Leitartikel : Eine Geschichte von zwei Seeseiten
Die Gegendemo war gross – aus dem rechtsextremen Aufmarsch vom Samstag sollten die Behörden dennoch Lehren ziehen, findet Raphael Albisser.
Eins ist klar: Die antifaschistische Mobilisierung war ein wunderbar energiespendender Moment für die Linke in der Zentralschweiz. Am Samstagnachmittag versammelte sich eine äusserst diverse Menschenmenge unter dem grossen KKL-Dach, um Stimmung gegen die behördlich bewilligte rechtsextreme Kundgebung zu machen, die sich zeitgleich auf der gegenüberliegenden Seeseite – in Sicht-, aber nicht in Hörweite – zum Demozug formierte.
Ein breites Bündnis aus parlamentarischen wie ausserparlamentarischen Akteur:innen hatte dazu aufgerufen, ein Zeichen zu setzen. Und dieses wird nachhallen: Junge und ältere Antifaschist:innen aus der ganzen Region und weit darüber hinaus kamen zusammen, um laut zu sein. Gegen 2000 Personen – und damit mehr als doppelt so viele, wie dem Aufruf der Bewegung Mass-Voll auf der anderen Seeseite gefolgt waren.
Was sich dort beobachten liess, muss dennoch als Warnung gelten für städtische Behörden in der ganzen Schweiz. Exemplarisch dafür steht ein Filmausschnitt, der im Nachgang medial aufgegriffen wurde: Im Hintergrund eines Videos des rechten Verschwörungsinfluencers Daniel Stricker ist zu sehen, wie der Hitlergruss gezeigt wird. Darauf angesprochen, griff Stricker zum eingeübten Relativierungsrepertoire: Ein einzelner «Vollpfosten» habe die Nazigeste gemacht, sagte er gegenüber «20 Minuten». Von einem «inakzeptablen Einzelvorfall» und «gezielter Sabotage» sprach Mass-Voll-Chef Nicolas Rimoldi, Organisator und Gesicht des bierernsten Aufmarschs.
Das Prozedere ist immer das gleiche. Ganz opportunistisch greift man populistische Slogans aus dem etablierten rechtsbürgerlichen Diskurs auf, spitzt sie noch einmal zu, prescht damit in den öffentlichen Raum. Baut dort Bühnen, die immer grösser werden – und mobilisiert an den bürgerlichen Rändern genauso wie in rechtsextremistischen Milieus. Schritt für Schritt will man sich Strassen und Plätze in den urbanen Zentren nehmen, um einschüchternd Macht zu demonstrieren. Und tut dann ganz überrascht, wenn die dünne Fassade kurz bröckelt.
Die wohlfeile Distanzierung darf aber nicht darüber hinwegtäuschen: Der Grossteil der Teilnehmer:innen vom Samstag mag zwar noch dem Stammpublikum aus Covid-Zeiten zuzurechnen sein, aber es waren auch viele Leute aus rechtsextremen und neonazistischen Strukturen zugegen. Teils bekannte Figuren sowie viele weitere junge Männer und auch Frauen, die einschlägige Symbolik zur Schau stellten – von Neonazikleidern bis zu Identitären-Merchandise.
Auch wenn sie sich einen grösseren Aufmarsch vorgestellt haben dürften, werden die Rechten diesen 9. Mai wohl als Erfolg verbuchen. Sie haben es geschafft, dass immerhin etwa 800 Leute unter violetten Mass-Voll- und roten Schweizer Fahnen ungestört durch eine grössere Kleinstadt marschierten. Wie immer vor den Linsen mehrerer bestens ausgerüsteter Videoleute: Schon tags darauf wurden Demobilder online verbreitet. Organisatoren und Besucher:innen in Slow Motion bei strahlendem Frühlingswetter. Ein paar O-Töne der Redner, unter ihnen die einstigen SVP-Parlamentarier Oskar Freysinger und Luzi Stamm. Alles untermalt mit pathetischer Musik. Generische Multimediaproduktion, wie man sie von den betreffenden Akteuren bereits bestens kennt.
Zur Konfrontation mit dem antifaschistischen Gegenprotest kam es an diesem Samstag nicht. Zu weit liegen die beiden Seeseiten auseinander, zu gross war auch das Polizeiaufgebot entlang der Demoroute. So ermutigend und laut das antifaschistische Zeichen in Luzern auch war: Die rechtsextreme Raumnahme liess sich nicht verhindern. «Friedlich», wie in den Livetickern und Medienberichten daraufhin zu lesen war, ist daran gar nichts. ●