als Frau wird man ja sowieso dauernd unter Druck gesetzt, man müsse irgendwas an sich rummachen – unter anderem eben auch, damit man auf keinen Fall älter aussieht. Schon ab ungefähr 35 kommt ausserdem die Erwartung, man habe gefälligst eine gewisse Damenhaftigkeit an den Tag zu legen.
Frage: Wie gehen Sie mit solchen Erwartungen um?
Christiane Rösinger: Ich habe so was immer geschickt wegignoriert, das ist für mich grundsätzlich eine gute Widerstandshaltung. Der ganze Druck hat abgesehen davon auch mit dem ganzen Gesundheits- und Selbstoptimierungswahn zu tun und mit einem Markt, der seit einer Weile die Alten als Zielgruppe entdeckt hat. Da muss man sich natürlich widersetzen.
Frage: Gibt es dennoch Momente, in denen Sie denken, Sie sollten gesünder leben?
Christiane Rösinger: Das gehörte zu meinem Leben: Touren, Feiern, Musikmachen. In puncto Abstinenz habe ich mir jedenfalls nichts zuschulden kommen lassen. Aber manchmal denke ich, vielleicht hätte ich etwas früher damit aufhören können, mit dem Exzess, dem Nächte-Durchsaufen und was weiss ich.
Schlaue Alltagsbeobachtungen
Christiane Rösinger (65) gründete 1988 mit Almut Klotz und Funny van Dannen in Berlin die Lassie Singers, zehn Jahre später dann die Band Britta. Solo erschienen von ihr die beiden Alben «Songs of L. and Hate» (2010) und «Lieder ohne Leiden» (2017).
Sie arbeitet als Theaterregisseurin, inszenierte zuletzt «Die grosse Klassenrevue» (2023) und «Leben im Liegen» (2025), die beide am HAU-Theater in Berlin gezeigt wurden. Als Schauspielerin war Rösinger unter anderem im «Tatort» zu sehen. Als Autorin schrieb sie mehrere Bücher, etwa das Memoir «Das schöne Leben» (2008) oder den Antiliebesratgeber «Liebe wird oft überbewertet» (2012). «The Joy of Ageing» ist auch ein Ratgeber, aber nur ein bisschen.
Christiane Rösinger: «The Joy of Ageing». Rowohlt Verlag. Hamburg 2026. 288 Seiten.
Frage: Wann sollte man aufhören?
Christiane Rösinger: Vielleicht mit vierzig? Es ist ja eh so, dass man es weniger gut verträgt. Wenn ich drei Tage kaputt bin nach einer durchsoffenen Nacht, so wie es jetzt wäre, ist es mir das nicht mehr wert. Aber ich will nicht moralapostelig daherkommen. Leider wird das Ausgehen so uninteressant, wenn du weniger oder gar nichts trinkst. Alle anderen werden lauter und lustiger, aber du findest es meistens ein bisschen blöd, was sie reden. Dazu kommt, dass ich gar nicht unbedingt wüsste, wohin. Berlin hat sich da extrem verändert.
Frage: Sie sind in den Achtzigern nach Berlin gezogen und schreiben in Ihrem Buch viel darüber, wie sehr sich die Stadt in den letzten Jahren verändert hat. Machen Sie diese Entwicklungen auch traurig?
Christiane Rösinger: Ja, es ist auch ein Berlinbuch. Als ich noch in meinen aktiveren Ausgehjahren war, also praktisch bis vor fünf Jahren – es war auch bei mir die Pandemie, die den Schlussstrich gezogen hat –, da hat es mich schon traurig gemacht, dass es ganz viele Orte nicht mehr gibt. Oder diese bestimmte Art, wie Clubs und Lokale heute sind: Das ist ein Prozess seit ungefähr 2010, alles ist schicker geworden, kommerzialisierter, es gibt immer weniger improvisierte Orte. Und die vielen Leute, die keine Wohnung mehr finden. Das ist traurig, ja. Aber es ist halt trotz allem noch immer besser als in allen anderen deutschen Städten. Wo will man denn sonst hin?
Frage: Kommerzialisiert ist es auch anderswo.
Christiane Rösinger: Genau, und dann noch spiessiger als hier. Obwohl die Verspiesserung gerade überall um sich greift. Es ist so wie mit allem: Man regt sich wahnsinnig auf, und dann denkt man sich wieder: Du willst doch nicht die ganze Zeit mit so einem Hass durchs Leben gehen.
Frage: Finden Sie da einen guten Mittelweg?
Christiane Rösinger: Na ja, immer hin und her. Ich mag das Bild der «grumpy old lady», das ist so eine positive destruktive Energie, alles scheisse zu finden. Und dann denk ich wieder: Nein, so will ich eigentlich gar nicht sein, über alles herziehen, was neu ist. Im Buch bezeichne ich das als meine lieblich-woke Seite: Man kann sich auch besser fühlen, wenn man etwas einfach mal gut sein lässt. Gerade im Alter muss man auch grosszügig sein, sonst kommt man nicht durch.
Frage: Mich beschäftigt am Altwerden ja am meisten, dass Leute sterben, die man gern hat.
Christiane Rösinger: Ja, das ist auch das Schlimmste. Das kann man nicht schönreden.
Frage: Darüber schreiben Sie in Ihrem Buch nur wenig.
Christiane Rösinger: Ja, nur nicht abtörnend wirken (lacht). Es ist so, dass viele fehlen. Wenn ich Facebook öffne, dieses Alte-Leute-Medium, dann ist da fast immer eine Todesanzeige.
Frage: Sie schreiben, dass eine Punkattitüde beim Altern hilft.
Christiane Rösinger: Den Altersstarrsinn, die «bösen alten Leute», das kann man auch als Punk interpretieren: Fuck you all, ich mache jetzt nur noch, was ich will, ihr könnt mich alle mal! No Future halt. Und das finde ich gut, nicht so gedrückt durchs Alter zu gehen. «Überalterte Gesellschaft», das hört man dauernd, aber ich kann und mag mich dafür nicht entschuldigen. Ich muss mir überhaupt nichts mehr sagen lassen. Aber es gibt auch immer Missverständnisse, wenn ich so was sage, weil die Leute dann denken, ich sei eine Punkmusikerin. Und das stimmt ja nicht.
Frage: Im Herzen aber schon, oder?
Christiane Rösinger: Im Nachhinein glaube ich eigentlich schon, ja. Mit den Lassie Singers wurden wir eher noch als Schlagerband missverstanden, wir waren ja auch immer so fröhlich. Aber von der Attitüde her … waren wir schon Punk. Es ging viel ums Zusammensein, einfach spielen, auch nicht nur darum, unbedingt wahnsinnig gute Musikerinnen zu sein. Und dann kamen wir halt alle aus der Arbeiterschicht, das macht auch einen Unterschied. Wir waren anders als die Bildungsbürgerkinder, die in den anderen Bands waren.
Frage: War das ungewöhnlich?
Christiane Rösinger: Schon. Wir haben uns mit den Lassie Singers an der Hamburger Schule orientiert, waren da so eine Art Anhängsel. Berlin ist viel proletarischer als Hamburg, da haben wir schon gemerkt, dass die alle einen ganz anderen Hintergrund haben, anders und gehobener reden, andere Themen und Diskurse haben.
Frage: Wurden Klassenverhältnisse damals thematisiert?
Christiane Rösinger: Nein. Man hat gar nicht so drüber nachgedacht. Als ich jung war in Berlin, da hatten alle kein Geld: «Oh, fünf Mark Eintritt, kann ich nicht umsonst rein?» Ich habe mich immer gewundert, dass alle anderen trotzdem so prima leben, viel mehr Geld ausgeben können, obwohl sie mit ihren Bands viel weniger bekannt waren als wir. Aber eben, ich habe mich gewundert, ich habs nicht hinterfragt. Und dann kam irgendwann die Phase, in der alle anderen Eigentumswohnungen gekauft oder geerbt haben. Gerade in der sogenannten Bohème bin ich eine der wenigen, die kein Erbe und keine reichen Eltern hat.
Frage: Schämen sich die Bohémiens für ihr Erbe?
Christiane Rösinger: Wenn sie Linke sind, schämen sie sich ein bisschen dafür. Oder sie sagen: «Wir sind doch nicht reich, aber ja, natürlich haben uns die Eltern 400 000 Euro für die Wohnung gegeben.»
Frage: Heute wird darüber mehr gesprochen.
Christiane Rösinger: Ja, und dann wird es gleich als Neiddebatte abgetan. Das ist im Übrigen auch ein wichtiger Punkt beim Altersthema, dieses Generationengetue: Man hetzt die Leute gegeneinander auf, Boomer gegen Millennials gegen Gen Z und so weiter. Aber das ist eine Ablenkung und die falsche Perspektive, denn es geht im Grunde immer um Verteilungskämpfe. Da ist es praktisch, wenn sich Rentnerinnen und Jugendliche gegenseitig die Schuld zuschieben – die alten Leute mit ihren Ansprüchen und das viele Geld, das man ihnen angeblich einfach hinterherwirft, die Jungen, die nicht arbeiten wollen … Da muss man sich davon frei machen. Ich rege mich über alle auf, altersunabhängig. Die Alten regen mich auch auf, die finde ich genauso schlimm wie die Jungen.
Frage: Sie waren Ihr Leben lang Künstlerin und schreiben stolz, nie einer geregelten Arbeit nachgegangen zu sein. Wollten Sie nie ins sogenannte bürgerliche Leben wechseln?
Christiane Rösinger: Doch, aber da war es bereits zu spät: Das bürgerliche Leben wollte mich nicht mehr. Nach den Lassie Singers kam Britta, eine tolle Band, aber leider kommerziell überhaupt nicht erfolgreich. Da habe ich geguckt, was ich so machen kann, ich habe ja immerhin ein abgeschlossenes Germanistikstudium. Ich habs bei Radiosendern versucht, sogar in Büros und beim Kulturkaufhaus Dussmann, weil ich vorher auch mal Buchhändlerin war. Die hätten mich in der Plattenabteilung angestellt, wegen dem Plattenlabel Flittchen Records, das ich früher mit Almut Klotz betrieben habe. Und dann haben die rausgekriegt, dass ich schon über vierzig war, da wollten sie mich dann doch nicht.
Frage: Echt?
Christiane Rösinger: Ja. Den bürgerlichsten Job hatte ich ab 2015 wegen der sogenannten Flüchtlingskrise, ich habe an der Volkshochschule Deutsch unterrichtet. In den letzten Jahren läuft es zum Glück gut bei mir, aber natürlich habe ich Angst vor Altersarmut, weil ich nur 380 Euro Rente im Monat kriege. Gerade als Künstlerin, wo du auch viel mit dem Körper arbeitest – ich weiss nie, wie lange ich das noch machen kann.
Frage: Ob Sie etwa noch auf Tour gehen können?
Christiane Rösinger: Ja. Das ist schon jetzt anstrengend. Es ist schon länger so, dass ich dabei einfach gar keinen Alkohol mehr trinken darf, sonst schaffe ich das nicht. Auf Lesereise zu gehen, ist weniger anstrengend als mit der Band, aber auch viel langweiliger. Es gibt ja immer die Autorinnen auf Instagram, die erzählen: «Ach, ich bin auf Lesereise, verrücktes Leben» und so. Das stimmt aber überhaupt nicht. In Wahrheit ist es mit einer Band viel lustiger, man fühlt sich wie in einer Gang, so leicht kriminell. Aber man verdient dafür auch viel weniger. Ich fands schon auch interessant, in die Literaturszene ein bisschen reinzukommen.
Frage: Wie ist es dort?
Christiane Rösinger: Ich rezitiere Ihnen mal einen Text aus meinem Stück «Leben im Liegen», den muss ich jetzt sowieso wieder lernen: «Ich denke ja mal so oft drüber nach, wer so die Schlimmsten unter den ganzen Künstlern sind. Die Schriftsteller, da kenne ich mich ein bisschen aus. Die tun alle so zivilisiert und kollegial. Aber da gönnt man sich gegenseitig überhaupt nichts. Die sind zerfressen von Missgunst und Konkurrenzdenken. Die Musiker und so die Leute vom Theater, das sind vielleicht nicht die Allerklügsten. No offence. Aber da ist doch so was wie eine Liebe zum Metier, ein Sinn für Gemeinschaft und eine Freude aneinander. Aber die bildenden Künstler sind die Schlimmsten.» So, jetzt wissen Sie Bescheid.
Frage: So schlimm?
Christiane Rösinger: Es ist schon ein arg verschnöselter Betrieb. Wir hatten es ja gerade von den Klassengegensätzen, und in der Literaturszene sind die Bildungsschnösel am verbreitetsten. Aber ich fänds natürlich trotzdem toll, wenn ich noch ein Buch schreiben könnte. Oder am Theater weiterarbeiten … Irgendwie habe ich erst im späten Alter so richtig die Lust am Arbeiten entdeckt.
Frage: Auch als Musikerin?
Christiane Rösinger: Das ist ein so dermassen undankbares Feld. Mit Musik verdienst du kein Geld, da steckst du nur Geld rein, und man wird auch so beschissen beim Streaming. Oder diese Indie-Plattenfirmen, die, wenn du Plus machst, alles für sich behalten. Sie zahlen dir nichts, und dann sind es auch noch Freunde von dir. Und mit den Texten hätte ich ja auch ein Problem.
Frage: Wieso?
Christiane Rösinger: Ich habe mein Leben lang immer über die Liebe gesungen: Ach, wieso sind die Männer so, warum ist alles so schwer, das Elend der Heterosexualität …? Ich konnte mich da immer reinsteigern. Und jetzt interessiert mich das halt nicht mehr: Das ist auch Teil der befreienden Altersdesillusionierung. Aber worüber schreiben, wenn nicht darüber? Wobei ich auch immer gesellschaftskritische Lieder hatte, «Eigentumswohnung» oder mit Britta «Wer wird Millionär?». In diese Richtung würde es gehen, falls ich doch noch eine Platte mache. ●