01.11.2001

Der Tod trägt gelb

Von Judith Huber

«Achtung, edles Volk von Afghanistan», beginnt laut einem Bericht der britischen BBC die Nachricht, welche die USA per Radio in den letzten Tagen in den Sprachen Dari und Paschtu in Afghanistan verbreiten liessen. «Wie ihr wisst, haben die Länder der Koalition aus der Luft humanitäre Tagesrationen für euch abgeworfen. Die Lebensmittelrationen sind in gelbe Plastiktüten verpackt. Sie sind viereckig.» Und dann weist die Stimme darauf hin, dass nicht nur Lebensmittel, sondern auch Clusterbomben – die gefährliche Blindgänger hinterlassen – abgeworfen wurden. Diese seien ebenfalls gelb und könnten deshalb mit den Paketen verwechselt werden. Die Clusterbomben hätten aber im Gegensatz zu den Hilfspaketen eine zylindrische Form, beruhigt die Stimme. «Wir bitten euch aber, besonders vorsichtig zu sein und gelbe Objekte nicht zu berühren im Glauben, diese enthielten Nahrung.» Dann wird versprochen, dass künftig dort nicht mit Clustermunition bombardiert werde, wo zuvor Nahrungsmittelpakete abgeworfen wurden.

Eine Million Lebensmittelpakete im Wert von vier Millionen US-Dollar haben die USA trotz massiver Kritik bereits über Afghanistan abgeworfen. Und geben erst jetzt zu, dass Bomben und Pakete verwechselt werden können. Die nicht explodierten Clusterbomben sehen aus wie Soft-Drink-Büchsen, wirken harmlos und sind vor allem für Kinder attraktiv, wie Fazel Karim Fazel, Leiter einer lokalen Minenräumorganisation, sagt. Sie detonieren bei der geringsten Berührung, setzen hunderte von Stahlsplittern frei, die Menschen im Umkreis von über hundert Metern verletzen oder töten können. Wie hilflos die Menschen gegenüber diesen Geschossen sind, zeigt der Luftangriff auf die Stadt Herat in der Nacht auf den 23. Oktober. Dabei wurde auch ein Dorf namens Schaker Qala von Clusterbomben getroffen, das zwischen Herat und einer Taliban-Militärbasis liegt. Am Morgen trafen Dorfbewohner im Minenräum-Zentrum in Herat ein und berichteten, die Überlebenden könnten aus Angst vor den Blindgängern ihre Häuser nicht mehr verlassen. Die Minenräumer sicherten die nicht explodierten Geschosse notdürftig mit Sandsäcken ab, da sie nicht wussten, wie sie zu entschärfen sind.

Es gibt in diesen Tagen in Afghanistan viele Arten zu sterben. Drei Millionen Menschen brauchen laut Terre des Hommes sofort Nahrungsmittelhilfe. Médecins sans Frontières (MSF) verfügt über Berichte, wonach in der Region Sar-e Pol südlich der Stadt Masar-e Scharif bereits Menschen verhungert sind. Tausende sind auf der Flucht, irren von Ort zu Ort und werden immer schwächer. Viele klagen über Kopfschmerzen und Taubheit in Folge der Bombenangriffe. Durchfall ist weit verbreitet, die Gefahr von Epidemien steigt. Selbst eine zeitweilige Aussetzung der Luftangriffe würde nicht reichen, die Menschen ausreichend zu versorgen, so die Meinung mehrerer humanitärer Organisationen. Büros und Lager der grössten Hilfsorganisationen wurden geplündert, Fahrzeuge und Kommunikationsmittel für den Eigengebrauch entwendet, was die Aktivitäten dieser Organisationen lahmlegt oder zumindest stark behindert. Besonders eingeschränkt in seiner Arbeit ist das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), allerdings weniger wegen Plünderungen: Zum zweiten Mal sind seine Lager Ziel von Bombenangriffen der USA geworden – obwohl das IKRK das Pentagon genau über die Lage der Gebäude informiert hat und diese gut sichtbar gekennzeichnet sind. Vier von insgesamt fünf Lagerhäusern sind zerstört. Eine ausreichende Erklärung von den USA hat das IKRK laut ihrem Sprecher Kim Gordon-Bates nicht erhalten.

Das grösste Problem für die Arbeit der Hilfswerke seien die Luftangriffe, die entscheidend zur humanitären Katastrophe beitrügen, sagt Reinhard Fichtl von Terre des Hommes. Die andauernde Bombardierung der Städte treibe die Menschen in die Flucht; die relative Sicherheit und Ordnung, die von den Taliban gewährleistet worden sei, breche zusammen. «Das Land ist auf der Flucht, die Menschen befinden sich in einem tiefen Angstzustand», sagt Fichtl. Er befürchtet einen Stimmungsumschwung zugunsten der Taliban, wenn die Luftangriffe während des Fastenmonats Ramadan nicht aufhören. Zu Beginn der Bombardierungen hätten sich viele AfghanInnen gefreut, dass es den Taliban endlich an den Kragen gehe, so Fichtl. Nun aber verstünden viele den Krieg als Angriff auf Afghanistan und schlügen sich auf die Seite der Taliban – dies vor allem seit das Pentagon erklärt habe, dass Usama Bin Laden möglichweise entwische und die Bombardierungen trotzdem fortgesetzt würden.

Die Menschen in Afghanistan sitzen in der Falle. Sie flüchten vor den Bomben, dem Hunger, der Zwangsrekrutierung, den Plünderungen, den Racheakten und müssen befürchten, zwischen Kriegsparteien zu geraten. Die Städte sind zu drei Vierteln leer, die Menschen haben sich in entlegene Dörfer geflüchtet, wie Hilfsorganisationen übereinstimmend berichten. Nur verhältnismässig wenige AfghanInnen versuchen, über die – nach wie vor geschlossenen – Grenzen in die Nachbarländer zu gelangen. Manche gehen Hunderte von Kilometern zu Fuss, oft über unwegsame Berggebiete. Das Uno-Flüchtlingswerk UNHCR berichtet aus Pakistan, dass Flüchtlinge ihre schwachen oder behinderten Familienangehörigen, die den langen Weg nicht bewältigen können, zurücklassen. Diejenigen, welche in Pakistan über die – offiziell geschlossene – Grenze gelangen, sind jünger oder relativ zahlungskräftig. Die Ärmsten und Hilflosesten bleiben zurück.

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