Durch den Monat mit Ece Temelkuran (Teil 2) : Wie hat Sie der politische Druck geprägt?
Schriftstellerin Ece Temelkuran erzählt, wie sie, beschämt darüber, die Türkei verlassen zu haben, in der Fremde krank vor Heimweh wurde.
Frage: WOZ Ece Temelkuran, nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei 2016 gingen Sie nach Zagreb und wollten eigentlich nur für kurze Zeit bleiben – dann entschieden Sie sich spontan dafür, nicht mehr zurückzukehren. Hatten Sie überhaupt einen Plan?
Ece Temelkuran: Nein. Die Ungewissheit schien mir leichter zu ertragen als der Druck, ständig mutig sein zu müssen. Nachdem ich meiner Mutter gesagt hatte, dass ich nicht zurückkehren würde, war ich sehr traurig. Schon mehrfach war ich wegen Drohungen des Regimes für längere Zeit im Ausland geblieben, zuletzt nach den Gezi-Protesten von 2013. Damals beschuldigten mich regierungsnahe Medien, einen Umsturz mitgeplant zu haben.
Meine Mutter wollte früher immer genau wissen, warum ich monatelang nicht in die Türkei zurückkehrte. Diesmal aber fragte sie nicht. Ich legte mein Herz förmlich in eine Gefriertruhe, um überleben zu können.
Frage: Es klingt, als wäre Ihr Leben ein ständiger Kampf …
Ece Temelkuran: Ist das nicht nachvollziehbar? Ich begann 1993 als junge Frau bei der «Cumhuriyet», der bekanntesten regierungskritischen Zeitung der Türkei. Es war eine harte Schule, die Ausdauer erforderte. Ich musste lernen, unter schwierigen Bedingungen zu funktionieren. Ich habe zur türkischen Frauenbewegung, zu politischen Gefangenen und zur kurdischen Frage recherchiert. Die Türkei ist wegen des politischen Drucks ein sehr schwieriges Land für Journalist:innen. Das hat mich geprägt.
Frage: Wie?
Ece Temelkuran: Ich habe mir selbst oft zu viel zugemutet. Erlaubte mir nicht, Nein zu sagen und Verletzlichkeit zu zeigen. Es war eine Überlebenstechnik, die ich nun loszulassen versuche. Doch auch heute noch verhalte ich mich, als würde ich ständig einen Berg besteigen, obwohl ich längst auf einer ebenen Fläche stehe.
Frage: Niemand kann dauerhaft stark sein.
Ece Temelkuran: Das musste ich auch erkennen. Nach meinem Wegzug aus der Türkei war ich jahrelang für Lesungen und Podien international unterwegs. Ich schrieb Bücher und Artikel und warnte vor dem Faschismus, der überall wieder an Boden gewinnt. Nach sechs Jahren in Zagreb, wo ich persönlicher Kontakte wegen gelebt hatte, gab es Probleme mit meiner Aufenthaltsgenehmigung, also musste ich die Stadt verlassen. Ich erhielt ein Stipendium in Hamburg, um dort an einem neuen Buch zu arbeiten.
Weil ich mir keine Grenzen setzen konnte, rebellierte schliesslich mein Körper. Im Sommer vor vier Jahren war ich erschöpft und brach zusammen. Mir fehlte die Kraft für einen weiteren Neubeginn. Ich musste mir eingestehen, dass mein Herz, das ich ins Gefrierfach gelegt hatte, zerbrechlich war. Der Arzt sagte mir, ich sei krank vor Heimweh, ich solle mich ausruhen. Ich fühlte mich wie eine Versagerin und schämte mich dafür, die Türkei verlassen zu haben und in einer privilegierten Situation zu leben, während meine Kolleg:innen in der Türkei unter Druck stehen.
Frage: Dafür haben Sie einen schönen Begriff geprägt: Heimatlosenscham.
Ece Temelkuran: Diese Selbstgeisselung begleitet mich ständig. Ich habe mich gefragt, warum ich eigentlich von zu Hause weggegangen bin. Ob ich feige war und es noch immer bin.
Auch Erlebnisse in der jüngeren Vergangenheit lösten dieses Gefühl aus. Während meiner Zeit als Stipendiatin in Hamburg war ich zu einer Veranstaltung einer von mir geschätzten Klimabewegung eingeladen. Ich erwartete ein radikales Podium, auch eine kritische Auseinandersetzung mit unserem Elfenbeinturm. Ich dachte, es gehe um ein politisches Aufrütteln. Stattdessen sassen im Raum meines Gastinstituts die Besucher:innen um eine Kerze herum. Man sprach über Schmerz, Vorfahren und irgendein «anderes Wissen». Wir sollten gemeinsam trauern über das, was verloren geht. Es war wie in einer Gruppentherapie auf teurem Parkett. Bezahlt von Reichen, die sich wie eine Kavallerie des Neoliberalismus zur Rettung des Planeten aufschwingen. Mich überfiel ein Gefühl von politischer Einsamkeit. Ich musste raus, um weinen zu können. Hatte ich mein früheres Leben für so etwas aufgegeben?
Frage: Was gab Ihnen in diesem Moment Halt?
Ece Temelkuran: Das Gespräch mit anderen Menschen, in diesem Fall mit Vladimir Safatle, einem brasilianischen Philosophen und Pianisten, der ebenfalls Fellow am Institut war. Ich traf ihn zufällig auf dem Flur, nachdem ich den Raum verlassen hatte. Vladimir hörte mir zu. Zwei Tage später besuchte ich ihn; er übte gerade am Klavier für eine neue Oper. Ich durfte mich dazusetzen und schreiben. Das war wunderschön. ●
Ece Temelkuran verlor 2012 ihren Job bei der Zeitung «Habertürk», weil sie die Tötung von Zivilist:innen in Uludere als «Massaker» bezeichnet hatte. Im Dezember 2011 töteten türkische Kampfflugzeuge 34 Kurd:innen, die meisten von ihnen Jugendliche.