Energiekrise: Die Autonomie beginnt beim Dünger
Der Krieg gegen den Iran bedroht die Ernährungssicherheit: Ohne fossile Energie kein Kunstdünger. Doch es gibt ökologische Alternativen, die viele weitere Vorteile haben.
Die Ernährung der Menschheit hängt von fossilen Brenn- und Treibstoffen ab. Beim Diesel für Traktoren, in der verarbeitenden Industrie, bei Transporten um die Welt: Da ist es offensichtlich. Doch die Abhängigkeit beginnt noch früher – bevor überhaupt eine Pflanze gewachsen ist: beim Dünger. «Ein Grossteil der Landwirtschaft ist heute direkt an den Öl- und den Gaspreis gekoppelt», sagt Tina Goethe vom Hilfswerk Heks. «Das ist hochgefährlich.»
Diese Koppelung geht auf einen Durchbruch der chemischen Forschung Anfang des 20. Jahrhunderts zurück: Die deutschen Chemiker Fritz Haber und Carl Bosch entwickelten ein Verfahren, mit dem sich Ammoniak direkt aus Wasserstoff und Luft synthetisieren lässt. Luft besteht zu 78 Prozent aus Stickstoff, einem für Pflanzen unverzichtbaren chemischen Element. Aus der Wasserstoff-Stickstoff-Verbindung Ammoniak lassen sich Kunstdünger wie Harnstoff, Ammoniumnitrat oder Ammoniumsulfat herstellen.
Die Ammoniaksynthese benötigt Temperaturen von 400 bis 500 Grad – also viel Energie. Fast immer kommt dabei Erdgas zum Einsatz: als Wasserstoff- und als Energiequelle. Wenn man die Transporte mitrechnet, steckt in einer Tonne synthetischem Stickstoff die Energie von rund zwei Tonnen Erdöl.
Die Branche operiert längst global. Fast ein Drittel des weltweit gehandelten Stickstoffdüngers passiert normalerweise die Strasse von Hormus. Bereits spüren viele Länder die drohenden Engpässe. «Südasien braucht dringend Dünger für den Reisanbau – jetzt», sagt Goethe. «Und in Subsahara-Afrika können die Länder ihren Bedarf an Düngemitteln bisher nicht selbst decken. Trotzdem fördern viele Regierungen eine Landwirtschaft, die von synthetischen Chemikalien abhängig ist.»
Was Goethe Sorgen macht: «Schon 2008, als der Finanzkrise eine Ernährungskrise folgte, und 2022 nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine wurde sichtbar, wie verletzlich das globalisierte, fossilabhängige Ernährungssystem ist.» Geändert habe sich nichts. «Das heutige System hat zu viele Profiteure: Öl-, Düngemittel- und Lebensmittelkonzerne.»
Billige Nahrung
Die Verwendung von synthetischem Stickstoffdünger hat seit den sechziger Jahren global um 800 Prozent zugenommen. Entscheidend war dafür die Grüne Revolution: Nach dem Zweiten Weltkrieg propagierten zuerst die Rockefeller-Stiftung, später auch die Weltbank und die Ernährungsorganisation der Uno (FAO) Hochleistungssorten, die nur mit Pestiziden und hohen Düngermengen gute Ernten abwerfen.
Die «Revolution» war kein humanitäres Programm, sondern ein Teil des Kalten Krieges. Die Städter:innen des Globalen Südens sollten billige Nahrung erhalten, damit sie nicht auf kommunistische Ideen kamen. Ausserdem ermöglichten tiefe Lebensmittelpreise tiefe Löhne. «Systeme billiger Nahrung garantieren weder dafür, dass die Menschen ausreichend Nahrung bekommen, noch dafür, dass die Nahrung von guter Qualität ist», betonen der Ökonom Raj Patel und der Ökologiehistoriker Jason W. Moore in ihrem Buch «Entwertung». In Indien versiebzehnfachte sich der Pestizidgebrauch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In indischen Bundesstaaten wie Punjab, die den Ideen der Grünen Revolution besonders eifrig folgten, häuften sich die Krebsfälle.
Die Folgen der Stickstoffsynthese wurden hingegen erst allmählich klar. Während vor der Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens eine bestimmte Menge Stickstoff in der Biosphäre zirkulierte, kommt nun laufend neuer, zusätzlicher Stickstoff aus der Luft dazu. Er überdüngt Ökosysteme und Gewässer und verdrängt alle Pflanzenarten, die mit solchen Düngermengen nicht zurechtkommen – eine Katastrophe für die Biodiversität (siehe WOZ Nr. 6/25). In Europa und der Schweiz wird vor allem die Überdüngung mit Gülle und Mist thematisiert, doch auch sie ist eine Folge des Haber-Bosch-Verfahrens: Die meisten Tiere fressen Futterpflanzen, die mit synthetischem Stickstoff gedüngt wurden. Auch für das Bodenleben ist Kunstdünger schädlich.
Synthetischer Stickstoffdünger schafft also eine ganze Reihe von Problemen. Die Abhängigkeit von unzuverlässigen globalen Lieferketten ist zurzeit das drängendste, die Umwelt- und Klimaschäden sind mittelfristig ebenso gravierend. Alles spricht dafür, die Ernährungssysteme zu dekarbonisieren. Aber wie?
Dünger selber machen
«Da wir heute zu viel Kunstdünger einsetzen, kann man ihn reduzieren», sagt Adrian Müller, Klima- und Landnutzungsspezialist am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). «Er lässt sich mit organischen Düngern und Leguminosen ersetzen.» Leguminosen sind Hülsenfrüchte wie Bohnen, Lupinen, Erbsen und Soja. Sie leben in Symbiose mit Wurzelbakterien, die das können, wofür Menschen so viel fossile Energie brauchen: Stickstoff aus der Luft holen. Im Gegensatz zu Kunstdünger fördern organische Dünger auch das Bodenleben und den Humusaufbau, was Kohlenstoff aus der Luft bindet, also gut ist fürs Klima (siehe WOZ Nr. 20/20).
Tina Goethe erzählt von einer Podiumsdiskussion mit indischen Bäuerinnen, die sie kürzlich moderierte. «Sie sagten alle dasselbe: ‹Seit wir auf Pestizide und Kunstdünger verzichten, geht es uns viel besser.› Schon Tausende von Praktikerinnen haben agrarökologische Methoden erfolgreich erprobt.»
Ohne synthetische Dünger und Pestizide sind die landwirtschaftlichen Erträge allerdings meist tiefer, zumindest kurzfristig. Gefährdet eine Umstellung auf Bio die Ernährungssicherheit? «Biolandbau, der auf eine grosse Vielfalt an Nutzpflanzen setzt, kann die Ertragslücke verringern», sagt Adrian Müller. «Kulturen, für die Bestäuberinsekten wichtig sind, profitieren von Bio.» Im Biolandbau sollte das Zusammenspiel der Kulturen und Lebewesen so gut funktionieren, dass Probleme mit Schadinsekten oder Nährstoffmangel am besten gar nicht entstünden. Darum sei guter Biolandbau anspruchsvoll: «Er braucht Zeit und viel Fachwissen, etwa beim Pflanzenschutz oder bei der Kompostherstellung.» Es helfe daher nicht weiter, synthetische Dünger und Pestizide ohne Vorbereitung der Landwirt:innen einfach zu verbieten, wie es Sri Lanka im Mai 2021 versucht habe. «Ein solches Vorgehen gilt unter Fachleuten als Beispiel, wie man es nicht machen sollte.»
Weil Bio viel Fachwissen braucht, zögert Müller, einfach «Bio für die Welt» zu propagieren. «Ich spreche oft auch von Agrarökologie, von Systemen, in denen synthetische Inputs stark reduziert werden, aber nicht gleich auf null.»
Doch es gebe auch über die Anbaumethoden hinaus viele Möglichkeiten, um Ernährungssysteme robuster und weniger abhängig von fossilen Energieträgern zu machen. «Wenn Nahrung für Menschen statt Tierfutter angebaut wird, braucht es weniger Höchsterträge, weil mehr Kalorien statt in Tiermägen direkt auf dem Teller landen.» Ausserdem propagiert er, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, weite Transporte und energieintensive Treibhäuser zu vermeiden, also regionaler und saisonaler zu konsumieren.
Nicht für den Export
Regional und saisonal: Für europäische Ohren klingt das wie ein Appell an Konsument:innen. Doch es gehe um viel mehr, nämlich um politische Entscheidungen und wirtschaftliche Strukturen, sagt Goethe. «Für robuste Ernährungssysteme ist es wichtig, dass die Länder des Globalen Südens nicht in erster Linie für den Export produzieren, sondern für regionale und überregionale Märkte. Die Alliance for Food Sovereignty in Africa fordert genau das.» Solche Bewegungen für Ernährungssouveränität und Agrarökologie, wie es sie in Lateinamerika und Südasien schon lange gibt, hätten in den letzten Jahren auch im südlichen Afrika an Stärke gewonnen. «Sie zeigen, dass es absurd ist, ökologische und soziale Fragen getrennt zu diskutieren.»
Der erwähnte Ökonom Raj Patel arbeitete für die Weltbank, die Weltwirtschaftsorganisation und die FAO, bevor er desillusioniert die Seite wechselte und zu einem scharfen Kritiker dieser Institutionen wurde. Kürzlich hat er eine eindringliche Warnung veröffentlicht. «Die amerikanische Arbeiterklasse und die afrikanischen Kleinbauern stehen in dieser Krise letztlich nicht auf gegensätzlichen Seiten», schreibt er. «Sie sind beide abhängig von einem Nahrungsmittelsystem, das auf einer Ressource aufgebaut wurde, die zur Neige geht und von einer Handvoll Staaten und Konzernen kontrolliert wird.» Was tun? «Ökologische Landwirtschaft ist viel mehr als Verzicht auf synthetische Chemikalien», sagt Tina Goethe. «Aber dieser ist jetzt am dringendsten. Und er ist möglich.»