11.10.2001

Bomben auf ein verwundetes Land

Schrecken und Hoffnung auf eine bessere Zukunft: Die AfghanInnen sind hin und her gerissen, sagt die afghanische Ärztin Sima Samar. Und einmal mehr werden die Entscheidungen über die Zukunft des Landes ohne die Frauen gefällt.

Interview: Judith Huber

WoZ: Seit Sonntag bombardieren die Armeen der USA und Britanniens Ziele in Afghanistan. Was geht Ihnen durch den Kopf?
Sima Samar: Ich habe sehr gemischte Gefühle. Es ist mein Land, das angegriffen wird, ein Land, das bereits tief verwundet ist. Ich bin letzte Nacht wach gelegen und habe mir vorgestellt, ich sei in Kabul: Es ist zehn Uhr nachts, die Lichter gehen aus, und ich wache wegen der Explosionen auf. Und weiss nicht, wohin ich gehen und wie ich mich retten soll. Andererseits wäre es eine Hilfe, wenn es ein für alle Mal vorbei wäre mit dem Taliban-Regime. Emotional ist es wirklich eine sehr schwierige Zeit. Ich fühle mich ähnlich wie damals bei der russischen Invasion. Ich versuche mir einzureden, dass die Zivilbevölkerung nicht angegriffen wird. Doch all diese Explosionen, Bomben, Raketen haben mannigfache Nebenwirkungen, auf die Menschen, die im Land leben, auf die Umwelt. Vielleicht sind diese Effekte nicht sofort sichtbar, aber längerfristig sind sie eine Realität.

Konnten Sie etwas über die Lage in Afghanistan in Erfahrung bringen?
Es ist uns gelungen, unsere Mitarbeiter im Land (in der hauptsächlich von der Minderheit der Hazara bewohnten Gegend in Zentralafghanistan, Anm. d. Red.) telefonisch zu erreichen. Die Hazara-Region selbst ist von den Luftangriffen nicht betroffen, da es dort zum Glück keine Ausbildungslager der Taliban gibt. Weil es in diesem Gebiet relativ ruhig ist, kommen viele Menschen aus Kabul und anderen Städten in die Region, um in den Dörfern Zuflucht zu suchen. Das grösste Problem ist, dass es bereits für die ansässigen Menschen zu wenig Nahrung gibt.

Sind die Kliniken und Schulen, die Sie in der Hazara-Region aufgebaut haben, in Betrieb?
Ja, denn sie sind wie gesagt weit weg von den Angriffszielen der USA. Unsere lokalen Mitarbeiter sagen, die Taliban-Behörden seien nervös, mischten sich aber nicht ein. Sie haben in diesen Tagen mit sich selbst genug zu tun.

Sehen Sie irgendeine Möglichkeit, dass in Afghanistan nach den neusten Ereignissen eine andere, bessere Regierung an die Macht kommt?
Wir hoffen sehr, dass ein solches Sze- nario einmal Wirklichkeit wird. Diese Tage sind sehr geschäftig, die Uno-Agenturen, die Nordallianz, die internationale Diplomatie arbeiten auf Hochtouren. Aber meine Angst ist, dass die Frauen einmal mehr bei diesen Plänen nicht berücksichtigt werden. Ich fürchte, dass erneut ausschliesslich fundamentalistische Männer an die Macht gelangen. Ich habe bei der Uno angerufen und gesagt, ich will nicht, dass wir schon wieder vergessen werden. Aber ich habe wenig Hoffnung. Niemand spricht über die Frauen, obwohl wir die Mehrheit der Bevölkerung sind.

Bei der Einsetzung der «loya jirga», des Stammesrates, hätten die Frauen ja auch kein Mitspracherecht.
Genau. Deshalb dränge ich darauf, dass die afghanischen Frauen an den Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Sonst sieht das Resultat ähnlich aus wie 1992, als von Pakistan aus eine Regierung installiert wurde. Wir befürchten die Wiederholung des ewig Gleichen. Wir haben nicht viel Hoffnung. Neben der Beteiligung der Frauen ist besonders wichtig, dass alle ethnischen Gruppen in der Regierung vertreten sind. Sonst stehen wir wieder vor den gleichen Problemen wie jetzt.

Sind in den letzten Tagen afghanische Flüchtlinge über die Grenze nach Pakistan gelangt?
Die Grenze ist nach wie vor geschlossen. Ich habe das Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) angerufen, aber keine Informationen erhalten. Die UNHCR-Mitarbeiter konnten heute wegen der Unruhen in Quetta nicht arbeiten und mussten zu Hause bleiben. Es ist in den letzten Wochen jedoch Flüchtlingen immer wieder gelungen, Grenzbeamte zu bestechen und nach Pakistan zu gelangen. Sie haben das Bergland durchquert und sind in einem schrecklichen Zustand. Frauen haben an der Grenze Kinder zur Welt gebracht. Wir schätzen, dass in den letzten Wochen zu den bereits rund 80 000 afghanischen Flüchtlingen in und um Quetta weitere 10000 bis 15000 Menschen gekommen sind.

Wo kommen diese Menschen unter?
Einige werden von ihren Verwandten in Quetta aufgenommen. Die anderen leben in den alten Flüchtlingslagern, die rund zwei Fahrstunden von der Stadt entfernt sind. Sie versuchen, sich irgendwie über Wasser zu halten, etwas zu verkaufen oder Arbeit zu finden. Kinder wühlen im Abfall nach Essbarem. Sie sind in einer schrecklichen Situation. Die lokalen Behörden wollen die Flüchtlinge möglichst nicht in der Stadt haben und stellen dort deshalb keine Hilfe zur Verfügung. Sie planen ein Flüchtlingslager nahe der Grenze; das steht aber noch nicht. Wir können in unserer Klinik vorerst nur denen helfen, die zu uns kommen. Wir haben aber bei unseren Geldgebern ein Projekt für eine Klinik in einem der Flüchtlingslager eingereicht und sind daran, Decken, Plastikplanen, Zelte und Socken für die Neuangekommenen bereitzustellen.

Was ist das Dringendste in der aktuellen Situation?
Es braucht unbedingt mehr humanitäre Hilfe. Die Menschen in Afghanistan verhungern. Schon ohne die Luftschläge waren genug Menschen vom Hungertod bedroht. Es ist nur schlimmer geworden. Die Menschen sind völlig hilflos, wissen nicht, wohin sie gehen, was sie tun oder an wen sie sich wenden sollen.

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