08.03.2001

Das fast Unmögliche schaffen

Auch dort Wege suchen, wo es scheinbar keine gibt: Die afghanische Ärztin Sima Samar, diesjährige und erste Trägerin des Paul-Grüninger-Preises, im Gespräch mit der WoZ.

Von Judith Huber und Armin Köhli

Mehr als 17 000 Schülerinnen und Schüler in 49 Schulen, mehrere Spitäler und kleine Kliniken in Afghanistan und Pakistan – das Werk der 44-jährigen afghanischen Ärztin Sima Samar, ihr Einsatz für das Recht der Frauen und Mädchen auf Bildung und Gesundheit ist beeindruckend. Sie und ihre MitarbeiterInnen arbeiten in dieser von Gewalt und Krieg heimgesuchten Region unter schwierigsten Umständen, oft unter Lebensgefahr. Warum nimmt sie all dies auf sich? Die Antwort liegt in ihrer eigenen Biografie, in der eigenen Erfahrung von Benachteiligung und Unterdrückung.

Sie habe schon als Kind in der eigenen Familie erlebt, wie Mädchen und Jungen unterschiedlich behandelt wurden, beginnt die Ärztin zu erzählen. In der Schule habe sie von Anfang an Klassenbeste sein wollen, und zu Hause habe sie doppelt, ja dreimal so viel gearbeitet wie die anderen – um ihrem Vater und ihren Brüdern keinen Grund zu geben, sie zu bestrafen oder ihr den Schulbesuch zu verweigern. Dazu kam ihre Zugehörigkeit zur ethnischen Minderheit der Hazara, die sich zur schiitischen Glaubensrichtung des Islams bekennt; Samar stammt aus der Provinz Ghazni im Südwesten Afghanistans. Sie wurde nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule diskriminiert, und zwar mehrfach: als Bürgerin zweiter Klasse wegen ihr Herkunft und als Mädchen gar als Mensch vierter Klasse. «Dies brachte mich zum Nachdenken und Handeln», sagt Samar. Als der Vater sie nicht studieren lassen wollte, musste sie heiraten, um an die Universität zu können. «Ich glaubte, dass nur Bildung mir die Möglichkeit geben konnte, auf eigenen Beinen zu stehen», betont Samar. Auch die Armut im Lande, insbesondere die Lage der Frauen, habe sie angetrieben, etwas zur Veränderung dieser Zustände zu tun.

Beim prosowjetischen Putsch (1978) verschwand ihr Ehemann, der Einzige, der sie je unterstützt habe, wie Samar sagt. Mit Stricken und Kleidernähen hielt sie sich und ihren Sohn über Wasser. Nach Ende des Medizinstudiums arbeitete sie ein paar Monate in einem Spital in der afghanischen Hauptstadt Kabul, wo aber die Arbeit jedes Arztes und jeder Ärztin von russischen «Beratern» überprüft wurde. Nach ein paar Monaten wurde die Situation für sie unhaltbar, und sie kehrte in die Gegend zurück, aus der sie kam. «Es gab kein Spital in dieser Gegend. Es gab nichts. Im ganzen Bezirk nicht. Ich begann einfach zu arbeiten, mit nicht viel mehr als einem Stethoskop.» Die PatientInnen empfing sie im Hause ihres Schwiegervaters. Sie sei sehr unerfahren gewesen, sagt Samar. Die einzigen Ratgeber für die Behandlung von NotfallpatientInnen seien Bücher gewesen. Und Medikamente waren nur sehr beschränkt erhältlich.

Nach drei Jahren Arbeit in ihrer Heimat wurde es Zeit für ihren Sohn, zur Schule zu gehen; doch eine solche existierte nicht in erreichbarer Nähe. Deshalb emigrierte Samar nach Pakistan, ins grenznahe Quetta, wo sie in einem Spital begann, afghanische Flüchtlinge zu behandeln und Flüchtlingslager zu besuchen. Afghanische Ärzte, geschweige denn Ärztinnen, gab es dort nicht. Es sei sehr schwierig gewesen, mit den pakistanischen Ärzten zu arbeiten, denn diese hätten die afghanischen PatientInnen für schmutzig und dumm gehalten, sagt Samar. «Zweifellos sind unsere Leute schmutzig. Sie sind auch dumm, aber sie werden so gehalten, in ihrer Armut, in ihrer Situation.» Als eine schwangere Afghanin starb, weil die Aufnahme geschlossen war und sich niemand um Notfälle kümmerte, beschloss sie, ein Spital speziell für afghanische Frauen zu gründen. Und zwar mit afghanischem Personal, um nicht immer diese diskriminierenden Kommentare zu hören.

Der Aufbau des Spitals für Flüchtlinge trug ihr Drohungen der islamistischen Parteien ein, und auch die Regierung und die Polizei legten ihr Steine in den Weg. Zu arbeiten sei damals, Anfang achtziger Jahre, für eine Frau in Pakistan fast eine kriminelle Handlung gewesen. Sie trug unterschiedliche Brillen und Tschadors, wenn sie das Spital verliess, und wechselte die Autos. Als junge Witwe, die arbeitete, wurde sie beschuldigt, ein Prostituierte zu sein – ein potenziell tödlicher Vorwurf. Doch sie hatte Glück. Sie begann, im Spital junge Frauen zu Krankenschwestern auszubilden. Nach dem Spital gründete sie eine Schule, denn Bildung sei letztlich wichtiger als das Gesundheitswesen, sagt Samar. «Wenn wir Bildung hätten, hätten wir nicht so viele Gesundheitsprobleme.» Unterstützung hatte sie keine, auch nicht internationale. Niemand sei bereit gewesen, ein Frauenprojekt zu unterstützen. Es sei eine schwierige Zeit gewesen. «Ich brauchte lange, bis sie meine Arbeit akzeptierten.»

1988 besuchte ein Mitarbeiter des norwegischen Aussenministeriums das Spital in Quetta und zeigte sich sehr beeindruckt. Mit Finanzhilfe aus Norwegen konnte Samar daraufhin beginnen, ihren Traum zu verwirklichen und in der Hazara-Region in Afghanistan ein Spital aufzubauen. Der Bau der Klinik in Jaghori, Provinz Ghazni, dauerte fünf Jahre: Das Material, das aus Pakistan hergeschafft werden musste, wurde wiederholt gestohlen oder zerstört: von islamistischen Paschtunen, aber auch von islamistischen Hazara. 1993 konnte die Klinik schliesslich doch eröffnet werden. 1989 gründete Samar zudem die ersten Schulen, in Afghanistan in der Hazara-Region und in Pakistan, sowohl für Mädchen als auch für Jungen.

Wie bringen Sie die Eltern dazu, dass sie auch die Mädchen zur Schule schicken?
Im ersten Jahr haben wir nur Jungen unterrichtet. Ein Jahr später bin ich zu den Eltern gegangen und habe verkündet, dass wir mit dem Unterricht aufhören, falls sie nicht auch die Mädchen zu uns schicken. So kamen nach und nach auch Mädchen zu mir. Grundsätzlich beginne ich überall zuerst mit medizinischen Projekten. Denn die Leute können nicht an ihre Zukunft denken. Sie haben jetzt Kopfweh und brauchen jetzt sofort ein Aspirin. Sie denken an ihre unmittelbaren Bedürfnisse und nicht daran, dass in zwölf Jahren einmal ein Kind die Schule absolviert haben wird. Erst wenn wir uns Raum geschaffen haben und von den Menschen akzeptiert werden, beginnen wir mit Bildung.

Wie schaffen Sie das Kunststück, sich unter den Augen der Taliban für Bildung und Gesundheit von Mädchen und Frauen einzusetzen?
Wir machen unsere Politik von Tag zu Tag, suchen dauernd neue Wege. Dieses Jahr beispielsweise sandten die Taliban einen Brief und verlangten die Schliessung der Mädchenschulen in Ghazni. Aber in der Hazara-Gegend haben sie nicht viele Truppen stationiert; sie können nicht in jedes Dorf Truppen schicken. Wir baten unsere Leute, mit den Taliban, mit denen sie zu tun haben, nett zu sein, ihnen bei einem Spitalbesuch etwas Aspirin zu schenken – um sie ruhig zu halten. Dann kam ein zweiter Brief, von dem zuständigen Taliban in der Provinzverwaltung. Aber wir fuhren weiter mit dem Unterricht. Im dritten Brief hiess es, dass sie uns nach islamischem Scharia-Recht bestrafen werden. Ich sagte meinen Leuten in Ghazni, macht weiter mit der Schule und verhandelt mit den lokalen Taliban; sagt ihnen, wir halten die Leute beschäftigt, dass sie nicht gegen euch kämpfen. Macht sie zufrieden, und wenn nötig, ladet sie zum Essen ein. Auf höherer Ebene ist es unmöglich zu verhandeln; dort heisst es, der obere Religionswächter Mullah Mohammed Omar habe verfügt, dass Mädchen nicht zur Schule gehen sollen. Wir bleiben auf der lokalen Ebene. Der lokal verantwortliche Taliban sagt dann, o.k., macht weiter mit der Schule, aber ich bin nicht verantwortlich dafür. Er wird einer höheren Taliban-Delegation niemals sagen, dass er die Bewilligung gab. Wenn dann eine solche Delegation kommt, schliessen wir die Mädchenschule für zwei, drei Tage. Sobald sie weg ist, öffnen wir sie wieder.

Haben Sie keine Angst vor einer Verhaftung, wenn Sie von Pakistan aus die Projekte in Afghanistan besuchen?
Ich habe nicht so sehr Angst davor, dass sie mich umbringen. Aber dass sie mich verhaften und festhalten, das macht mir Angst. Ich weiss nicht, wie sie sich verhalten würden. Das macht mich vorsichtig. 1999 wurde der zuständige Arzt des Spitals in Ghazni von den Taliban verhaftet, während einer Polio-Impfkampagne. Wir erhalten von ihm Briefe, in denen er um Medikamente oder Milchpulver und um warme Kleider bittet. Wir wissen nicht, was ihm vorgeworfen wird, und auch nicht, wie lange er in Haft bleiben wird. Die Uno hat interveniert; das hat nichts genützt. Wir haben mit den lokalen Taliban darüber gesprochen. Diese forderten ein Lösegeld. Ein solches wollen wir aber nicht zahlen, denn sonst werden sie täglich jemanden von unserem Personal kidnappen.

Haben Sie überhaupt noch Hoffnung auf eine Verbesserung der Lage in Afghanistan?
Ich hoffe jeden Tag, dass sich etwas bessert. Es kann so nicht weitergehen, und schlimmer kann es auch nicht werden. Die Menschen sind des Krieges wirklich müde. Wir haben Generationen an den Krieg verloren. Sie blieben ohne Ausbildung und sahen nur Gewalt. Unsere Jugend weiss nicht, was Grundrechte sind und wie sich junge Menschen normalerweise verhalten. Sie haben nichts als Kampf und Tod erlebt. Es braucht sehr viel Geduld, das alles wieder in normale Bahnen zu bringen.

Tödliche Willkür der Taliban

An der Strasse von Bamian nach Yakaolang, am malerischen Surkh Kotal – dem «Roten Pass» – befindet sich an einer Wegbiegung das Gelände der kleinen deutschen nichtstaatlichen Organisation (NGO) «Zuflucht». Hinter den Lehmmauern mit dem grossen Tor behandelt und beherbergt eine deutsche Ärztin afghanische Leprakranke. Behandelte und beherbergte, muss man sagen. Denn die Ärztin musste aus Yakaolang fliehen, nachdem dort vor wenigen Wochen eine der blutigsten Episoden in der jüngsten Geschichte Afghanistans stattfand. Anfang Januar eroberten die Taliban nach einer kurzen Unterbrechung Yakaolang von ihren Gegnern zurück und nahmen Rache an der örtlichen Bevölkerung, die sie der Unterstützung ihrer Gegner verdächtigten. Sondereinsatzgruppen verhafteten alle männlichen Einwohner Yakaolangs und umliegender Dörfer, die potenziell eine Waffe tragen können, also alle im Alter von 12 bis 70 Jahren, deren sie habhaft werden konnten. Dann erschossen sie sie. Eines der Massaker fand direkt vor «Zuflucht» statt. Auf der Liste der 170 namentlich bekannt gewordenen Ermordeten befinden sich zehn afghanische Mitarbeiter internationaler und einheimischer Hilfsorganisationen, darunter von «Zuflucht».

Yakaolang ist nur ein Beispiel dafür, wie schwer es für NGOs ist, in Afghanistan zu arbeiten. Besonders für einheimische. Denn sie sind den Taliban fast schutzlos ausgeliefert. «Brunnen bohren können die Afghanen auch alleine», sagt Erhard Bauer von der Deutschen Welthungerhilfe in Afghanistan, «wir sind hier, um uns vor sie zu stellen und vor der Willkür der Taliban zu schützen.» Auch die Finanzen für die afghanischen Gruppen kommen vorwiegend aus dem Ausland. An Ausländer traut sich die so genannte Koranschüler-Miliz jedoch nicht so recht heran. Afghanische NGOs hingegen gelten bei den Taliban als Selbstbedienungsladen.

Während die Taliban sich auf das Kriegführen konzentrieren, leisten die NGOs, gerade auch die afghanischen, eine unschätzbare Arbeit. Zusammengeschlossen und koordiniert in zwei Dachverbänden, ACBAR und ANCB, halten sie für die Bevölkerung lebenswichtigen Dienste in der Lebensmittelversorgung, im Gesundheits- und Bildungswesen sowie beim Bau von Unterkünften in dem kriegszerstörten Land aufrecht.

Bei ACBAR arbeiten auch internationale NGOs mit, ANCB ist eine rein afghanische Institution. ACBAR, mit je einem Büro in Kabul und in Islamabad (Pakistan), kann unbehelligt tätig sein, hingegen haben die Taliban die ANCB-Mitgliedsorganisationen vor einigen Wochen kurzerhand für aufgelöst erklärt. Sie versuchen derzeit, die ins Land fliessende internationale Hilfe in ihren Griff zu bekommen und haben deshalb die Hürden für die NGO-Registrierung höher gesetzt. Die einheimischen NGOs sollen sich neu registieren lassen und neuen Auflagen unterwerfen.

Einige afghanische NGOs, wie das «Center for Cooperation on Afghanistan» (CCA), widmen sich sogar der gefährlichen Aufgabe, über Menschenrechte aufzuklären und Verstösse dagegen aufzudecken. Auch mindestens zwei CCA-Mitarbeiter verloren beim Massaker von Yakaolang ihr Leben.

Jan Heller, Kabul

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch