18.10.2001

Noch einen drauf

Die Bomber der USA und Britanniens werfen über Afghanistan auch Geschosse mit «Clustermunition» ab – und verseuchen das verminte Land faktisch mit neuen Minen.

Von Tobias Gasser

«Davon schmeissen wir derzeit eine Menge ab», gab letzte Woche ein Pentagon-Sprecher zum Einsatz von Clustermunition in Afghanistan zu Protokoll. Präziser wollte er nicht werden. Später bestätigte das Pentagon, dass eine lasergesteuerte Clusterbombe auf ein Wohngebiet in Kabul fiel. Und unbestätigten Berichten zufolge wurde ein Mitarbeiter des Welternährungsprogramms der Uno (WFP) beim Abladen von Hilfslieferungen verletzt, als eine Streubombe in etwa 600 Metern Entfernung explodierte.

Clustermunition, auch Streu- oder Kanistermunition genannt, wird mit Artillerie, Flugzeugen oder Tomahawk-Marschflugkörpern verschossen. Über dem Zielgebiet giessen die Geschosse ihre tödliche Fracht aus und verstreuen hunderte von kleinen Splitter- und Hohlladungssprengkörpern gegen «weiche» menschliche und «harte» gepanzerte Ziele. Die Munition ist dafür bekannt, dass sie viele Blindgänger hinterlässt. Dieselbe Clustermunition, die in Afghanistan eingesetzt wird, hinterliess im Kosovo dreissig Prozent nicht detonierte Sprengkörper – und forderte gleich viele Nachkriegsopfer wie Personenminen.

Dabei gehört Afghanistan bereits zu den am meisten verminten Ländern der Welt. 724 Millionen Quadratmeter gelten als minenverseucht. Die Hälfte davon ist Land, das landwirtschaftlich, für Kleingewerbe oder als Wohnraum genutzt werden sollte. Vor zehn Jahren töteten und verstümmelten Minen und Blindgänger täglich mehr als zwei Dutzend Menschen. Seither haben rund 5000 Minenräumer im Auftrag der Uno 216 000 Personenminen, fast 10000 Panzerminen und 1,3 Millionen Blindgänger geräumt. Die Opferzahlen gingen deutlich zurück. Ein Erfolg, der wohl mit den jüngsten Bombardierungen zunichte gemacht wird. Hunderttausende flüchten vor den Bombardierungen aus den Städten und geraten in verminte Gebiete. Fazel Karim Fazel, Leiter einer lokalen Minenräumorganisation, berichtet, dass die Unfälle seit Beginn der Luftangriffe auf täglich fünfzehn hochgeschnellt seien.

Dazu kommt, dass Afghanistan zwar alle Arten von Minen der letzten drei Generationen «kennt», aber keine Erfahrungen mit Blindgängern von Clusterbomben hat, wie der Leiter des Uno-Minenräumprogramms in Afghanistan, Dan Kelly, sagt. Sein Büro in Kabul wurde mittlerweile auch zerbombt, mehrere seiner Mitarbeiter kamen dabei um. Kelly will sich das fehlende Wissen aus den Erfahrungen im Balkan aneignen und hat sofort einen Experten in den Kosovo geschickt. Auch Fazel Karim Fazel bestätigt, dass seine Minenräumer in Afghanistan nun ein intensives Training benötigen, um sich auf die Räumung der «neuen» Überreste der Bombardierungen vorzubereiten.

Wie die «New York Times» und «The Guardian» letzte Woche publik machten, setzen die Streitkräfte der USA in Afghanistan nun aber nicht nur «normale» Sprengkörper ein wie im Kosovo, sondern ersetzen sie teilweise durch eine besonders perfide Munition: Die B-1- und B-52-Bomber hätten die «CBU-89 Gator» Clustermunition benützt – ein Gemisch aus 22 Personen- und 72 Fahrzeugminen. US-Militärs behaupten zwar, dass diese Minen sich spätestens nach 15 Tagen selber zerstören. Dennoch zeigen die Erfahrungen aus dem zweiten Golfkrieg, dass mindestens zehn Prozent der Minen weiterhin aktiv bleiben.

Von den Gefahren, die von den neuen Blindgängern ausgehen, haben auch die internationalen Hilfsorganisationen Angst. Das WFP will Hilfslieferungen über Land organisieren, sobald es die Situation wieder zulässt. Da aber diese durch die Überreste der Bombardierungen gefährdet seien, habe das WFP den «Schweizerischen Verband für Minenräumung» (FSD) damit beauftragt, ein Schnell-Interventionsteam an Minenspezialisten zusammenzustellen, sagt Ian Clarke, Programm-Koordinator des FSD mit Afghanistan-Erfahrung. «Unser Auftrag beinhaltet die Lagebeurteilung, ob ein Hilfstransport durchgeführt werden kann und welches der sicherste Weg ist. Wenn es die Situation erfordert, müssen wir eine Strasse von Blindgängern und Minen befreien.» Das WFP will, dass Clarke und seine Spezialisten nach Afghanistan reisen, um die Situation abzuklären. «Ich bin bereit. Nur die Bombardierungen müssen noch eingestellt werden.»

Clustermunition ist weder durch die Ottawa-Minenverbotskonvention noch durch andere internationale Abkommen verboten, doch kann man sie als «Landminen mit anderem Namen» bezeichnen. Dies tut zumindest Rae McGrath, der Mitbegründer der Internationalen Kampagne gegen Landminen und Autor einer Studie zum Nato-Clustermunitionseinsatz im Kosovo. Er kritisiert, dass aus den Erfahrungen mit dem massiven Einsatz von Clustermunition in Vietnam und im zweiten Golfkrieg gegen Irak nichts gelernt wurde. Die Säuberung der Blindgänger koste Millionen, die die internationale Gemeinschaft aufbringen müsse. Auch der militärische Erfolg stehe in keinem Verhältnis zu den Folgekosten: Von 744 Nato-Einsätzen seien im Kosovo «nur» 58 als erfolgreich zu bezeichnen. McGrath verlangt ein sofortiges Moratorium auf Einsatz, Produktion, Handel und fordert Kompensationszahlungen für alle Opfer, ihre Familien und die betroffenen Gemeinden.

Die Schweiz gehörte 1976 einer Staatengruppe an, die Clustermunition verbieten wollte. Vom ursprünglichen konsequenten Engagement ist man in der Zwischenzeit abgekommen: Schon 1979 beschaffte die Schweizer Luftwaffe Clusterbomben. Unterdessen besitzt die Schweizer Armee Clustermunition im Wert von 600 Millionen Schweizer Franken. Der eidgenössische Rüstungskonzern RUAG tritt als Verkäuferin einer israelischen Clustermunition auf. Die Schweiz will sich aber für ein Verbot stark machen, das Clustermunition verbietet, die mehr als zwei Prozent Blindgänger hinterlässt. Das mindestens hält das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) sinngemäss in einem Papier zuhanden der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrates von Anfang 2001 fest.

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