Essay : Die Botschaft von Blatten
Der Versuch, die Naturkräfte zu kontrollieren, hat das Gegenteil bewirkt: Die Welt wird immer unberechenbarer. Wohin führt das?
Es gibt nur wenige Livevideos vom Bergsturz von Blatten. Oder sogar nur eins? Gefilmt vom Gegenhang aus, verbreitete es sich nach der Katastrophe in den Medien. Während das Gestein stürzt, Staub in die Höhe schiesst wie bei einer riesigen Bombenexplosion, sind auf der Tonspur entsetzte Bemerkungen zu hören. Und man fragt sich unwillkürlich: Weiterfilmen oder davonrennen?
In den Medienberichten zum Bergsturz ging es dann vor allem um die Menschen, die ihre Heimat verloren hatten. Das ist verständlich. Und doch wirkte es manchmal, als sei das Ziel auch, das Erschreckende, Monströse dieses Ereignisses zu bannen – es einzugrenzen in Heldengeschichten über den tapferen Gemeindepräsidenten oder den Hotelier, der in Rekordzeit einen Neubau hochziehen will. People-Geschichten, um im Überschaubaren zu bleiben. Bundesrat Albert Rösti hatte am Tag der Katastrophe das Bedürfnis, das Unfassbare wegzubehaupten, in uralte und damit altvertraute Sätze zu fassen:
«Die Natur ist stärker als der Mensch. Das wissen die Bergler.»
Diese Sätze sind nicht falsch. Es gibt in den Alpen ein jahrhundertealtes Wissen darüber, wo die Lawinen jeden Winter kommen, wo alle zehn Jahre und wo wahrscheinlich nie, wo Murgänge drohen und welche Wälder man unbedingt schützen muss, um Steinschlag vorzubeugen. Nur stimmt dieses Wissen nicht mehr überall. Die Menschen haben das Klima verändert und damit die Stabilität der Berge. Der Natur-Mensch-Gegensatz, den der SVP-Bundesrat konstruiert hat wie so viele vor ihm, führte schon immer in die Irre, heute mehr denn je: Ein Teil der Katastrophe von Blatten ist menschengemacht. Röstis Sätze sind nicht so demütig, wie sie klingen: Sie dienen dazu, Verantwortung zu verschleiern.
«Natur» ist eines dieser Wörter, die sich kaum benutzen lassen, ohne zu definieren, was gemeint ist. Zu oft wurde «Natur» von Bürgerlichen und Rechten ins Feld geführt, um die heterosexuelle Ehe oder die Überlegenheit des Mannes unverhandelbar zu machen: «Natur» scheint unverrückbar und ewig, ausserhalb der Gesellschaft, nicht beeinflussbar.
Heute wissen wir: Beeinflussbar ist fast alles. Sogar das Klima und die Geologie. Beeinflussen heisst allerdings noch lange nicht kontrollieren.
Aber wenn es doch ein Wort braucht, um zu bezeichnen, «was nicht vom Menschen geschaffen wurde» (Wikipedia), ist «Natur» recht treffend: Seine Wurzeln liegen im lateinischen «nasci», «geboren werden, entstehen». Natur ist, was nicht gemacht, sondern geboren wird. Menschen zum Beispiel.
Im Lötschental gilt es seit dem Bergsturz als pietätlos, zu erwähnen, dass das Ereignis mit dem Klima zu tun hat. Das ist nachvollziehbar: Wer darüber nachdenkt, kann es mit der Angst zu tun bekommen. Nicht nur, weil der auftauende Permafrost allein im Wallis Dutzende von Ortschaften und Infrastrukturen bedroht (siehe WOZ Nr. 48/25). Sondern auch, weil der Bergsturz von Blatten noch etwas viel Grundlegenderes infrage stellt: den Glauben, die Menschen könnten die Naturkräfte kontrollieren, sich zu Diensten machen. Dieser Glaube hat in den letzten Jahrhunderten im Wortsinn Berge versetzt. Jetzt wird immer deutlicher, wie illusorisch er ist. Aber die Strukturen, die dieser Glaube geschaffen hat, sind da: eine Wirtschaft, die auf gigantische Ressourcenmengen angewiesen ist und immer weiterwachsen muss, um nicht zu kollabieren. Und es scheint fast unmöglich, sie hinter sich zu lassen.
Aus Geld mehr Geld
Bakuriani ist ein Kurort in Georgien. Er liegt im Krater eines erloschenen Vulkans, erreichbar mit einer alten Schmalspurbahn. Klingt interessant, wie etwas, das sich «lohnt» nach einer langen, anstrengenden Reise – mit dem Zug durch Osteuropa in der Hitze, mit der Fähre über das Schwarze Meer, mit dem Bus über eine holprige Passstrasse.
Es gibt in Bakuriani Wintertourismus, der Talboden liegt immerhin auf 1700 Meter über Meer, aber im Südkaukasus wachsen auf dieser Höhe noch Laubbäume, riesige, alte Orientbuchen. Es ist Nebensaison, Herbst, der letzte vor der Pandemie. In Bakuriani gibt es Hotelzimmer mit Kochnischen zu mieten. Das klingt nach Erholung nach der langen, anstrengenden Reise.
Zu den Fotos
Dem Beängstigenden entgegenzutreten – darum gehe es in ihrer Arbeit mit Masken, sagt die Urner Künstlerin Nathalie Bissig (siehe WOZ Nr. 18/25). Für die WOZ hat sie ein Jahr nach dem Bergsturz im Lötschental fotografiert. Auch hier gibt es Masken – und Beängstigendes.
Das Hotel ist fast leer, im Restaurant sitzen am Abend genau vier Gäste. Daneben steht noch ein grosses, leeres Hotel, dahinter noch eins, zwanzig an der Zufahrtsstrasse, Baustellen von weiteren hinten im Tal, am Ende müssen es etwa hundert sein. Baumaschinen fressen Schneisen in den alten Buchenwald, schälen das Gras ab. Übrig bleibt roter Lehm, der in dicken Schichten an den Schuhen klebt. Wachmänner in kleinen Kabinen passen auf die leeren Klötze auf. Zugvögel in der Höhe, Schafherden an den Berghängen. Irgendwann wird klar: Die Nebensaison ist nicht der einzige Grund für die Leere. Diese Hotelkomplexe werden nicht in erster Linie gebaut, damit hier jemand Ferien macht. Sondern um Geld anzulegen. Hier wird gefällt, gebaggert und gebaut, solange genug Leute glauben, damit lasse sich etwas verdienen. Es ist die Essenz des Kapitalismus in seiner ganzen Leere: aus Geld mehr Geld zu machen. Irgendwann wird der Glaube schwinden und damit auch das Geschäft. Die brandneuen Hotels haben etwas Gespenstisches – als würde der Wind hindurchwehen, als wären sie schon jetzt Ruinen, wenn man nur genau genug hinschaut.
Aus Geld mehr Geld machen, und wenn dabei die Welt zerstört wird: Das ist so normal, so banal und so essenziell für das Funktionieren des Alltags, dass es seltsam, fast anrüchig wirkt, darüber zu sprechen. Vielleicht hat dieses Tabu eine ähnliche Funktion wie das Klimatabu im Lötschental. Und es ist kein Zufall, dass es junge, noch nicht an Konventionen gewöhnte Menschen waren, denen es 2018 gelang, es endlich wieder zu benennen. Endlich wieder die Tatsache anzuprangern, dass ausgerechnet die Gesellschaft, die die ausgeklügeltste rational durchgeplante Zivilisation der Menschheitsgeschichte aufgebaut hat, dabei ist, das Irrationalste überhaupt zu tun: ihre Lebensgrundlagen zu zerstören.
Der Hitzesommer 2018 wirkte wie eine Vorahnung. Plötzlich wurde Wassermangel auch auf der regenverwöhnten Alpennordseite ein Thema. «I want you to panic», sagte Greta Thunberg im Januar 2019, und viele packte tatsächlich die Angst.
Doch Angst war nicht das einzige Gefühl, das die globale Bewegung prägte, die in jenem Winter entstand. Ebenso wichtig war Sehnsucht: nach einem anderen Verhältnis zur Natur – der äusseren und der eigenen –, nach einem anderen Zusammenleben mit Menschen und anderen Lebewesen, nach dem Ende der Ausbeutung.
Und die Sehnsucht richtete sich – auf Pilze. 2018 erschien «Der Pilz am Ende der Welt» der US-amerikanischen Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing auf Deutsch – ein Versuch, die spätkapitalistische Ökologie an einem sehr speziellen Lebewesen zu verstehen: dem Matsutake. Er wächst in Nordamerika in «gestörten», von der Holzindustrie ausgebeuteten Wäldern, wird dort von südostasiatischen Migrant:innen gesammelt und in die japanische Spitzengastronomie verkauft.
Kein Buch hatte im letzten Jahrzehnt einen so grossen Einfluss auf die globalisierte Kunstwelt. Es führte zu einem eigentlichen Pilzboom, einem Symbiosen- und Myzelhype, oft romantisiert, manchmal an der Grenze zum Kitsch. Tsing selber tappte nie in diese Falle; dazu ist die Geschichte des Matsutake viel zu zwiespältig. In einem Dokumentarfilm störte sie die Harmonie mit dem Hinweis auf tödliche Pilzinfektionen, die sich wie Antibiotikaresistenzen in Spitälern ausbreiten und Menschen buchstäblich auffressen.
2018 erschien auch «Entwertung. Eine Geschichte der Welt in sieben billigen Dingen», geschrieben vom britischen Ökonomen Raj Patel und dem US-Geografen und -Historiker Jason W. Moore. Rückblickend wirkt «Entwertung» wie der theoretische Überbau des Klimastreiks: «Der Kapitalismus ist nicht nur Teil einer Ökologie, er ist eine Ökologie – ein Bündel von Beziehungen, in dem Macht, Kapital und Natur miteinander verflochten sind.» Das Buch legt den Fokus auf die Kolonialgeschichte und zeigt, unter anderem an den Schriften von René Descartes (1596–1650) und Francis Bacon (1561–1626), welche Philosophie die gnadenlose Ausbeutung der Natur ermöglichte. Bacon beschrieb die Natur als Frau, aus der die Wissenschaft die Geheimnisse «herausfoltern» solle. Frauen und Kolonisierte wurden selbstverständlich nicht zur Gesellschaft, sondern zur Natur gezählt.
Es war und ist richtig, nicht «Klimaschutz», sondern «Klimagerechtigkeit» zu fordern.
Aufräumen müssen andere
Die Covid-Pandemie erschwerte den Aktivismus auf der Strasse. Doch der richtig grosse Einschnitt kam im Februar 2022. Mit Putins Angriff auf die ganze Ukraine verschoben sich die politischen Prioritäten in wenigen Wochen. Die Angst vor Krieg, Ressourcenknappheit und Wirtschaftskrise löste jene vor dem unberechenbaren Klima ab. Ökologische Fragen verschwanden von der Themenlandkarte. Sie wirkten wie ein Luxus, den man sich nicht mehr leisten konnte. Jetzt ging es wieder um Hartes: Stahl, Autos, Waffen. Ein Paradox – hat doch kaum etwas so viel mit Ökologie zu tun wie Ressourcenfragen. Dass sie unabhängig vom «Umweltschutz» betrachtet werden, dass Wirtschaft und Natur als zwei getrennte Welten gelten, führt zurück zur Analyse von Patel und Moore – und zum Kern des Problems. Die Natur wird auf eine Ansammlung von Ressourcen reduziert, diese werden ihrer Umgebung, ihrem Zusammenhang, ihren Ökosystemen entrissen. Hier die Produktion, dort der Schaden. Aufräumen müssen andere.
Die «Zeitenwende» brachte Diskussionen zurück, die wie ein fernes Echo der Antiglobalisierungsbewegung vor zwanzig Jahren klangen. Etwa die Frage, ob es ein Fehler gewesen sei, einen grossen Teil der Produktion lebenswichtiger Güter aus Europa auszulagern. Doch es gelingt bisher nicht, diese Diskussion von links zu nutzen. Auch weil immer deutlicher wird, dass die Auslagerung nicht nur Nachteile brachte: Mit der Industrie ist auch ein grosser Teil der Verschmutzung vom Kontinent verschwunden. Dass der Versuch, von Importen unabhängiger zu werden, einen Preis hat, den nicht alle zahlen wollen, zeigt sich gerade quer durch Europa: Menschen wehren sich in Spanien gegen Lithiumabbau und riesige Solarparks, in Finnisch-Lappland gegen die Zerstörung von Moorgebieten für Kupfer, Kobalt und Nickel, in den französischen Pyrenäen gegen neue Goldminen. Darum werden, auch wenn sie scheinbar in den Hintergrund getreten sind, die Auseinandersetzungen um ökologische Fragen zu- und nicht abnehmen.
Dass sie jedoch in der offiziellen Politik an Priorität verloren haben, ist auf allen Ebenen zu spüren – international, national, auch sehr lokal. «Heute treten die Rechtsbürgerlichen als gemauerter Block auf, als ob die Umwelt zum Feindbild geworden wäre», sagte Lukas Indermaur, Geschäftsleiter des WWF St. Gallen, kürzlich in einem Interview. Der bürgerlich geprägte Naturschutzgedanke ist verschwunden, Mitte-Rechts greift lästige Regulierungen wie das Verbandsbeschwerderecht und den Moorschutz an. Auch das ist Teil einer internationalen Entwicklung.
Die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Cara New Daggett hat 2018, in Donald Trumps erster Amtszeit, in ihrem Essay «Petromaskulinität» die libidinösen Verstrickungen der US-Rechten mit fossilen Energien analysiert. Etwa den Zusammenhang zwischen Ejakulation und sprudelnden Ölquellen oder die kindische Freude vieler Trump-Fans am Verschmutzen. Als Beispiel führt Daggett das «coal rolling» an, das bewusste Manipulieren von Automotoren, damit die Abgase möglichst schwarz und stinkend aus dem Auspuff quellen. Manche US-Rechte attackieren damit linke Demonstrantinnen oder Velofahrer.
Rechte Gärten
Doch die Zusammenhänge zwischen Antifeminismus und Antiumweltpolitik reichen noch viel weiter. Zentral ist darin vor allem: Kontrolle. Über Frauen, Konsumgüter, «Untergebene», den eigenen gestählten Körper – und die Kräfte der Natur, vom Wasser über Zuchttiere und -pflanzen bis zur Spaltung der Atome. Auf Versuchen, all dies zu kontrollieren, beruht die technisch-industrielle Zivilisation, auch wenn das in Mitte-Links-Kreisen als unsympathisch gilt und sich nur die Rechten offen dazu bekennen. Man sieht die wirtschaftliche Gewalt hier ja auch kaum mehr, weil wir die Grundlagen unserer Konsumgüter nicht mehr wahrnehmen: nicht selber Öl bohren, Wälder abholzen, Flüsse verseuchen, Tiere töten.
Je deutlicher wird, dass diese Kontrolle zum Scheitern verurteilt ist – und Blatten ist, wie gesagt, ein Sinnbild dafür –, desto attraktiver wird die Fantasie der Kontrolle, desto offener wird sie von Rechten ausgelebt. Wie es rechte Familienideale gibt, gibt es auch einen rechten Umgang mit dem Raum, der sich im eigenen Garten genauso ausdrückt wie in nachlässiger Raumplanung oder einer bestimmten Form von – im Wortsinn toxischer – Landwirtschaft.
Die Landwirtschaft ist ohnehin interessant, weil kaum eine andere Berufsgattung den Kontrollverlust so hautnah erlebt: Das Wetter wird immer unberechenbarer, Nässe folgt auf Dürre, invasive Insekten und Pilzkrankheiten bedrohen die Ernten. Auch für die Landwirt:innen war 2022 ein Wendepunkt: In ganz Europa bekamen jene Kreise Aufwind, die betonen, man müsse nun möglichst viel produzieren. Biolandbau, Biodiversitätsförderung und Pestizidgrenzwerte könne man sich nicht mehr leisten. «Wer sich auf die europäische oder heimische Erzeugung verlassen muss, darf diese nicht ausbremsen», liess der Deutsche Bauernverband verlauten, und die SVP forderte: «Lebensmittel produzieren statt Schmetterlinge zählen!»
Noch deutlicher als im Rest der Gesellschaft zeigt sich unter Landwirt:innen die Polarisierung in ökologischen Fragen. Bei vielen, die Bio ablehnen, ist die Sehnsucht nach der totalen Kontrolle, nach der Ausschaltung alles Unberechenbaren spürbar. Sie sind das Produkt von 150 Jahren Agrochemie: Für jedes Problem gibt es ein Pestizid oder eine technische Lösung. Sie wählen harte Strategien, etwa riesige Betonbecken zur Wasserspeicherung, die natürliche Gewässer zerstören und die Grundwasservorräte gefährden. Um solche «mégabassines» toben in Frankreich heftige politische Auseinandersetzungen. Auf beiden Seiten sind Landwirt:innen beteiligt.
Die andere Seite versucht, sich den Ökosystemen anzunähern, sich in Kreisläufe hineinzudenken, sie sucht weiche Strategien: Blumen pflanzen, die Bestäuberinsekten anziehen, oder Hecken, um Hermeline zu fördern, die Wühlmäuse fressen. Weiche Strategien sind Angebote, Einladungen. Wer sie verfolgt, gibt ein Stück weit die Kontrolle ab, macht sich verletzlich – niemand kann das Hermelin zwingen, sich anzusiedeln. Aber das Scheitern zerstört nichts. Im Gegensatz zum Bau von «mégabassines» beziehen weiche Strategien die Ökosysteme ein: Der Grundwasserspiegel kann erhöht werden, indem man Biberdämme zulässt; Feuchtigkeit lässt sich mit Teichen oder Gräben zurückhalten, die zugleich Wildpflanzen und -tieren zugutekommen.
Mit Blick auf die immer unberechenbareren Lebensbedingungen auf der Erde stellt sich allerdings die Frage: Sind weiche Strategien noch möglich? Oder werden wir gezwungen sein, «wie Astronaut:innen auf der Erde zu leben», wie der französische Ökophilosoph Aurélien Berlan schreibt? Die Rechten werden auf harte Strategien setzen: Abschottung, Gentechnik, Manipulation des Klimas durch Geoengineering. Auch diese werden wahrscheinlich scheitern, zu einer Spirale weiterer Zerstörung führen. Und absehbar zu einer immer autoritäreren, militarisierten Politik.
Verletzlichkeit
Brugg am 1. April dieses Jahres. Seit dem AKW-Unfall von Fukushima im März 2011 protestiert mehrmals pro Woche eine kleine Gruppe vor dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (siehe WOZ Nr. 13/26). Die 3000. Mahnwache, grösser als üblich, findet einige Meter entfernt im Innenhof der Fachhochschule Nordwestschweiz statt. Ein paar junge Männer beobachten sie aus dem Gebäude, scheinen sich lustig zu machen.
Ingenieur Heini Glauser, der die Mahnwache vor fünfzehn Jahren ins Leben gerufen hat, erklärt, warum vom 56-jährigen AKW Beznau 1 grosse Gefahr ausgeht: Der Stahl im Reaktordruckbehälter wird durch den Neutronenbeschuss immer spröder. Darum steigt die sogenannte Sprödbruchtemperatur an. In einer Verordnung steht, dass Beznau 1 abgestellt werden muss, sobald diese Temperatur 93 Grad erreicht. Aber niemand weiss, wann das der Fall ist. Die Stahlteile im Druckbehälter, die als Proben dienten, um die Sprödbruchtemperatur zu prüfen, sind seit siebzehn Jahren aufgebraucht. 1969 ging niemand davon aus, dass das AKW so lange laufen würde.
Wer zuhört, kann es mit der Angst zu tun bekommen. Kann sich daran erinnern, wie verletzlich Körper von Lebewesen auf Radioaktivität reagieren. Oder darüber nachdenken, was es bedeutet, dass seit fast sechzig Jahren ein AKW in bester Westwindlage am Rand des Grossraums Zürich steht. Wie konnte die atomare Gefahr so in den Hintergrund treten? Liegt es einfach daran, dass man nicht vor zu vielen Katastrophen auf einmal Angst haben kann?
Plötzlich knallt es. Eine Getränkedose zerplatzt auf dem Asphalt, dann noch eine. Woher? Zuerst herrscht Verwirrung. Dann, beim Blick nach oben: Eine Hand schiebt eine dritte Dose durch einen Lüftungsschlitz im vierten Stock der Fachhochschule. Die jungen Männer von vorhin?
Der Angriff, nicht direkt auf Menschen gezielt und doch bedrohlich, verstärkt das Gefühl von Verletzlichkeit noch. Wie einfach es ist, eine friedlich protestierende Menschenmenge anzugreifen. Und in wie vielen Ländern der Welt das passiert.
Kann aus Verletzlichkeit Kraft entstehen? Ist Verletzlichkeit, wie es im Titel der aktuellen Bieler Fototage heisst, ein Gemeingut? Können wir dank unserer eigenen schwachen Körper verstehen, wie verletzlich das Netz des Lebens ist? Und was tun wir dann?
Wenn es um die eigene Verantwortung geht, zitieren Linke gerne Theodor W. Adorno: «Es gibt kein richtiges Leben im falschen.» Individuelles Handeln sei überbewertet; «das muss die Politik regeln».
Ja, der Fokus muss auf der Politik liegen, auf allen Ebenen, im Parlament und ausserhalb, unbedingt auch auf konkreten Orten: um Autobahnen und AKWs zu verhindern, um trotz düsterer Aussichten weiche Strategien einzuüben. Trotzdem stellt sich für jede einzelne Person, die den ökologischen Notstand erkannt hat, die Frage: Was bedeutet ein verantwortliches Leben? Wie verfallen wir weder in Selbstüberschätzung noch in Zynismus und Ohnmacht? Der Planet setzt den Menschen Grenzen. Je länger wir sie ignorieren, desto enger werden sie. Ist es möglich, mit diesen Grenzen im Alltag auf eine gute Art zu leben?
Am 22. Mai zieht der Klimastreik durch die Gassen von Bern. Es ist keine besonders grosse Demonstration, auch weil sie auf Anordnung der Behörden am Freitagabend stattfinden muss. Doch wer die Klimabewegung für gescheitert erklärt (siehe WOZ Nr. 15/26), sollte sich fragen, woher die Massstäbe kommen, die Erfolg und Scheitern definieren. Ob es nicht sehr kapitalistische Kriterien sind, die nur das Messbare erfassen und nicht das, was Bewegungen in guten und flüchtigen Momenten ermöglichen: manchmal, unerwartet, eine Ahnung von dem zu geben, was sein könnte. ●